Von Raumschiffen und der Unmöglichkeit eine bequeme Haltung zu finden

Ich habe nie geglaubt, Besprechungen schreiben zu können. Der erste schriftliche Kommentar zu einem Buch, ist mir einfach so geschehen, ich war überwältigt von „Der Liebhaber“, jeder einzelne Satz hat so viel in mir ausgelöst, dass die Sätze fast wie von selbst auf das Papier flossen.

In dieser ersten, fast unabsichtlich geschriebenen Besprechung, berücksichtigte ich vermutlich kein einziges der Kriterien, die eine „professionelle Kritik“ ausmachen. Und dennoch ist dieser Text mir immer noch der liebste. Der, hinter dem ich voll und ganz und ohne Minderwertigkeitskomplexe stehen kann.

Am Anfang der Lyrikkritikdebatte, die seit Mitte März im Netz wuchert, stand u.a. Tristan Marquardts These, die gegenwärtige Lyrikkritik könne weder abbilden, was sich in der Lyriklandschaft zurzeit alles tut, noch bewege sie sich – bis auf einige Ausnahmen – inhaltlich auf ihrem Niveau.

Diese Vorwürfe treffen auf mich zu.

Das Problem ist dabei zum einen mein Halbwissen, zum anderen meine zu wenig eindeutige Haltung, und nicht zuletzt, die Tatsache, dass ich gar nicht so sicher bin, ob ich Interesse daran haben, Gedichte einzuordnen, eine Lyriklandschaft abzubilden. Eher gehe ich da mit Paul Henri Campell, wenn er schreibt, dass es bei jedem Gespräch über Literatur um ein Verständnis dessen gehen muss, „was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet…

Allerdings scheint das in Bezug auf Lyrik sehr viel komplizierter zu sein, als es ohnehin bei jeder Literatur schon ist. So kompliziert womöglich, dass das Interesse an derartiger Kritik den engen Rahmen der ohnehin in engem Bezug mit Gedichten stehenden Menschen, nicht erweitert, geschweige denn sprengt.

Ich habe das Express Experiment u.a. auch dazu missbraucht, um herauszufinden, wie ich mit Lyrik umgehe, wie ich anders, möglicherweise besser, weil angemessener, mit Lyrik umgehen könnte. Dabei bin ich meines Erachtens gescheitert. So dass ich jetzt vor der Frage stehe, ob ich überhaupt weiterhin Lyrik besprechen will. Ob ich meine Standards so anpassen will, dass sie allgemein als zumindest professioneller als bislang gelten können, oder ob gerade das, das Erarbeiten und in der Folge Abarbeiten an Standards und Kriterien, mir nicht die letzte Freude an dieser Beschäftigung nehmen würde.

Mein Problem ist ja nicht zuletzt, dass ich jedwede Forderung als berechtigt betrachte, statt mich zunächst einmal zu fragen, ob sie überhaupt haltbar ist, ob ich das wirklich nachvollziehen kann. So dass ich mich jetzt der Frage stelle, wie ich mir ein Verständnis erarbeiten kann, was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet.

Mehr als an meinem mir von mir selbst unterstellten Halbwissen, leide ich, und leiden meine Argumentationen, vermutlich unter meiner fehlenden Haltung. Während die einen, sich klar für das experimentelle Gedicht entscheiden und gegen die Möglichkeit des Verstehens, glaube ich prinzipiell jedem, der sich die Mühe macht, etwas zu behaupten, und verliere so, zwischen allen Stühlen sitzend, schnell jede Art von Überblick.

So viel zu der Frage, was mich als „kleine Rezensentin“ von Großkritikern unterscheidet.

Campell schreibt „Verantwortung übernehmen statt Maßstäbe setzen“. Das gefällt mir sehr. Das hilft mir weiter. Ebenso wie Jan Kuhlbrodts These von der Literaturkritik als Selbstaufklärung.

Aber vieles was ich in diesem Diskurs lese, wirkt einschüchternd auf mich. Eine Einschüchterung, die, gepaart mit meinem mich und meine Kritikfähigkeit ohnehin einschränkenden Harmoniebedürfnis, wunderbar wirkt.

