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Jeder Mensch hat ein Talent. Und böse oder traurig, gefährlich oder vollkommen nichtsnutzig wird er nur dann, wenn er dieses Talent nicht ausüben, ausleben kann. Wenn er so neben sich her leben muss, an sich vorbei. Weil er an das Talent allein nicht glauben kann, oder Angst hat, oder sich weigert, ausgerechnet dieses Talent zu haben. Und dann zählt er lieber wie viele Tage noch bis zu seinem Tod. Und wenn das nicht mehr geht, wenn einfach nichts mehr auszuhalten, aber auch nicht zu ändern ist, dann liest dieser Mensch eben ein Buch.

Die Geschichte, die in mir steckte, war spätestens mit dem frühen Tod meines Vaters so unübersichtlich geworden, dass ich den Trost von Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende, mit Handlungen und Sinn, mit einem Ziel und nachvollziehbaren Gründen, bitter nötig hatte.

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Vielleicht brauchen wir auch darum Geschichten, um von Zeit zu Zeit zu vergessen, dass es keine Wahrheit gibt. Das alles nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen. Eine Geschichte, die man auch ganz anders erzählen könnte.

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Briefe an das Leben schreiben, an ein sich veränderndes und gleichzeitig beunruhigend starr bleibendes Ich. Der letzte Sommer. Bevor zum ersten Mal das Unfassbare geschah. Wir haben unsere Leben. Und die Gefangenschaft in Vorstellungen. Die wir schreibend befreien könnten. Hätten wir den Mut und die Ausdauer.

Beim Kaffeetrinken in der Stehcafeteria erzählte der Prof, dass er seinen Hund im überheizten Auto verenden ließ. Während die sehr schöne, sehr charismatische Studentin von ihrem Praktikum im Hamburger Strafvollzug berichtete.

Danach geschah einige Jahre lang nichts. Keine auf Papier aufgezeichneten Schwingen, keine plötzlichen Todesfälle, keine aufregenden Bekanntschaften. Keine Krankheiten und Liebesdramen. Stattdessen Alltag. Umzüge, die ganz normale Geldnot. Der ungeteilte Kinderwunsch.

Sie bezogen eine kleine Wohnung mit zwei sehr kleinen und einem mittelgroßen Zimmer und malten die Wände bunt an. Einmal übernachtete B. mit ihrem Freund dort. Danach brach der Kontakt ab.

Die Parks und Wälder. Die unerträglichen Kopfschmerzen. Jemand, der all die Zeit, trotz allem, bei mir geblieben ist. Der Hund und unsere Spaziergänge. Der Tischapparat. Die Mensa. Aber das war schon wieder eine andere Wohnung. Und ich nur noch ein bisschen jung. Längst an der Schwelle endgültig erwachsen zu werden. Was sehr schwierig ist, ohne Kinder zu haben.

Wasser

Neue Puzzleteile auf der Suche nach der Antwort zur Frage, warum mich Wasser so sehr fasziniert

Christine Kappe schreibt: „Manchmal wusste ich nicht, ob eine Sache aus festem oder weichem Material bestand. Aber es war nicht so entscheidend, denn die weichen Dinge wurden auch hart mit der Zeit[…]“

Und dann sehe ich die Bilder von Nicole Tijoux, die ich bei Pagophila entdecken durfte, und lese bei der weiteren Recherche von ihr selbst folgende Erklärung zu diesen ihrer Bilder:

http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg
http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg

 

„So, my work studies visual transformations that a body has when interacting with water, how the figure actives the background with it. Also the way the shape vanishes in the vapor of the water, and the ghostly appearence of the body. I tried to explore different pictorial ways to solve the image, to splash paint, or dripping it, or many watercolur effects.“

Die Bilder stellen übrigens, das schreibt sie auch, Menschen dar, die mit Wasserwerfern der Polizei konfrontiert sind.

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Ich aber bin alt und von hölzerner Gestalt. Wohin stößt mich die Zeit?

Ich finde mich ab mit der Zeit. Frage: was ist das für eine Abfindung? Wofür? Für die verlorene Jugend? Unsicherheit? Die Länge des Weges, die noch vor mir liegt?

Ich spüre, wie ich weicher werde, wenn ich schreibe. Und ganz deutlich, dass mich im Grunde nichts außer dem Schreiben retten kann. Die rote Tinte auf dem weißen Papier.

 

Wir sammeln Beweise

Wir sammeln Beweise. Die feinen Linien in den Gesichtern. Und was es bedeutete, wenn sie sich trafen. Jeder durfte eine Vermutung aufstellen, und derjenige, dessen These am stichhaltigsten war, oder der sie am überzeugensten vortragen konnte, gewann. Ich konnte das nie unterscheiden. Ich konnte nie entscheiden, was schließlich den Ausschlag gab. Die Form oder der Inhalt.

Möglicherweise ging es nur darum nicht nach der Wahrheit zu suchen, sondern möglichst schnell irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

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Was wir aufgeben, wenn wir aufhören, mit Steinen zu sprechen, ist die Leichtigkeit, die Möglichkeit alles zu sein und zu tun, weil wir uns nicht von unserem Verstand auf dem Boden festhalten lassen. Weil wir den Gedanken nicht erlauben, dass sie uns die Flügel stutzen. Was wir immer noch haben, auch wenn wir nicht mehr mit Steinen sprechen können, ist unsere Liebe, die jeden Stein zu einem Lebewesen machen kann.