Wir sind der Riss in der Natur

Aufgerissen, eingerissen, angegrissen.

Aber der Riss bleibt. Also Teilung, Trennung. Von etwas, das eigentlich zusammen gehört? Aber keiner hört die Rufe? Seltsame Sprache. Die Zusammenhänge eröffnet, wo keine sind. Keine sein sollten?

Nein, Schreiben ist nicht natürlich. Schreiben ist eine Kulturtechnik. Nichts desto trotz notwendig. Für viele von uns. Um uns miteinander und mit uns selbst zu verständigen. Dinge abschreiben, abarbeiten zu können, eine friedliche Möglichkeit, mit der Welt umzugehen, eine relativ sichere Art mit dem Zweifel umzugehen, das Undurchsichtige wenigstens zu benennen und so zum Gegenstand zu machen. Etwas, das uns gegenüber tritt, mit dem man sich auseinander setzen kann. Das Schreiben ist nicht natürlich. Aber notwendig.

Und die Risse?

Verluste

Ich habe etwas verloren. Etwas, das ich ohnehin nie ganz und sicher besessen habe, hat sich mir mit einer neuen Nachdrücklichkeit entzogen. Sicherheit in Form von Vertrauen auf meine Urteilskraft. Das hat auch mit der aktuellen politischen Diskussion zu tun, damit dass die Einsicht, dass die Grundvoraussetzung für jeglichen befriedigenden Umgang mit sich selbst und mit anderen in der Einsicht besteht: ich bin nicht besser als die anderen!, nicht so leicht umzusetzen ist. Egal wie überzeugt man davon ist, dass nur so Gespräche gelingen können, dass nur auf diese Weise eine konstruktive Lösung gesucht werden kann, statt sich zwischen der Möglichkeit die Probleme tot zu schweigen, oder sofort Schuldige zu benennen, aufzureiben.

Worunter ich mehr leide, ist die Tatsache, dass mir auf diese Weise nach und nach die Fähigkeit zum Schreiben abhanden kommt. Weil mir der Eigensinn verloren geht und für mich, schreiben ohne Eigensinn keinen Wert hat, zutiefst unbefriedigend ist.

Kann ich mir Fehler, ein Scheitern erlauben, wenn ich von vornherein glaube, im Grunde nichts zu sagen zu haben, was zählt, was weiter führt?

Und paradoxerweise ist das ein sich viel zu ernst nehmen, etwas, das das, was ich eigentlich anstrebe, verhindert, nämlich mich leichter zu nehmen, der Menge, der Welt und dem Papier zuzutrauen und zuzumuten, dass sie mit meinen Worten, Ängsten und Zweifeln fertig werden.

„Schreiben ist nicht natürlich“,

schreibt Rosmarie Waldrop. Darüber muss ich nachdenken. Möglichst eigensinnig.

 

(6)

Ich gefalle mir in einer Rolle (aktiv, tapfer, fleißig), dabei bin ich das nicht. Eine Frau Holle, die energisch die falschen Adjektive aus dem eigenen Kopf schüttelt, statt mit den Flocken zu spielen, Zuschreibungen anzuprobieren wie Kostüme, neugierig, aber erwartungslos.

Wie gerne würde ich meinen Kindern etwas mehr Leichtigkeit vermitteln und mitgeben, statt dieser falschen Hektik, dem übertriebenen Ernst.

Erzähl eine Geschichte und hab Spaß daran, statt dich zu fragen, wer dir glauben wird.

Ist es wirklich so, dass Verstand und Gefühl beständig in uns streiten? Der Wille etwas zu leisten und das Gefühl das alles nicht zu schaffen?

Die faszinierende Figur der Penelope, und dass es mir immer höchstens einen Tag lang gelingt, mich an meine eigenen Pläne zu halten.

 

15. Januar

Handeln, politisch Haltung beziehen und vor allem: Geld in die Hand nehmen, damit Straftaten geahndet werden können, das zeichnet einen starken Staat eher aus als Grenzschutz und die Forderung nach schärferen Gesetzen, die dann ohnehin niemand umsetzen kann. Erste Ansätze gehen in diese Richtung, es wird, nicht immer, aber doch an vielen Orten, differenziert über Versäumnisse und Möglichkeiten nachgedacht. Und ich glaube, dass es auf Dauer möglich sein wird, differenziert über innere Sicherheit und die notwendigen Maßnahmen diese wieder herzustellen und zu erhöhen, zu reden, ohne das Ganze mit Ressentiments und einem Generalverdacht gegen alle ausländischen jungen Männer zu vermischen. Wenn man ähnlich sensibel ist, wie Karla, wenn man nicht aufhört, sich auseinander zu setzen.

