Meine Mutter

Meine Mutter, die, so wird mir jetzt klar, von Anfang an damit beschäftigt war, zu verschwinden, zu sterben, die sich immer nur auf das Vergehen der Tage konzentriert hat, wie ein Gefangener, der die Tage abstreicht. Die behauptete, uns zu lieben, für uns da zu sein. Und vielleicht glaubte sie wirklich auf das Sterben zu verzichten, zu warten, bis es irgendwann von selbst eintreten würde, und bis dahin die notwendigen Arbeiten mechanisch auszuführen, würde genügen. Zu kochen, zu waschen, unsere Nasen zu putzen, wäre Liebe genug.

 

Vielleicht hat sie Angst vor dem Sterben gehabt, vielleicht ein schlechtes Gewissen, den selbstauferlegten Zwang, immer für uns da zu sein. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis sie es wagte, bis sie manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde, sagte: geht jetzt bitte. Lasst mich allein. Mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, weil sie wusste, dass sie nichts schlechter erträgt, als allein zu sein.

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9 Gedanken zu “Meine Mutter

  1. Ich kann die mütterliche Depression verstehen: M. E. wird weltweit das „Muttersein“ kaum anerkannt. Es gilt als selbstverständlich, wird kaum beachtet, selten gelobt, schon gar nicht entlohnt, ist unsichtbar, gilt nicht als Talent, ist kein Beruf, hat keinen Wert, gilt als Karrierehindernis usw.
    Mich erfüllt diese Tatsache mit Trauer und Wut.

    Das Mütterliche, Weibliche wird vom weltweit herrschenden Patriarchat unterdrückt (dazu zähle ich auch falsche, dh. einschränkende und einsperrende Glorifizierungen, wie sie die Nazis oder religiöse Fundamentalisten praktizieren).

    Das Kind, der kleine Junge, später der Mann, sind eigentlich abhängig von der Mutter. Sie ist groß, sie ist mächtig, deshalb muss sie kleingemacht werden.

    Es ist das weltweit vorherrschende Patriarchat, welches für die Unterdrückung und Einengung des Mütterlichen gesorgt hat. Nicht Penis-Neid, Uterus-Neid führt zur Destruktion des Welt-Friedens und treibt die Frauen entweder in die Depression oder in eine lächerlichen Anpassung an ein patriarchal dominiertes Wertesystem.

  2. Für mich stellt es sich so dar, dass sie sich vielleicht einem religiösen Leitsatz unterworfen hat. Oder dass er ihr übergeworfen wurde und sie verstand nicht, sich zu wehren.

    Wenn eine unter Depression und Lebensangst es schafft, so weitgehend ihre Aufgaben zu erfüllen, habe ich – bei aller Trauer um die Frau und die Kinder – großen Respekt, dass sie durchgehalten hat.

  3. Ihr Lieben, euch allen ein ganz herzliches Dankeschön für die vielfältige Resonanz auf diesen Text. Das zeigt mir, dass ich damit durchaus etwas ausdrücke, das einige angeht. Das hilft mir wiederum dran zu bleiben und weiter zu machen. In diesem Sinn nochmals Danke für den Input.

  4. Ich habe auch so eine Mutter. Sie hat durch gehalten, hält immer noch durch mit 89. Sorgen machen ist ihr Hauptlebensinhalt, Leiden und Klagen sind ihr tägliches Brot. Ihre Sorgen sind wie ein Fluch. Wenn man sich dauernd Sorgen macht, hält man den anderen ja nicht wirklich für überlebensfähig. Ich denke manchmal darüber nach, wie sich die Weltkriege und ihre Auswirkungen wohl an Kinder und Kindeskinder weiter vererbt haben. Meine Mutter ist nie erwachsen geworden und letztlich dreht sie sich nur um sich selbst. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, das zu akzeptieren. Ihr eigenes innerpsychisches System hält sie gefangen und dazu gehört eben auch, durchzuhalten um jeden Preis und die Zähne zusammen zu beißen.

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