Verlieren und Finden, Ohnmacht und Liebe

Ich frage mich, wie ich immerzu von mir selbst schreiben kann, vom Verlieren und Finden und wieder verlieren, wenn kurz zuvor 49 Menschen in einem Club erschossen wurden, wenn kurz danach ein Polizist und seine Frau ermordet werden, und ein traumatisiertes dreijähriges Kind zurückbleibt. Wenn wieder wenig später, Jo Cox, die für Toleranz und Gerechtigkeit kämpfte, auf offener Straße ermordet wird. Warum es mir nicht gelingt, wütend zu werden, verzweifelt meinetwegen. Aber es reicht nur zur Resignation. Dazu im Kleinen weiter zu machen. Dem Hass, dem Terror, der Angst und der Hilflosigkeit immer wieder Liebe entgegen zu setzen. Und, so egoistisch und infam es auch ist, dankbar sein dafür, dass es meine Familie nicht getroffen hat.

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11 Gedanken zu “Verlieren und Finden, Ohnmacht und Liebe

  1. Ganz gefangen bin ich noch von dem Gedicht und der darauf folgenden Besprechung, beides ist so unglaublich wahr und zart gesponnen, beide treffen sie mich mit Wucht. So, wie mich all diese Nachrichten, die du benennst, mit Wucht treffen. Mein Fass ist so voll, dass noch nicht einmal mehr Raum für Fassungslosigkeit ist, aber es läuft auch nicht über, keine Tränen, kein Schrei, stille Traurigkeit über den Fortgang (in) der Welt.
    Liebe, Freude, Schönheit sind Liebe, Freude, Schönheit.
    Kein Trost.

    herzlichst
    Ulli

    1. ja, das kann ich gut verstehen, mich nimmt Dorothea Grünzweigs Gedicht auch jedes Mal aufs Neue gefangen. Ich liebe es sehr. Gerade fällt mir ein, dass ich möchte, dass es auf meiner Beerdigung gelesen wird. Das würde mir sehr gefallen.
      Und Dein letzter Satz ist sehr weise. Ja, all das ist, was es ist, und kein Trost. Danke.

      1. Das ist ein großer Gedanke, dieses Gedicht auf (d)einer Beerdigung zu lesen. Nur ich könnte es dann wohl nicht lesen, vor lauter Tränen. Jetzt danke ich dir und lasse mal noch sacken.

  2. Ja. Und genau weil es all diese Schrecklichkeiten gibt, müssen wir bei allem Mitgefühl weiterhin alles tun, um diese Welt zu einem Ort der Liebe zu machen, denn sonst, denn sonst würden wir den Monstern diese Welt überlassen und niemand wüsste, dass diese Menschen gelebt und geliebt haben und wussten, wie man wirklich glücklich ist. Wenn wir alle unsere Fähigkeit zum Glück verlieren, hätten sie gewonnen. Teilen wir also unsere Glücksmomente, trauern wir maßlos, lieben wir die Opfer, lieben wir das Glück und versuchen, den Ort um uns herum zu einem liebevollen zu machen. Und vergessen niemals die, die zu Opfern werden mussten, weil andere aus Missgunst, Selbsthass, Unfähigkeit zu lieben und glücklich zu sein, es einfach nicht ertragen, andere glücklich, einfach glücklich und liebevoll und lustvoll zu sehen. Niemals sie vergessen, sie immer einfach nur lieben, ihre Lebensfreude weiterleben und tragen. Und Widerstand leisten, wo es wirklich nötig und sinnvoll ist. Nie vergessen… usw. usf.
    Herzlich und betroffen.
    Silvia

    1. Danke schön. Eine wirklich gute Rede. Ich glaube, das vergesse ich leicht, dass es den Terroristen u.U. genau darum geht, uns die Freude, und vor allem die Hoffnung zu nehmen. Dann hätten sie gewonnen. Danke fürs Erinnern.

  3. Ja. Solche Gedanken gehen mir auch durch den Kopf. Samt dem zuweilen schlechten Gewissen.

    Letztlich kann ich es nicht willentlich ändern, aber da ich ja schreibenderweise AM Selbstheilen bin, ist es wohl okay so.

    1. Ja, es ist diese Ohnmacht, oder? Dieses Gefühl, völlig tatenlos, völlig chancenlos dem allen gegenüber zu stehen, und rein gar nichts tun zu können. Dabei ist es vielleicht, wie die Springerin sagt, eine gar nicht so geringe, und erst recht keine überflüssige Aufgabe, einfach stand zu halten, an der Liebe und der Hoffnung fest zu halten.

  4. Das Leben läuft nach anderen Regeln als das Sterben. Deshalb sind beide nicht in Beziehung zu setzen. Ich lebe solange, bis auch ich tot bin. Und ich möchte, dass andere dann auch leben, und nicht mein Sterben nachvollziehen. Morde, auch solche, die durch stetes Wegschauen geschehen wie im Mittelmeer, sind aktuelle Katastrophen. Wir können (und sollten) um die Getöteten trauern und uns fragen, was wir ändern können. Wir können sicher etwas erreichen, wenn wir in unserer politischen Haltung auf Hoffnung und Kooperation setzen. Das halte ich momentan für entscheidend. Wählen gehen und solche Parteien oder Politiker/innen wählen, die dafür stehen. Ansonsten Hoffnung und Kooperation leben. Ich glaube nicht an Ohnmacht. Ich denke eher, dass unsere Handlungen andere Wellen schlagen, als wir denken.

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