 

Eigensinn

Ich bin kein uneingeschränkter Fan von Fragerunden, zumal in der Blogsphäre, die „Liebster Blog Awards“ und wie sie alle heißen, in der Mehrzahl der Fälle lasse ich das an mir vorbei ziehen, obwohl es auch da sehr lesenswerte Ausnahmen gibt, vermutlich viel mehr als ich registriere, weil ich gemeinhin nicht lese, was dort so geschrieben wird. Aber es gibt Ausnahmen. Das wunderbare Interview Projekt von Gesine von Prittwitz, die auf SteglitzMind unermüdlich über alles was mit Literatur zu tun hat bloggt, oder, kürzlich entdeckt, das Blogprojekt „Rückfragen“ bei Ludwig Zeidler. Heute zum Beispiel durfte man dort lesen, was Andreas Glumm in Rage bringt:

Die Blog-Szene, weil es zu wenig Autoren/Autorinnen gibt, die eigensinnig genug sind, um etwas eigenes auf die Beine stellen. Das klingt widersinnig in einer Zeit, wo jeder Hans Wurst eine eigene Facebook-Seite, eine Seite auf Instagram und ein Weblog unterhält und alle so wahnsinnig individuell daherkommen, doch wer das ganze Zeugs liest, spürt schnell, dass alle ungefähr das Gleiche sabbeln. Es ist, als verpasse ein einziger großer Welt-Frisör Hunderte von Millionen Leuten den selben Maschinenschnitt, und alle sind begeistert, wie toll sie aussehen. Dabei ist ein Blog ein riesiger Freiraum, ein Luxusgut. Niemand quatscht dir rein, es gibt keinerlei Vorgaben, keinen Chef, kein Lektorat, nichts, was einen hindert, die eigene Stimme zu schulen und zu entwickeln. Ein Blog, ernsthaft betrieben, verbindet auf schönste Anarchie mit Disziplin.

Auch alle anderen Antworten sind lesenswert, aber da die Blogmüdigkeit und die Infragestellung des Bloggens an sich, die ja immer wieder in Wellen durch die Sphäre geht, mich derzeit selbst ergriffen hat, war das eine von mir sehr gern gelesene Stellungnahme. Eine Erinnerung daran, eigensinnig zu sein, statt mich zu fragen, was geht, was sich gehört, was die Leute lesen wollen. Warum eigentlich nicht den eigenen Blog als Übungsplatz dafür nutzen, die eigenen Grenzen immer wieder ein wenig in Frage zu stellen, auszuprobieren, wie unbeliebt man sich machen kann, wie viel man von sich preis geben will und kann, in welche Fettnäpfchen man bewusst treten kann, ohne vor lauter Scham am Tag darauf den ganzen Blog zu löschen?

Kann ich das? Habe ich den Mut, wirklich eigensinnig zu sein? Ich finde es herauszufinden ist einen Versuch wert. In diesem Sinne besten Dank an zwei eigensinnige Blogger.

 

 

(5)

Nichts zu sagen haben, und dennoch das Bedürfnis, sich zu Wort zu melden. Eine ganze Lebensform, Freiheit, Toleranz, der Versuch sich friedlich auseinander zu setzen, Kompromisse zu finden, all das scheint gerade massiv bedroht zu sein. Ich weiß, anderswo ist es das schon lange und doch trifft es mich erst jetzt, da es so nah gekommen ist, so nah ist, mit voller Wucht. Es scheint falsch in solchen Zeiten Nabelschau zu betreiben. Und es ist sicher überflüssig, das hier publik zu machen. Aber dennoch ein Bedürfnis, dem ich nachkomme.

12. Januar

Im Moment habe ich weder Zeit noch Lust zu schreiben, dabei gibt es viel, worüber ich mir schreibend Klarheit verschaffen möchte. Gestern abend ein Vortrag über Rassismus insbesondere hier in der Region. Erschreckend, wie viel da passiert, wie subtil oder auch weniger subtil, an wie vielen Stellen, die man wahrnimmt, aber auch an anderen, die ziemlich verdeckt bleiben, aber nicht weniger wirkmächtig.

