Leiko Ikemura und Karin Kneffel in der Kunsthalle Bielefeld

Im Grunde ist es ganz einfach. Das Leben ist schön und aufregend, oder es ist wie es eben ist, solange keine Erwartungen in der Gegend herumstehen und alles zum Einstürzen bringen. Das ist meine kleine private Einsicht zum gestrigen Abend, von dem ich aber nur den erwartungslosen und deshalb schönen Teil erzählen werde.

Im Rahmen der sehenswerten Ausstellung „die Moderne der Frau“ in der Kunsthalle Bielefeld fand gestern ein Gespräch mit Leiko Ikemura und Karin Kneffel, moderiert von Julia Voß statt, das überraschend gut besucht war.

Es sollte um Frauen gehen, um ihre Stellung in der Kunst, im Kunstbetrieb. Karin Kneffel sagt zu dem merkwürdigen Verhältnis vom Anteil der Frauen an Kunstakademien und ausgestellter Künstler in den Museen sinngemäß, es sei seltsam, oben stecke man Frauen hinein und unten kämen Männer heraus.

Aber zunächst soll es um die biografischen Hintergründe von Leiko Ikemura und Karin Kneffel gehen.

Leiko Ikemura, 1951 in Japan geboren, wusste bereits als Kind, dass sie den traditionell für Frauen vorgeschriebenen Weg nicht gehen wollte. Sie wollte selbstständig sein und entschied sich, weil sie dachte Sprachen seien auf dem Weg zu diesem Ziel sicher sinnvoll, für ein Studium der spanischen Sprache. Nach einigen Jahren merkte sie aber, dass es sinnlos ist, die Sprache zu lernen, wenn man das Land nicht verlässt und aus dem zunächst als halbjährlichen Ausflug geplanten Aufenthalt in Spanien wurden zehn Jahre, die sie im damals noch unter Franco regierten Spanien verbrachte. Die Entscheidung für die Kunst, für das Malen fiel erst spät. Für Ikemura ist die Art der Lebensführung beinahe ebenso wichtig wie die Herstellung von Kunst. Wichtig ist, nach dem Warum zu fragen, kritisches Denken und Eigensinn. In Sevilla begann sie Malerei zu studieren. Die Malerei war ihr nicht zuletzt darum wichtig, weil man während ihrer Schulzeit behauptet hatte, du kannst nicht malen.

Ikemuras Gemälde haben einen Zug ins Abstrakte. Beide Frauen malen teilweise sehr große Formate. Während Kneffel angibt, jedes Thema verlange einfach eine bestimmte Größe, sagt Ikemura gerade in Bezug auf das große Format sei ihre Zeit in Köln in den 80er Jahren sehr prägend gewesen, sich unter den „neuen Wilden“ behauptet zu haben, darauf sei sie noch heute stolz.

Eine wesentliche Frage für Ikemuras Zugang zur Malerei ist die Frage, wie man Körperwahrnehmung darstellen kann. Ihr ist der Akt des Malens wichtig, wesentlich ist es eins zu werden mit dem Tun, vor dem Prozess des Malens habe sie nur eine vage Vorstellung, von dem, was entstehen soll, das Malen selbst muss dann nahezu selbstvergessen und selbstlos sein.

 

Karin Kneffel, 1957 in Marl geboren, erzählt, dass sie bereits als sechsjährige traurig darüber gewesen sei, ein Mädchen zu sein. Als sie erfuhr, dass Frauen, wenn sie heiraten, ihren Namen abgeben müssen, weinte sie drei Tage lang. Ein weiterer Schock sei die damalige populäre Oetkerwerbung für sie gewesen in der es hieß für eine Frau gäbe es zwei entscheidende Fragen: Was ziehe ich heute an und was koche ich meinem Mann?

Ganz praktisch bedeutete das damals vorherrschende Frauenbild für Karin Kneffel, dass sie nur die Realschule besuchen konnte, weil das die angemessene Ausbildung für ein Mädchen war.

Abitur war also nur über den zweiten Bildungsweg möglich, sagt sie, und dass sie lange Zeit nicht gewusst habe, dass man Kunst studieren kann. Während ihres Germanistikstudiums in Duisburg spricht sie ein Lehrender aufgrund ihres „Renaissancekopfes“ an und bittet sie Modell zu sitzen. Einige Male sitzt Kneffel also Modell und beginnt dann selbst zu zeichnen, für ihre Zeichnung wird sie sofort gelobt, und der Weg zum eigenen Kunststudium ist geebnet.

