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Mir selbst Geschichten von meiner Andersartigkeit erzählen.

Der Glaubenssatz, etwas sollte so sein, etwas anderes wiederum ganz anders als es ist. Wie fest man sich darin verstricken kann, und die Fäden immer enger zieht, beim Versuch sich zu befreien.

Dieses Festhalten an der Vergangenheit (sie sitzt auf meiner linken Schulter).

Enri Canaj – The wind cries war

Eric Canaj- The wind cries war
Eric Canaj- The wind cries war

Von außen scheint alles so surreal, schreibt Enri Canaj zu seinem Projekt „The wind cries war“, aber wenn man näher dran geht, wird deutlich, was für eine ungeheure Kraft die Menschen aufbringen, um zu überleben, und diese Kraft speist sich ausschließlich aus der Hoffnung. Hoffnung ist ein Geschenk. Hoffnung überwindet Angst und Schwierigkeiten und lässt uns für eine bessere Zukunft kämpfen. Hoffnung ist die positive Energie, die dafür sorgt, dass wir weitermachen, egal wie hart die Situation ist.

Die Flucht, die Fluchtbedingungen, ist nichts, was allein die Flüchtlinge angeht, es betrifft uns alle, oder jedenfalls sollte es das. Als etwas, das zu uns gehört.

Verlieren und Finden, Ohnmacht und Liebe

Ich frage mich, wie ich immerzu von mir selbst schreiben kann, vom Verlieren und Finden und wieder verlieren, wenn kurz zuvor 49 Menschen in einem Club erschossen wurden, wenn kurz danach ein Polizist und seine Frau ermordet werden, und ein traumatisiertes dreijähriges Kind zurückbleibt. Wenn wieder wenig später, Jo Cox, die für Toleranz und Gerechtigkeit kämpfte, auf offener Straße ermordet wird. Warum es mir nicht gelingt, wütend zu werden, verzweifelt meinetwegen. Aber es reicht nur zur Resignation. Dazu im Kleinen weiter zu machen. Dem Hass, dem Terror, der Angst und der Hilflosigkeit immer wieder Liebe entgegen zu setzen. Und, so egoistisch und infam es auch ist, dankbar sein dafür, dass es meine Familie nicht getroffen hat.

Eitle Dichter

Tod wo ist dein Stachel. Damit spielt sie. Und mit den Bienen. Den Hornissen bei Anne Sexton. Den Bienen bei Thomas Kling.

Was ist der Unterschied zwischen einem guten und einem eitlen Dichter?

Zwetajewa an Gronski:

Die Worte in Ihren Gedichten sind zum größten Teil austauschbar, also sind es nicht die richtigen. Die Grundeinheit Ihrer Gedichte ist vorläufig der Satz und nicht das Wort. (…) Sie sind noch ein bißchen zu laut.“

Und ich merke, ich bin ein eitler Dichter. Ich warte nicht, bis ich etwas zu sagen habe. Etwas hinreichend bedeutendes. Etwas, das ausformuliert ist. Etwas, dem ich gründlich nachgegangen bin. Ich schreibe dies und das, um nicht in Vergessenheit zu geraten, um mir immer wieder meine Portion Aufmerksamkeit abzuholen.

Das ist keine Aufrichtigkeit. Das ist sich strecken nach Dingen, egal was für Dinge es sind, Hauptsache man bekommt seinen Teil davon ab.

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

 

Wetter

Ein Sturm kam auf, peitschte das Wasser in eine Richtung, brauste auf, wütete, das Plätschern des Springbrunnens übertönend, ebbte ab, nahm erneut Anlauf.

Der junge Mann, der sich auf das Wetter berief, während es schien als würde vor dem Fenster der Wind die Welt aus den Angeln heben, und nur ihr Haus bliebe stehen, umflüstert von der Stimme des Windes, der nicht müde wurde, Märchen zu erzählen, in denen er die Hauptrolle spielte, die des verwunschenen und zu guter Letzt erlösten Prinzen, die des armen Schwächlings, der endlich die Möglichkeit erhält, sich zu beweisen. Aber wer hörte schon den Wind, wer las Märchen?

Er war 16 Jahre alt, er hörte Schubert, Beethoven und Brahms, er las Märchen aus aller Welt. Was blieb ihm übrig, als sich auf das Wetter zu berufen?

 

 

Geburt

Zum Tag meiner Geburt habe ich meine Mutter begleitet. Wir kämpften von unterschiedlichen Richtungen, während sich das Licht brach, schworen wir einander nicht aufzugeben. Die Hoffnung nicht zu verlieren, die Zuversicht. Ich versprach ihr: durch mich wirst du geboren. Sie versprach mir, ich werde dich niemals verlassen, du wirst kaum einen Unterschied fühlen. Und die Natur und die Menschen um uns herum waren unermüdlich bei ihren Bestrebungen, uns zu trennen. Du wirst ihn endlich ansehen können, sagten sie ihr, ihn im Arm halten, aber meine Mutter wusste, sie vertrieb uns beide aus dem Paradies, wir waren auf dem Weg von der Vorstellung in die Wirklichkeit. Unumkehrbar dieser Weg. Und so lag ich wenig später blutverschmiert auf ihrem Bauch, während sie schon in diesem Moment die Schmerzen vergessen hatte und zögerlich versuchte an sich zu glauben. Zu glauben, die Liebe mit der mein Anblick sie überschwemmte, würde schon genügen, um nicht alles verkehrt zu machen. Würde die Angst überwinden können und die Unsicherheit.