(17)

Man stellte ihr ein Bein. Eher absichtslos. Wer sich dann entschied, über das ausgestreckte Bein zu stolpern, war sie selbst. In vollem Bewusstsein. Mit voller Absicht.

Die Geräusche aus dem Hintergrund (Hinterhalt?), die sie heute so wenig wie all die Tage zuvor einordnen kann, spielen sich vor einem blauen Himmel ab. Auch die Sonne ist schon da.

 

Der Verlust der Kindheit. Klein sein, Kind sein, glauben und vertrauen können, in der magischen Welt leben, wo nahezu alles belebt ist, alles voller Fantasie. Jede Handlung ein Abenteuer. Ein Verlust, der niemals aufgewogen werden kann. Was sind Erfolg, Sexualität, Selbstbestimmung, gegen dieses Paradies?

 

Die Spitze meiner Ratlosigkeit brennt langsam aus. Hüllt mich ein. Begräbt mich unter meiner unstillbaren Sehnsucht nach früher, viel früher. Am besten noch vor meiner Geburt.

 

Meine Cousine hat man um die Osterzeit herum aus der Nidda gefischt. Sie war nur kurz verschwunden, und dann schon tot. Auf meiner Hochzeitsfeier, fünf Jahre vor diesem Osterfest, an dem sie sich ganz auf das Sterben konzentrierte, während alle anderen die Auferstehung feierten, hatte sie mir skandinavische Namen für das Kind, das ich erwartete, vorgeschlagen.

 

Immer wieder diese Abbrüche, fehlende Anschlussstellen. Lücken, die sich wie Abgründe anfühlen.

Mein Leben und dieses Nicht mehr leben von so vielen, die ich gekannt habe.

Anne Sexton

Ich lese ein Gedicht von Anne Sexton und es ist nicht notwendig, irgend etwas zu verstehen, weil ihre Worte mich treffen. Sie ersteht auf, ist lebendig für diesen Moment und es ist ihre Stimme, die mir das Gedicht vorliest, mit einem schmerzlichen Lächeln. Ganz kurz sehen wir uns an, bevor sie wieder verschwindet.

Anne Sexton lesen, ist den Tod berühren, die eigenen Wunden aufreißen, keinen Trost erwarten und in dieser Trostlosigkeit etwas einmaliges zu finden. Vielleicht so etwas wie Wahrheit.

19. April

Kann man den Dingen Namen geben und dann verschwinden? Die Bezeichneten mit ihrer Bezeichnung allein lassen?

Das Schreiben ist wie die Tropfen am Fenster, nach dem Hagel, kleine kompakte, selbstständige Tropfen, scheinbar ohne jegliches Bedürfnis, sich miteinander zu verbinden.

April

Notizzettel meine gelbe Jacke
Und auf der Lehne vom Stuhl ein Stück Papier
Brotkrümel und Honigflecken
Vor dem Fenster lauert der Tag und will rein
Auf der Straße die Kinder mit ihren Rädern
Klingeln und singen und fallen hin
Sind wir denn auch jemals so verletzlich gewesen
Und unser Leben so voll
Ohne fragwürdige Antworten
Dafür jedes Wort immer wieder ganz neu
Und von weitem ein Aprilgewitter
Aber am Horizont zieht schon ein Regenbogen auf
Und geht wie die Zeit
Darüber hinweg

(16)

Sie hatte einen schönen Namen. Sie sah gut aus. Aber was mich am meisten zu ihr hinzog war die Tatsache, dass ich kein Wort von dem, was sie sagte, verstand.

Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.