Dabei geht es nicht darum, alles richtig zu machen, sondern seinen Weg möglichst nachvollziehbar aufzuzeichnen, auf die Gefahr hin, „nicht anzukommen“ (wie Frank Milautzcki das im schönsten doppelten Wortsinn formuliert hat).

Ich weiß tatsächlich nicht, was ein Gedicht ist. Aber ich versuche es bei jeder neuen Lektüre herauszufinden. Manchmal scheitere ich und manchmal bin ich die einzige, die trotz aller Versuche keinen Zugang findet. Dann von meinem Ausgeschlossensein zu erzählen, ohne Schuldzuweisungen in Richtung des Gedichtes zu erteilen, aber auch ohne mein Scheitern meiner fehlenden Bildung oder Informiertheit anzulasten, fällt mir schwer. Aber genau das gilt es auszuhalten. Am Tisch sitzen zu bleiben, wenn es ungemütlich wird, statt im eigenen Raumschiff davon zu schweben.

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu “Von Raumschiffen und der Unmöglichkeit eine bequeme Haltung zu finden

  1. Diese ganze Debatte ist für mich zutiefst verwirrend, habe längst den Faden verloren und finde mich nicht zurecht. Ich nehme an, ursprünglich gings darum, der Lyrik einen besseren Platz zuzuweisen, als sie ihn bisher hatte. Dein kluger Aufsatz zeigt in schmerzender Wahrhaftigkeit meines Erachtens genau sowohl die Unmöglichkeit, sezierend einem Gedicht gerecht zu werden als auch die Notwendigkeit, sich ihm zu stellen und darüber zu berichten. Aus diesem Dilemma kann was Gutes rauskommen, aber auch viel, viel heisse Luft. Es gibt schon mehr als genug Gerede darüber von extrem gescheiten ExpertInnen, deshalb von mir hier nur noch dies, auch wenn es vielleicht polemisch erscheint: mir ist es allemal tausendfach lieber, ein Gedicht selber zu lesen, auch wenn ich mich plagen muß, um es zu verstehen, auch wenn es geschieht, daß ich es liebe, ohne es zu verstehen, und – zu einem Gedicht zu halten, hinter ihm zu stehen, auch wenn es sich noch so sperrt…“am Tisch sitzen zu bleiben, auch wenn es ungemütlich wird“…und als Lohn den Himmel geschenkt zu bekommen…