Obwohl Kneffel ganz bewusst reale und wiedererkennbare Gegenstände malt, ist sie nicht glücklich mit der Einordnung ihrer Malerei in den Realismus. Denn der Zusammenhang ist ja nicht real, obwohl man die Gegenstände erkennt. In ihren Bildern tauchen wiederkehrende Protagonisten auf, z.B. der blaue Vorhang. Der eigentliche Malprozess, dem oft eine langwierige und zeitaufwändige Recherche voraus geht, dauert ca. einen Monat. Karin Kneffel malt mit sehr kleinen Pinseln in drei oder vier Schichten ihre Bilder.

Julia Voß betont noch einmal wie wichtig auch die Hintergründe, die Zeugen, negative oder positive Bestärkungen sind auf dem Weg eine Künstlerin zu werden, das Umfeld und die Umstände spielen eine große Rolle, auch wenn diese viel zu häufig verschwiegen wird.

Zum Abschluss geht es noch um die Frage, ob es eine weibliche und eine männliche Ästhetik gibt, welche Vorbilder die beiden Malerinen haben.

Kneffel sagt, sie schätze Maria Lassnig, möge sie aber nicht. Was hauptsächlich daran liegt, dass Körperlichkeit nicht ihr Thema ist. Ein Vorbild sei eher Meret Oppenheim, insbesondere ihre Skulpturen, aber auch Manet habe sie über die Jahre begleitet und fasziniert.

Leiko Ikemura nennt Modersohn-Becker und Gabriele Münter und betont noch einmal, dass für sie nicht nur das Werk, sondern durchaus auch die Lebensart entscheidend sei. Bei den von ihr genannten Vorbildern spüre sie, dass das Malen aus dem Herzen käme.

Im Publikumsgespräch geht es um die Frage, ob eine Diskussion über die Stellung der Frau im Kunstbetrieb wirklich immer noch notwendig sei, es wird bedauert, dass weniger über die einzelnen Werke der Künstlerinnen gesprochen wurde als über allgemeine Bedingungen und eben die Genderproblematik. Allerdings ist man sich einig, dass das Thema so lange diskutiert werden muss, wie es virulent ist, und wie virulent es noch immer ist, dafür gibt eine Wortmeldung aus dem Publikum beredt Auskunft, es handelt sich um eine Kunstlehrerin, die erschüttert über die Auswahl ihrer Kolleginnen ist, die den Schülerinnen und Schülern ausschließlich männliche Biografien präsentieren. Sie werde, sagt sie, den Katalog der Ausstellung ihren Kolleginnen „als Bibel“ vor die Füße knallen.

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9 Gedanken zu “Leiko Ikemura und Karin Kneffel in der Kunsthalle Bielefeld

  1. Das ist tatsächlich ein Thema, das nie „zu ende“ diskutiert werden kann. In meiner Künstlergesprächsgruppe kommt es immer wieder gerade von den Malerinnen und bildenden Künstlerinnen hoch, dass Frauen doch so lange weitest gehend nur Muse sein durften und wenn sie „etwas drauf hatten“ auch schon mal für verrückt erklärt wurden (das Beispiel der einen bei uns ist oft Camille Claudel). Irgendeine von denen hat mal zu mir gesagt, es sei ein Segen, dass ich ursprünglich vom Schreiben herkam und es da so viele Frauen gibt, so dass mir meine „maskulin geprägte“ Installation – da gibt es nur wenige Frauen – fast schon vergeben werden würde. (Ich sehe sie nicht als „Verbrechen“ oder sonst was, das mir vergeben werden müsste, so dass ich das erst nicht nachvollziehen konnte.)

    1. Wir denken häufig, dass das alles überwunden ist, und vergessen dabei, dass unsere Mütter oder Großmütter noch häufig die Erlaubnis ihres Mannes brauchten, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben, oder eine Waschmaschine kaufen wollten. Und was Du von männlichen und weiblichen „Formaten“, nenne ich das mal, schreibst ist, glaube ich, auch viel tiefer verankert, als wir uns das allgemein klar machen. Ikemura z.B. hat sich ihre großen Formate (die bei Frauen ja nach wie vor selten sind, was ihnen dann als selbstverantwortetes Hemmnis für Ausstellungen vorgeworfen wird) noch hart erarbeiten, im Umfeld der neuen Wilden, während es immer noch sehr selten Frauen wie Karin Kneffel gibt, die ganz entspannt sagen, jedes Thema verlangt eben eine gewisse Größe und so entspannt damit umgehen.

