Saša Stanišić

Sasa Stanisic möchte auf einer Pegida Demo Hölderlin, Tucholsky und Karl May vorlesen. Allein diese Formulierung „versorgte Bürger“ ist so großartig, dass ich mich verneige. Aber was ich wirklich liebe, ist dieser Glaube, diese nicht kaputt zu machende Hoffnung, dass Literatur die Kraft hat, Dinge zu verändern, indem sie Menschen verändern könnte, wenn die bloß lesen und zuhören würden.

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(23)

Mein erstes Kinderbuch der Geduld.

Und der plötzlich hereinbrechenden Kälte.

Nicht mehr beschränkt auf die Suche.

Vielmehr versuchen den Mut für eigene vorläufige, vielleicht sogar falsche, Antworten zu finden.

(22)

Ein Teil von mir ist längst schon tot. Ein anderer lebt weiter. Kein Rhythmus gibt es her diesen toten Teil wieder auferstehen zu lassen. Wir suchen die Bedeutungen in der Form, stoßen uns wund an unseren Gedanken. Schrankenwärter der Vernunft.

Eines Tages erwachte E. mit einem Todesgedanken, mit den Resten einer längst verfaulten Haut.

Die Form verändert uns. Oder verändern wir uns nur auf die schrecklichste Weise, weil wir an der Form festhalten, die wir für uns selbst halten und die doch vergehen muss, verschwinden, immer weniger werden, sich auflösen in wohlwollend durchsichtigen Nebel, damit etwas frei gesetzt wird, entweichen und heimkehren kann, das wir nicht mehr ich nennen, das uns im wahrsten Sinne des Wortes ausmacht?

(21)

Allein in der Küche sitzen und die Vergangenheit vermissen, während ich gleichzeitig weiß, dass ich die Vergangenheit gar nicht zurück haben will.

 

(20)

Die Zeit fließt. Ich stehe.

Etwas hält mich zurück, das viel stärker zu sein scheint als ich. Dabei ist es nur hartnäckiger. Geduldiger.

 

Und was bleibt nach dem Tod?

Nichts. Nur die Lebenden, die sich zulächeln, die sich erinnern. (Marguerite Duras, C´est tout)

 

Ich habe verlernt zu spielen. Oder ich habe nie ernsthaft genug gespielt.

Das Mädchen mit den Zündhölzern

Wir hüteten unser Augenlicht, weil es nichts gab, was wir sonst hätten hüten können. Unser Kind war so hungrig wie wir. Allein, sie hatte die Hoffnung noch nicht verloren. So ging sie auch an diesem Wintertag mit bloßen Füßen hinaus, um Zündhölzer zu verkaufen. Ein Brand, den keine Tränen löschen können. Das ist es, was uns seither am Leben hält.

(19)

Ein verletzliches Werk. Und der Schatten der Unvernunft, der das wieder sichtbar macht, was zuvor im grellen Licht verdampfte. Kondensate. Auf dem Weg Eiskristalle zu werden. Wir verlaufen uns in den Irrwegen, den bestrickenden Mustern, die unser Hirn webt, damit wir das Netz der Vernunft nicht verlassen.

 

Möglichst wenig Spuren hinterlassen, schreibt Ilse Aichinger. Langsam beginne ich zu begreifen, wie richtig das ist.

18. April

Zwei Leichen auf dem Weg hier her. Ein Küken unterhalb der Brücke und hier an den Teichen ein platter, seltsam ausgetrockneter Frosch. Ein Schwan zieht majestätisch seine Runden. Ich habe das Gefühl, alles, was ich zu sagen hätte, ist längst schon gesagt worden. Und was andere sagen, verstehe ich nicht. Du bemühst dich zu wenig, sagt die Stimme in mir, die mich Tag für Tag müder macht. Und dann bricht die Sonne durch die Wolken, der aggressive Hundebesitzer schweigt. Ich bin ein verlassenes Kind, das tapfer auf den Tod zugeht.

(18)

Dann fasste der Tag zu. Wie ein Hund. Oder unfassbar. Wir gehen neue Wege und stolpern dabei. Manche reden sich um den Verstand.

Die Vergangenheit steht neben mir an der Wand. Die Zeit schwingt sich über das Leben hinaus.

Ein Kind, ganz in rosa. Rosa Kleidung und rosa Fahne am rosafarbenen Fahrrad, fährt ganz allein die Straße hinunter.

Wir geben uns keine Mühe, einander zu verstehen.