Scham und Kaltblütigkeit

„Nichts wirft mich aus der Bahn, niemals will ich die Tasche packen und helfen, aber andere tun das, was sie am besten können, sie nähen, fotografieren, reparieren, füttern oder trösten, oder, was auch ich könnte: sie schreiben. Ich tue es nicht, und genauso wenig höre ich weg (beides geht nicht), ich bin eine kaltblütige Zeitgenossin. Halbherzig lasse ich die Ereignisse in mich hineinrieseln, fadenscheinige Empörungsspuren ziehen sich durch die nächsten Tage, ich lese den Argumenten noch eine Weile hinterher, aber schon schlägt die nächste Kugel ein, […]“.

Das steht in Annette Pehnts Buch „Briefe an Charley“, das ich ohne die ausdrückliche Empfehlung von Marina Büttner, an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, wohl nicht gelesen hätte.

Dieses Zitat trifft es sehr genau. Mein Verhalten. Wofür ich mich schäme. Der Grund, warum ich jetzt schon mehrfach, jedes Mal eher erfolglos, versucht habe, beim AK Asyl zu helfen, „mich einzubringen“, wie man es wohl nennen könnte. Eine Wohnung für eine Familie zu finden, einer alleinerziehenden Frau zu helfen, eine Wohnung, die sie bereits hat, einzurichten, einen Text zu übersetzen… Aber all das überfordert mich, weil ich es nicht aus einer wirklichen zutiefst empfundenen Notwendigkeit tue, weil ich es nur tue, um mein Gewissen zu beruhigen. Weil ich zu kaltblütig bin. So wächst die Scham eher, als dass sie zu irgendeinem konstruktiven Tun führen könnte.

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24 Gedanken zu “Scham und Kaltblütigkeit

  1. du drückst es hier aus. ich finde das weder kaltblütig noch schämenswert. nein. wir können nicht die ganze welt retten. in dieser situation helfen viele mit all ihrer kraft. wir brauchen aber auch die, die ihre karft dafür einsetzen, dass die anderen nicht durchdrehen. das tust du mit deiner innen- und außenschau. und wenn ich die einzige bin, die deine worte aufbauen. es ist viel.

  2. NEIN, du bist meiner Meinung nach weder kaltblütig, noch kaltherzig noch ist die Verhalten und dein Denken schämenswert. Du bist, wie mir scheint, ein emphatischer Mensch, der einfach nicht die Kraft hat… und dazu solltest du stehen. Aus Selbstschutz heraus NEIN zu sagen ist gerade für sensible Menschen sehr schwer. LG aus Nürnberg

    1. Nein sagen ist tatsächlich eine meiner schwächsten Stellen, gut erkannt ;-). Ich denke dennoch, dass ich schon noch Kraft habe, die ich aber nicht gezielt einsetze… Dennoch vielen Dank für die freundlichen Worte.

  3. Ich schließe mich meinen Vorrednern an. Es gibt einen Punkt, da muss man sich selber abgrenzen um stark zu bleiben. Und mit dieser Stärke kann man dann wiederrum, so man will und es Gelegenheit dazu gibt, an anderer Stelle sich irgendwie einbringen. Vielleicht sogar für dieselben Leute. Und im Kleinen, aber für die speziellen Leute wichtigem.

    Beispiel:

    Örtlicher Drogeriemarkt. Laden voll besetzt mit vielen Kunden, zwei junge Männer, zirka 20, aus dem Flüchtlingslager hier sprechen verzweifelt immer wieder Kunden freundlich an „Excuse me, do you speak English?“ Alle Angesprochenen sind die Altersgruppe, die mindestens schon mit Schulenglisch aufgewachsen ist, aber ausnahmslos alle gehen vorbei. Wenn du die einzige bist, die stehen bleibt hast du auch geholfen. (In diesem Fall war ich es und die zwei wollten wissen ob es in der Nähe Lebensmittel zu kaufen gibt (Drogeriemarkt hat nur Chips etc.) und waren sehr dankbar für meine Auskunft, dass sie aus diesem Laden geraus, links gehalten in 300m zu einem Supermarkt kommen.). In dem Moment hast du was sehr wichtiges gemacht, weil du einfach vermittelt hast, dass nicht alle unhilfsbereit, abweisend oder was auch immer sind.

    1. Vielen Dank für das Beispiel. Du hast Recht, häufig genügt es schon, im kleinen, im Alltag, die Augen offen zu halten, und die Gelegenheit zu helfen dann und dort zu ergreifen, wenn sie sich bietet. Dennoch scheint mir das gerade, angesichts von so viel Leid, nur ein paar Häuser, ein paar Straßen weiter, häufig zu wenig zu sein.

