James Salter lesen und etwas über Besprechungen erfahren

Alles, was ist, von James Salter gelesen. Zunächst konnte ich die Begeisterung, die das Erscheinen des Buches damals begleitet hatte, nicht recht verstehen. Mich irritierte die Beiläufigkeit, mit der Katastrophen aufgezählt wurden, auch diese im wahrsten Sinne des Wortes gleichgültige Perspektive hat mich irritiert. Dennoch konnte ich mich dem Buch nicht entziehen, da war etwas, das es besonders machte. Und jetzt,  nachdem ich es zu Ende gelesen habe, habe ich eine Rezension auf Zeit online gelesen, die meine Irritation aufklärt. Das ist die Erfahrung einer wirklich gelungenen Rezension, die das Werk einordnet, die erklärt, welche Form gewählt wurde und warum. Also nicht nur ein gutes Buch gelesen, sondern auch ein Stück weit wirklich begriffen, was Besprechungen leisten können. Leisten sollten.

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Eine Art Jahresrückblick

Natürlich bin ich ungerecht. Meine Erinnerung ist selektiv. Das sind Gemeinplätze. Völlig überflüssig zu erwähnen.

Es war ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem wirklich viel in Bewegung geraten ist. Eines, in dem viele Dinge definitiv zu Ende gegangen sind. Ein Jahr voller Schmerzen. Seelischer und körperlicher. Und voller Heilung, seelischer und körperlicher.

Was mir ungerecht mir selbst gegenüber vorkommt, ist diese Überzeugung, unter der ich immer wieder leide, dass ich mich einfach nicht verändere. Dass ich so was von auf der Stelle trete. Und dann merke ich, eigentlich leide ich gerade jetzt darunter, dass ich mich verändert habe. Nur eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Im Lesesaal diese Sätze gefunden: http://www.lesesaal.ch/2016/09/30/xxiv/

Genau das vermisse ich gerade sehr, das Schreiben ohne roten Faden, das Schreiben, das es ermöglicht, dass Gedanken sich klären, während des Schreibens.

Vor Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man mir erzählte, ich habe als Kind stundenlang Selbstgespräche geführt. Es gibt ein Foto von mir mit einen roten Plastiktelefon und es hat angeblich eine Kassette gegeben, Aufnahmen eines Telefongesprächs, das ich mit einem ausgedachten Partner geführt habe. Diese Kassette ist ebenso verschwunden, wie meine Redseeligkeit.

24. Dezember

Traditionen pflegen. Der eine kocht, während die andere Geschenke einpackt. Danach der rituelle Spaziergang durch die Märchenstraße. Bescherung. Freude und Erleichterung. Essen.

Später Mitternachtsmesse. Und während der einfallslosen, lieblosen Predigt die Vorstellung, wie M. und ich uns über die Kinder werfen, weil ein Attentäter die Kirche stürmt.

Dann wird O, du fröhliche angestimmt, und wir gehen nach Hause.

Depression und Fahrrad

Ein Gehirn mit Depressionen, das war wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager. Man konnte strampeln, wie man wollte, aber man kam doch nicht vom Fleck.

Frieder aß ziemlich hastig und viel. Er war immer als Erster fertig. Dann schob er den Teller von sich weg und sagte: „Ich bin satt. I am sad.“

(Auerhaus – Bov Bjerg)

Ich bin in der Beziehung ein wenig borniert. Wenn Bücher allzu einhellig, allzu euphorisch besprochen werden, mache ich gewöhnlich eher einen Bogen um sie. Um dann immer wieder, wenn ich über Umwege doch noch zum Lesen gekommen bin, festzustellen, dass einhelliges Jubeln nicht automatisch bedeuten muss, dass das, was bejubelt wird, mittelmäßig ist.

Auerhaus habe ich jedenfalls sehr genossen. Sicher auch, weil der Jahrgang stimmt, weil die Menschen, die in diesem Buch, traurig und verzweifelt, verrückt und phlegmatisch sind, das in genau der Zeit sind, in der auch ich das alles gewesen bin. Aber darüber hinaus ist es ein schönes Buch über Freundschaft und Jungsein, Scheitern und Tod.

Das Kind

Das Kind fällt schwerelos in ein Loch aus Zeit. (es müsste ein Strudel sein, denkt es, der mich einsaugt, bis nichts mehr da ist. Nicht der Hauch einer Erinnerung.) Aber da ist nur die Schwerelosigkeit. Das Loch. Und die Zeit.

Die Zeiten kollidieren nicht, wenn sie aneinander vorbeirasen. Es ist ein heilloses Durcheinander.

Plötzlich hat das Kind wieder eine Mutter, im nächsten Moment liegt es als Greisin auf dem eigenen Sterbebett. Die Bilder wechseln so schnell und ungeordnet, dass das Kind das Bewusstsein verliert. Alles ist schwarz. Aber nur eine kurze Zeit lang. Dann sieht das Kind seinen großen weißen Körper, aufgebahrt auf einem Bett. Überall an den Armen, den Leisten, und den Außenseiten der Beine, sind Stricke befestigt. Taue, die von hässlich gemeinen Kreaturen festgehalten werden, die es daran hindern, sich zu bewegen.

Nur der Kopf ist frei. Das weiß das Kind, obwohl es kein Gesicht erkennen kann. Das des gefesselten Körpers ebenso wenig, wie das der winzig kleinen, aber ungeheuer kräftigen Kreaturen.

 

Ihr seid alle nur da, weil es mich gibt, sagt das Kind, das das Kind gern sein würde. Und dann ist alles still und dunkel. Aber das Gegenteil von friedlich.

Am nächsten Morgen hat das Kind Kopfweh und Fieber. Aber es steht trotzdem auf. Zu funktionieren hat es gründlich gelernt. Und zu funktionieren beruhigt das Kind so gut und zuverlässig, wie nichts sonst auf der Welt.

Erinnerungen

Der Tisch im Garten trägt eine weiße Decke aus Raureif. Im Kopf die verfälschte Erinnerung, dass früher alles besser war. Ich stärker, die Dinge klarer. Vielleicht suche ich immer noch dieses alte Ich und kann es nicht finden, weil ich genau das all die Jahre versäumt habe: mich zu ändern. Mich nicht mit liebevoller Verwunderung zurückgelassen habe auf dem Weg.