Kerstin Becker – Biestmilch

Ilse Aichinger hat darauf hingewiesen, dass das Schwierigste und zugleich Unverzichtbarste am Schreiben das Schweigen sei. Ich bin mir sicher, dass Kerstin Becker sehr gut versteht, was damit gemeint ist. Nicht nur weil vier Jahre Arbeit in ihrem klug und genau durchkomponierten Gedichtband stecken, sondern vor allem, weil man lange schweigen muss, bis die Bilder der Kindheit mit solch einer Klarheit und poetischen Kraft hervortreten können, wie es in „Biestmilch“ geschieht.

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23. März

Irgendwie scheint das Mitgefühl, die Betroffenheit aufgebraucht zu sein. Brüssel ist nicht weniger nah, nicht weniger grauenhaft als Paris und doch erreicht es mich nicht in derselben Art, scheint mich weniger anzugehen. Und offenbar bin ich nicht die einzige. Zunehmend tauchen diese „Je suis sick of this shit“ Embleme in den sozialen Netzwerken auf. Wir sind müde, ratlos. Nicht zuletzt überfordert. Also machen wir dicht. Oder fehlen uns nur die Worte? Weil scheinbar alles schon gesagt wurde?

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, die Meisterin des Paradoxen. Wohl keine hat es so gut verstanden, das Paradoxe produktiv zu machen. Dem Schweigen so nahe zu kommen mit dem Schreiben. Einem Schreiben, das immer sehr genau hinsah und verändern wollte. Ermutigen. Zum Widerstand. Zum Eigensinn.

Ich lese gerade die gesammelten Interviews mit ihr, Interviews über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Und alles, fast alles, was sie gesagt hat, tröstet mich nicht nur, es ermutigt mich auch.

Wenn Wurzeln Flügel tragen

Es ist viel wichtiger, Hilflosen zuzuhören, die man oft nur schwer zum Reden bringt.

Dieses Zitat ist von Ilse Aichinger. Und gestern habe ich einen Text gelesen, der genau das einlöst, in dem ein Hilfloser spricht. Der Sprecher heißt Paul und ist zwölf Jahre alt, und er hat einen so berührenden Text geschrieben, dass mir noch immer ein Kloß im Hals steckt, aber gleichzeitig macht mir Pauls Text Mut. Weil so viel Kraft und Mut, und vor allem Liebe in diesem Text steckt.

Pauls „Mein Leben ohne Vater“ ist einer der Beiträge für das ohnehin schöne Projekt „Wenn Wurzeln Flügel tragen„, und ich wünsche diesen Zeilen sehr sehr viele Leser. Ganz besonders natürlich einen bestimmten Leser.

(15)

Die Zeit kurz bevor sie abstürzt in die Ewigkeit des einmal Gewesenen.

Ein ganzes Jahrzehnt trennt mich jetzt von meinen kleinen Kindern. Ist Zeit Trennung? Etwas, das sich zwischen die Ursprünglichkeit einer Mutter-Kind, aber auch einer Liebesbeziehung legen kann?

Der langsame Abbau von Lebendigkeit. Die schleichende Krankheit immer mehr Gewissheiten zu finden? Weniger Staunen. Sich beugen zu lassen, den Blick zum Boden gezwungen von der „Fracht der Erinnerung“ (Ales Steger)

 

(14)

Ich verliere mich in zweideutigen Beschreibungen vom Meer. Verstecke mich hinter Vorbildern, hinter: so will ich sein. So lange, so routiniert, dass ich mich längst nicht mehr erkennen kann.

 

(13)

Ich bin ein Puzzleteil, ohne rettende Hand im Gesamtbild verloren.

Die Versprechen, die man uns gemacht hat, um uns zu brechen. Während wir blindlings in jeden Abgrund an Hoffnung fielen. Einfielen wie ein feindliches Heer in das gelobte Land der Hoffnung. Immer weiter voran stürmend. Bis wir geschlagen stillstanden vor der Mauer aus Aussichtslosigkeit.

Ausharrend. Wider besseren Wissens wartend auf die Sprengkraft neuer falscher Versprechen.