      1. Das klingt jetzt blöd wenn ich das sage, aber dieses Gefühl, dass das „zu wenig“ ist, ist so eine Art Luxusproblem von Leuten wie uns. (Ich mag das Wort Luxusproblem nicht.) Wir denken es ist wenig, weil es den Menschen in diesen Unterkünften etc. so schlecht geht und uns damit verglichen nicht – ich habe selber kaum Mittel und bin froh, wenn ich am Monatsende noch fünf Euro für drei Tage habe -, außerdem können wir uns als empathische Menschen dieses unermessliche Leid nicht vorstellen (gerade deshalb muss man sich emotional abgrenzen). Aber gerade weil wir dieses starke Gefühl von „zu wenig“ haben, sehen wir nicht mehr welche Hilfe die Leute vielleicht wollen. Ich wohne in direkter Nähe von einer Erstaufnahmen und einem 600-Leute-Lager sowie einer 50-Mann-Unterkunft. Wir haben das Glück vieler freiwilliger Helfer und vieler guterhaltener Spenden wie Kleidung etc., daran mangelt es nicht. Woran es mangelt ist die Akzeptanz auf der Straße, dass mal einer nicht wegschaut oder böse guckt oder – hier sind viele junge Männer – gerade nach so Sachen wie Anfang des Jahres, dass man die Leute merken lässt Ich kann zwar nichts für dich tun, aber ich verurteile dich nicht für das was andere getan haben, das hilft viel mehr manchmal, weil es die Angst nimmt. Es gibt ja auch welche, die haben nach so was Angst sich verkehrt zu verhalten und wenn man dann sich einfach so verhält wie mit einem, der egal welche Herkunft hier schon x Jahre wohnt, dann kann man den Leuten mit einer ganz kleinen Geste, diesem Verhalten, etwas ganz großes tun. Meine Erfahrung. (Okay, ich habe durch mein Saalprojekt letztes Jahr, relativ viel mitbekommen. Wenn du magst, kannst du mal bei mir in der Suchmaske den Artikel „Erstkontakt“ suchen, da haben Salma – die geflohen ist – und ich einer Verkäuferin die Angst genommen.)

      2. Schön. Das was du hier schreibst, und auch der Artikel, den ich gerade nachgelesen habe. Ich nehme für mich jetzt mit, dass alles zählt, auch die ganz kleinen Gesten, ein Lächeln, ein Blickkontakt. Und dass es vielleicht jetzt gerade genügt, wenn ich bereit bin, zu helfen, wenn sich die „passende“ (klingt blöd, klingt nach Luxusproblem) Möglichkeit ergibt. Vielen herzlichen Dank für Deine Beteiligung am Gespräch.

    1. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich die vielen Kugeln sind, oder ob es eben das ist, dass wir uns sträuben, uns nicht einlassen auf eine der Kugeln und die Vielzahl dann nur ein vorgeschobener Grund ist, für den sich andere fänden, bliebe sie aus…

  4. Interessant finde ich, dass ich heute morgen lange über Scham nachgedacht habe.
    Bei Lesen Deines Textes, wäre ich aber fast vor Empörung vom Stuhl hochgefitscht.
    Wenn ich mir mal erlauben darf…… ?
    Es gibt wenige, die so fein fühlen, wie ich es von Ihnen liebe Mützenfalterin kenne. Wenn Sie in dem AK und den Menschen, deren bereits vorhandene Wohnungen eingerichtet werden sollen, keine Not verspüren…. dann ist da vermutlich keine.
    Wohnung einrichten, Texte übersetzen etc. sind wichtige Hilfsleistungen. Aber warum sollten Sie darüber sich die Nerven zerreißen? Es handelt sich nicht um Not, sondern um die ein oder andere Notwendigkeit. Ich finde sowieso, dass dies von bezahlten Sozialarbeitern getan werden, schließlich ist das ihr Job.
    Ich habe Sie liebe Mützenfalterin als besonders empathischen und hilfsbereiten Menschen kennen gelernt. Die Kältblütige, die Sie da beschreiben, die kenne ich nicht.
    Und schämen….. sollten sich eh ganz andere!

    1. Sie haben, wie nicht anders zu erwarten ;-), natürlich Recht, im Grunde sind hier professionelle Menschen gefragt, um die Vielzahl an Problemen zu lösen, nur wenn die nicht da sind, empfinden es offenbar viele von uns als Pflicht, in die Bresche zu springen, und denen gegenüber schäme ich mich, die haben vielleicht einen anstrengenden Brotberuf, und dennoch setzen sie sich ein, Tag für Tag, Woche für Woche, dann frage ich mich schon, was ich eigentlich tue, außer hier und da einen kleinen Artikel zu schreiben.