      1. Überwunden ist da noch vieles nicht. Ich weiß nicht ob du meine Beiträge kennst die sich mit dem Kontrapunkt mit anderen Künstlerinnen befassen (haben meistens was mit altes Leid im Titel), ohne dass ich irgendeiner dieser Frauen zu nahe treten wollen würde, da merkt man oft, es sind viele Wunden offen. Eine große Angriffsfläche bietet zum Beispiel (mir nur unter diesem Gesichtspunkt verständlich, in jeder anderen Sichtweise verstehe ich es nicht), dass ich einen Assistenten habe und keine Assistentin und bewusst sage, ich will das nicht anders. Ich habe mir die Person nicht nach Geschlecht gesucht. In meinem Fall kommt sicher noch dazu, das kann ich nicht ableugnen, dass viele Frauen ein Problem haben eine gehandicapte Frau auch als Frau wahrzunehmen und da wirkt unser Zusammenspiel vielleicht noch mal seltsamer, da Geschlecht wirklich keine Rolle spielt, aber generell fällt da schon auf wie stark sich diese Frauen einfach durch die Tatsache, dass da ein Philipp und keine Philippine an meinen Sachen hantiert verunsichert sind.

    1. Ja, ich bin der Frau auch sehr dankbar, sie hat mir dazu verholfen, den Bericht schön rund zu machen. Ich finde es allerdings nicht so sehr spannend, sondern eigentlich traurig, dass es diese Diskussion noch immer braucht, und dazu erzähle ich hier vielleicht die kleine Geschichte eines jungen Mannes, der sich zu Wort gemeldet hat, die auch ziemlich aufschlussreich ist, er sagte von sich selbst, er sei unter Merkel aufgewachsen, mit Eltern, die beide berufstätig sind, und bis er im Alter von 7 Jahren eine Doku über Feminismus gesehen habe, hatte er keine Ahnung, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt zu unterscheiden zwischen Frauen- und Männerrechten, und jetzt beobachtet er insbesondere in der Rapszene, wie frauenfeindlich die Texte dort geraten, und dass bei Menschen, die unglaublich viele Fans in der sehr jungen Generation haben. Das hat mir zu denken gegeben.

  2. Was kam denn bei der Diskussion über die männliche und weibliche Ästhetik heraus, das ist eine Frage, die mich schon länger umtreibt und mich von daher sehr neugierig sein lässt.
    ja, es ist unglaublich, dass wir immer noch müssen, aber wir müssen, das zeigt ja der Markt … seufz … und nicht nur in den bildenden Künsten, im Literaturbetrieb sieht es ja auch nicht so viel anders aus, wobei ich da schon zunehmend mehr und mehr Frauen sehe, was noch in den frühen 198oger Jahren ganz anders aussah-
    herzlichst
    Ulli

    1. Die Frage ist durchaus berechtigt, die Moderatorin hatte, leicht provokativ, die Frage nach der männlichen Ästhetik gestellt, die Frau Ikemura leicht ironisch damit beantwortete, dass die männliche Ästhetik sich wohl am ehesten durch eine gewisse pubertäre Haltung auszeichne, später fragte dann der Kunsthallendirektor nach der weiblichen Ästhetik und die Künstlerinnen waren sich schnell einig, dass die (unbewusst und ungewollt selbst von ihnen) einen negativen Touch habe, lieblich, Blümchen, harmonisch, fast kitschig, so die Richtung und letztendlich war man der Auffassung, dass wahre Ästhetik geschlechtslos sein muss, einfach nur Ausdruck des Individuums, ohne Einschränkung und Zuschreibung auf ein Geschlecht.
      Im Literaturbetrieb ist es sicher ähnlich wie im Kunstbereich, es gibt sehr viel mehr Frauen die schreiben, und noch unverhältnismäßig mehr Frauen, die lesen, als Männer, aber an der Spitze und in den verantwortlichen Positionen halten beharrlich die Männer die Mehrheit. Das ändert sich, aber wie Karin Kneffel vorgestern sagte, es dauert zu lange.

      1. ja, es dauert zu lange, das sehe ich auch so – ich danke dir für deine ausführliche Antwort- über die Ästhetik denke ich noch nach, da ich mir nicht sicher bin, ob man etwas Neutrales schaffen kann, da wir ja eben in diesen weiblichen und männlichen Körpern stecken , die Prägung kommt hinzu- okay, ein großes Forschungsfeld, wie ich finde
        über die pubertäre Haltung musste ich lachen …

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