  2. Eine Kritik über Lyrik kann wohl eine Debatte auslösen. Ob dieselbe sinnvoll erscheint, bezweifle ich sehr stark. Ich selbst könnte keine Kritik über Lyrik verfassen. Ich könnte höchstens anmerken, ob mir etwas gefallen hat oder nicht. Das könnte ich begründen, wobei meine Argumente vermutlich sehr schwach wären. Es gibt Lyrik, die mich anspricht und andere, die für mich nur aus Aneinanderreihungen von Worten besteht. Dazu kommt noch, dass ich ja allerhöchstens Lyrik kommentieren dürfte, die in deutscher Sprache verfasst ist. Allerdings kann Lyrik, die auf russisch oder englisch gedichtet wurde, für mich eine große Wirkung haben. Dabei sind die Inhalte vielleicht nicht einmal so ansprechend, – weil eher dramatisch und zutiefst traurig – doch ihre Wirkung bleibt nicht aus, wenn ich jetzt z.B. an Achmatova oder Svetajeva denke.
    Kritik halte ich an sich schon für eine verrückte Angelegenheit. Sie hat in meinen Augen nur eine Berechtigung, nämlich dann, wenn ein Lehrer etwas bei seinem Schüler kritisiert. Das geschieht aus vornehmen Gründen und bewirkt hoffentlich auch eine Verbesserung des Schülers. Ansonst ist Kritik möglicherweise interessant zu lesen und kann informativ sein, wenn es um die Beurteilung einer materialistischen Angelegenheit geht. Ich schreibe z.B. Kritiken über Restaurants. Ich schreibe sie nicht, weil ich mir dabei so gut vorkomme, sondern ich will auch die Kritik von anderen Besuchern lesen. Wenn ich die Beurteilungen anderer Leser durch eigene Probe nachvollziehen kann, bildet sich nach einigen Kritiken ein Bild vom Geschmack der Kritiker und ich kann daraus Schlüsse ziehen, ob ich ein Lokal, in dem ich nie war, überhaupt besuchen möchte.
    Ganz kritisch stehe ich allerdings Musikkritiken gegenüber. Da kann ich nur die Anekdote über Franz Reger (glaube ich) zitieren. Der schrieb auf einen Verriss in der Zeitung folgende Antwort: Sehr geehrter Herr N.N., ich sitze im kleinsten Raum meiner Wohnung und habe ihre Kritik vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben.
    Warum bin ich da so „kritisch“. Die Geschichte lehrt uns, dass die Beurteilung von Kunstwerken im Allgemeinen absolute, subjektiv ausufernde Scheiße ist. Das liegt nicht immer an den Kritikern selbst. Die letzten Klaviersonaten von Franz Schubert hat Schumann sehr abfällig beurteilt. Es hat eines Brahms bedurft, um ihre Größe zu erkennen. In vielen Fällen war die Musikkritik von egoistischen oder politischen Beweggründen geleitet. Doch selbst dort, wo das nicht der Fall war, kann es einfach passieren, dass der Komponist seiner Zeit weit voraus war und es erst nach Verstreichen größerer Zeiträume gelungen ist, die Musik zu erkennen. Beispielsweise wird heute ein J.S. Bach überragend eingeschätzt, obwohl er kurz nach seinem Ableben kaum bekannt war oder gespielt wurde.
    Ich könnte hier nicht etwas über die Interpretationsbeurteilungen anfügen. Da könnten sich die Argumente leicht auf die darstellende Kunst ausweiten lassen.
    Dabei gebe ich hier ein echtes Kritikerurteil ab, bei dem ich auf große Anfeindungen gefasst bin. Im Allgemeinen ist das heutige Regietheater vielleicht bei Theaterstücken noch zu ertragen, doch bei verschiedensten Operninszenierungen würde ich die Regisseure am liebsten mit dem nassen Fetzen davon jagen. Begründung: es gibt Inszenierungen, bei denen die Arientexte so im Widerspruch zum Bühnenbild stehen, dass ich mich frage, ob der Regisseur überhaupt die Oper kennt. Ein eindeutiges, wenn auch leider kein einmaliges Beispiel ist hier der Rosenkavalier in der Salzburger Aufführung.
    Also wenn ich mich darüber aufrege, ist das meine persönliche Angelegenheit. Ich bin nicht beleidigt, wenn das anders gesehen werden kann. Doch es zeigt, dass Kritik einfach eine Befindlichkeit ist. Mag ich, mag ich nicht. Und ich sehe keinen Grund, warum das bei der Lyrik anders sein sollte.

    1. Ich halte Kritik so wenig für eine verrückte Angelegenheit, wie Gespräche und Auseinandersetzungen an sich. Es kommt nur sehr darauf an, wie sie geführt werden. Was wirklich anstrengend ist (und m.M.n. auch häufig unnötig) sind die vielen Mißverständnisse, die Häufigkeit von Gesprächen, die aneinander vorbeilaufen, statt aufeinander einzugehen und sich wirklich, d.h. fair und konstruktiv auseinander zu setzen.
      Und nur weil Kritik nicht objektiv sein kann (und vielleicht auch gar nicht soll) ist sie doch nicht überflüssig, und auch mehr als Ausdruck von „Befindlichkeit“. jedenfalls wenn sie gut gemacht ist. Mir gefällt sehr, Kritik mit einer Reisebeschreibung zu vergleichen. Mit der Beschreibung eines Weges durch teilweise unwegsames Gelände, im vollen Bewusstsein, dass man sich verirren kann, und u.U. nicht ankommt. Dazu braucht es Mut. Den sammle ich gerade.

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