Scham und Kaltblütigkeit

„Nichts wirft mich aus der Bahn, niemals will ich die Tasche packen und helfen, aber andere tun das, was sie am besten können, sie nähen, fotografieren, reparieren, füttern oder trösten, oder, was auch ich könnte: sie schreiben. Ich tue es nicht, und genauso wenig höre ich weg (beides geht nicht), ich bin eine kaltblütige Zeitgenossin. Halbherzig lasse ich die Ereignisse in mich hineinrieseln, fadenscheinige Empörungsspuren ziehen sich durch die nächsten Tage, ich lese den Argumenten noch eine Weile hinterher, aber schon schlägt die nächste Kugel ein, […]“.

Das steht in Annette Pehnts Buch „Briefe an Charley“, das ich ohne die ausdrückliche Empfehlung von Marina Büttner, an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, wohl nicht gelesen hätte.

Dieses Zitat trifft es sehr genau. Mein Verhalten. Wofür ich mich schäme. Der Grund, warum ich jetzt schon mehrfach, jedes Mal eher erfolglos, versucht habe, beim AK Asyl zu helfen, „mich einzubringen“, wie man es wohl nennen könnte. Eine Wohnung für eine Familie zu finden, einer alleinerziehenden Frau zu helfen, eine Wohnung, die sie bereits hat, einzurichten, einen Text zu übersetzen… Aber all das überfordert mich, weil ich es nicht aus einer wirklichen zutiefst empfundenen Notwendigkeit tue, weil ich es nur tue, um mein Gewissen zu beruhigen. Weil ich zu kaltblütig bin. So wächst die Scham eher, als dass sie zu irgendeinem konstruktiven Tun führen könnte.

(8)

Die eigenen und die fremden Ängste. Und wie sich das zuweilen vermischt.

Einer geht fort und ein anderer kehrt zurück. Eine wartet so viele Jahre lang und eine andere sieht sich konfrontiert mit dem Ende des Wartens.

Den Verwandlungen denen wir anheim fallen, und nicht immer können wir sie mit Verwunderung annehmen, zuweilen ergreift uns Verzweiflung. Ein Wort stehen lassen, unbeantwortet, unbewertet. Und auf einmal entsteht ein Raum. Vielleicht können wir seine Weite und Behaglichkeit fühlen, bevor wir ihn mit der Enge unserer eigenen Leere bevölkern. Der Traum und sein alter Hut. Das ist die Geschichte vom Hutmacher, der sich nach sieben Jahren in einer Dachkammer wiederfand. Verwickelt in die eigenen Überlegungen. Der Graben in seinem Gedächtnis, und mit welchen Erwartungen, Enttäuschungen er ihn überbrückt.