Sprachlosigkeit

Die Zweifel. Und wie man sie täglich überwindet.

Die Vergangenheit beginnt sie aufzufressen, zu verzehren. Bis sie merkt, es gibt eine Vergangenheit, die nichts bedeutet, die lediglich eine Geschichte ist, und eine andere, Vergangenheit, die weh tut.

Es gibt Schichten von Vergangenheit, so wie es gute und schlechte Schmerzen gibt. Was es nicht gibt für sie ist Schmerzfreiheit, Zeitlosigkeit.

Die Vergangenheit ist jetzt, ist ein Teil ihrer Zellen, ihrer Gegenwart. Ein lebender Umkreis um eine leere Mitte. Die letzten warmen Tage des Jahres. Eine Menge unnütze (überflüssige) Informationen, und andere, bedeutende, Botschaften, die sie nicht entschlüsseln kann. Die Geschichte, die ihr Körper über sie erzählt, und die andere Geschichte, die der Verstand erzählt. Und sie selbst ist das, was von diesem Widerstreit sichtbar wird. An die Oberfläche dringt. Also für jeden etwas anderes. Viele unterschiedliche Geschichten. Und doch heißt Individuum das Unteilbare. Krank, alt, verständnislos. Sie sieht ein, dass das nicht teilbar ist. Dass es sich auflösen muss in eine Vielzahl von Geschichten, die nie (?) etwas mit ihr zu tun haben, oder nur zufällig, sondern mit demjenigen, der sie sich ausdenkt, sie glaubt. Sie vielleicht sogar für die einzig mögliche Wahrheit hält. Die Sprache und ihre Sprengkraft.

Ihre Kinder kennen sie nicht anders als mit einem Stapel Bücher auf dem Arm. Oder mit einem Stift in der Hand. Die Mütter in den Büchern, die sie vorgelesen bekommen, gehen ins Büro, stehen mit einem Kochlöffel in der Hand in der Küche, trinken mit Freundinnen Kaffee, telefonieren, treiben Sport. Sie nie. Sie liest und schreibt. Sie ist immer da. Und immer allein.

Sie ist eine Zumutung. Unbeständig in ihrer Bewegungslosigkeit.

Immer wenn sie einen Versuch macht, aufzubrechen, in die Welt zu gehen, die Bücher und den Stift gegen Handlungen, Bewegungen, Welt, einzutauschen, hält eine neue Krankheit sie zurück. Fesselt sie ans Bett, macht ihre Pläne zunichte. Sie beschwert sich nicht, jammert nicht. Sie bleibt, klaglos. Nicht präsent, aber anwesend.

Die Kinder leiden. Gemeinsam mit ihr oder stellvertretend. Wünschen sich weg, wünschen sie weg. Spüren, wie sie das schlechte Gewissen zurückhält.

Forderungen, die nie ausgesprochen werden.

Später werden sie sagen: es war die Sprachlosigkeit, die uns zusammen gehalten hat, und mit einem traurigen Lächeln hinzufügen: Bei einer derart sprachverliebten Mutter.

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