Kann man es beruhigend finden, dass die Anzahl von Menschen mit rechtsradikalem Gedankengut nicht zugenommen hat, sondern die vermehrte Wahrnehmung darauf zurückzuführen ist, dass die Hemmschwellen drastisch gesunken sind? Kann man Menschen, die so unverholen und öffentlich im Netz hetzen wirklich nicht zur Verantwortung ziehen? Ebenso wie die Täter von der Silvesternacht? Ohne deswegen in fremdenfeindliche oder islamophobe Ressentiments zu fallen?

Verena Lueken „Alles zählt“ – Eine Enttäuschung

Seltsame Koinzidenz. Zu Weihnachten „Alles, was ist“ von James Salter geschenkt bekommen und kürzlich das Buch „Alles zählt“ von Verena Lueken zu lesen begonnen, nachdem mich Bert Strebes Besprechung auf Fixpoetry neugierig gemacht hatte.

Bezeichnenderweise spielt Lueken gleich zu Anfang ihres Buches ebenfalls auf Salter und eben dieses seiner Bücher an.

„Alles zählt“ scheint ein Buch zu sein, das für mich geschrieben wurde. Es behandelt meine Themen, Literatur, Schmerz, Tod.

 

„Ich werde dich tragen, auch wenn ich nicht mehr bin“.

 

Von ihrer Mutter erzählt die Protagonistin, sie sei nach mehreren Ausbombungen mit ihrem Sohn aufs Land verschickt worden, nach Vorarlberg. Ich meine mich zu erinnern, dass S. bei meinem Besuch in Frankfurt erzählt hat, dass seine Mutter mit den damals schon geborenen Geschwistern und schwanger mit ihm, ebenfalls nach Vorarlberg geschickt wurde.

Also nicht nur diese Themen, die mich schon lange umtreiben, sondern auch Zeitgeschichte.

 

Aber letztendlich muss ich feststellen, dass es in erster Linie besondere Sätze, mit Bedeutung aufgeladene Zitate sind, die mich ansprechen, nicht der Roman als Ganzes.

 

„Einige Monate, nachdem ihre Mutter gestorben war, überfiel sie das ganz entschiedene Gefühl, sie sei jetzt lange genug tot gewesen.“

 

„Rituale des Gehenlassens.“

 

„The things you can´t remember tell the things you can´t forget.”

 

Noch so ein treffender Satz über das Paradox, das unser Leben ausmacht.

 

Und die Möglichkeit den Grund des Schreibens darin zu suchen, dass einmal jemand zu dir sagt: you are kind. Für diese Möglichkeit danke ich Verena Lueken.

 

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: New York, Frankfurt, Myamar, wenn man die geographischen Standpunkte zu Grunde legt. Inhaltlich geht es um die Entdeckung der Krankheit gekoppelt mit vielen Kindheitserinnerungen und der Erzählung über die Mutter, der mittlere Teil erzählt nahezu ausschließlich vom Schmerz, davon, wie der Schmerz, oder vielleicht noch mehr der vergebliche Kampf gegen den Schmerz die Persönlichkeit zersetzt, verändert, auslöscht.

Und Lueken beschreibt es schlussendlich so, als sei die Angst sich zu verlieren größer als das Leiden am Schmerz, und am Ende sei uns nichts wichtiger, als dass jemand zu uns sagt: you are kind.

 

Die Enttäuschung kommt mit dem dritten Teil, mit der Reise der Genesenden nach Myamar, wo sie sich auf die Suche nach dem Masseur macht, der ihr bevor sie erneut krank wurde, gesagt hatte: you are kind.

 

Es ist alles angelegt, die Nebenmänner, das neue Leben, der Kindheitswald, und doch hat mich das Ende enttäuscht. Weil es so weit weg ist von mir und meinem Leben? Aber auch der Krebs, New York, eine Mutter, die über 90 Jahre alt geworden ist, auch das war weit weg von mir.

 

Diese fast körperlich erfahrbare Enttäuschung, dass das Buch keine Erkenntnis bereit gehalten hat, keinen Schock, keine Frage, sondern im altbewährt romanhaften ausklang, der Wald der Kindheit verbunden mit dem neuen unbestimmten Leben.

Und ich frage mich wirklich, was diese Enttäuschung bedeutet. Für mich.