  5. Liebe Elke,

    Du triffst einen dicken Nerv von mir, einer der mich schmerzt … ich kann nämlich nicht, wie ich meine zu müssen oder zu wollen. Eine Freundin meinte vor ein paar Tagen zu mir, dass ich aufhören soll mich dafür anzuklagen oder zu schämen, es bräuchte auch Menschen wie mich, die darüber schreiben und Bilder machen … ganz ehrlich? Es war mir kein Trost, es befriedigt mich nicht, zumal ich mich ja nach der Qualität der Bilder und Texte fragen muss, die ich eher schwach, denn gelungen finde. Und dich kann ich auch nicht trösten, aber deine Scham, die nehme ich in den Arm, so du das überhaupt willst …
    Das Thema lässt mich nicht los, wird mich nicht loslassen, uns alle nicht und jede und jeder wird seinen und ihren Platz darin finden, aber nicht sofort und jetzt, weil es manche gibt, die länger brauchen, ich gehöre eindeutig zu diesen.

    liebe Grüsse
    Ulli

    1. Ich fühle mich sehr verstanden von deinem Kommentar, du scheinst dasselbe zu empfinden wie ich bezüglich dieser Situation. Vielleicht ist es ein Teil des notwendigen Prozesses, dass wir uns schämen. Danke.

      1. Darüber denke ich jetzt schon die ganze Zeit nach, nachdem ich dich las: über die Scham. Aber auch über mein Tempo, meine Grenzen und dem, was ich anbieten könnte. Ich lasse die Idee reifen …

  6. Also, liebe Elke, wenn Du kaltblütig bist, dann möcht ich eindeutig in dieser Gruppierung mitarbeiten, da scheint es mir weitaus wahrhaftiger zuzugehen. Wenn ich hier anfangen täte, von meinen lebenslangen Scham- Versagens- und vor- oder wegen etwas – Schuldgefühlen zu sprechen, da würde der Kommentierplatz nicht reichen. Ich habe jetzt auch mich schämend, jahrelang einfach weggesehen, weil ich dachte, da sind eh schon genug so Eifrige, was sollte ich da noch…leider war das alles nicht so…jetzt kommen 200 Geflüchtete in meine nächste Umgebung, ich werde hinsehen müssen und dann träume ich von grandiosen Projekten und tu aber gar nichts…und am meisten graut mir vor der Arbeit in diesen Helferkreisen, wo ich immer das Gefühl habe, ich passe schon wieder nicht. Und gleichzeitig freu ich mich auf fremde Menschen, auf Begegnungen, ach,ich weiß auch nicht, ich möcht gern kannenweise Tee kochen und ihn auf einen Tisch stellen und Gläser dazu und einfach alle da sein mitsammen…vielleicht wär das ja ein Anfang, sollten wir nicht einfach alle mal einen Tee trinken? Ich dank Dir sehr für das Aussprechen oder Ansprechen dieser inwendigen Nöte, kann leider gar nicht so klug antworten, wie ich möchte, aber ich dank Dir, wirklich!

    1. Liebe Margarete, du scheinst das selbe Problem zu haben, wie ich, wie vermutlich ganz viele von uns, diese große Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, ich finde Deine Antwort sehr klug, von einer warmherzigen Klugheit, die einfach gut tut, die mir viel mehr gibt, als großartige intellektuell fundierte Argumente, obwohl selbstverständlich auch diese ihr Recht und ihre Notwendigkeit haben. Vielleicht, denke ich mir nach deinen Worten, sollten wir alle einfach versuchen an einem „Miteinander“ zu arbeiten, ein jeder auf seine Art, und immer mit geöffneten Augen, wo aus dem Denken und Fühlen ein Tun werden kann.

      1. Ja, das hast Du gut gesagt, ja, mit geöffneten Augen uns ein „Miteinander“ denken trauen, dann könnt was beginnen. Dank Dir, schön, daß Du mich so total verstanden hast!

  7. ein so ehrlicher text und für mich so nachvollziehbar, geht es mir doch ähnlich…
    und ich finde das unglaublich gut und mutig, das so aufzuschreiben!
    die welt braucht solche menschen wie dich, liebe mützenfalterin, und nein, das ist alles andere als kaltblütig. 🙂
    schreibe weiter so. es tut gut. denn… ich glaube, es geht einigen menschen so wie dir. nur können sie es nicht so gut auf den punkt bringen wie du!

    1. ein ps noch: das notwendige tun, das wirklich notwendige tun, das kommt bei jedem an anderer stelle zum vorschein, glaube ich. und sei es nur in ganz kleinen gesten. aber auch die können schon viel bewirken, wie das beispiel von dergl zeigt.

      1. Auch Dir herzlichen Dank, Diana, für das lange Begleiten hier auf meinem Blog und für unterstützende und verstehende Worte, immer dann, wenn es gut tut. Vielleicht habt ihr alle Recht und die kleinen Gesten sind gar nicht so viel kleiner als die großen Taten, es ist vielmehr alles ein zusammenhängendes Netz, in dem jeder Faden nicht nur seine Berechtigung hat, sondern sogar notwendig ist. Vielen Dank.

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