Erst muss man ein Stöckchen aufheben, dann kann man es eigensinnig beantworten

Die kleine Frau ist ein einziges Abenteuer. Erst muss man sich überwinden, sagt sie, dann reißt der Faden von allein und alles, was andere Alltag nennen, wird auf einmal zum Abenteuer.

Es ist absolut nicht unmöglich an einem ganz normalen Tag in diesem abenteuerlichen kleine Frau Leben 10.000 € auf der Straße zu finden und ohne lange zu überlegen, das Geld in einen Koffer zu packen, und es, weil gerade Winter ist, an die Obdachlosen in der Stadt zu verteilen. Am darauffolgenden Tag legt die kleine Frau ihre eigene Haut ab, was ihr ungeheuer schwer fällt, weil sie sich so wohl darin fühlt, um sorgfältig und wohlüberlegt in die Haut Marguerite Poretes zu schlüpfen, einer Frau, die so eigensinnig war, dass sie für ihren Glauben auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Nicht, dass die kleine Frau masochistisch veranlagt wäre und gerne brennen möchte, aber sie wüsste gern, wie sich ein so unerschütterlicher Glaube anfühlt.

Wiederauferstehen würde sie als Rabe, auch weil sie glaubt, dass Raben eher keine Träume haben, jedenfalls keine, an die sie sich erinnern können. Zwar hat noch nie ein Traum das Leben der kleinen Frau beeinflusst, aber es gab zwei Träume aus ihrer Kindheit, an die sie sich noch heute lebhaft und nicht ohne ein leichtes Schaudern, erinnert.

Blöd wäre nur, dass sie als Rabe keine Bücher mehr lesen könnte, und selbst ihr absolutes Lieblingsbuch „Schreiben“ von Marguerite Duras, kann die kleine Frau sich noch nicht auswendig hersagen. Obwohl das auswendige Hersagen von Büchern eine der wenigen Möglichkeiten wäre, sich in einem anderen Land ohne Sprachkenntnisse durchzuschlagen, die sich die kleine Frau vorstellen kann. Aber eventuell könnte sie Bilder malen, die so unbeholfen komisch sind, dass der eine oder andere ihr aus Mitleid eine Mahlzeit spendieren würde. Allerdings wäre all das nicht das Richtige, weil die kleine Frau so gerne zuhört, und vielleicht, denkt sie, kann man das sogar in einem fremden Land, mit Sprachen, die man gar nicht spricht, aber trotzdem ein wenig versteht?

Wenn es in diesem Land Jogurth, Honig, Äpfel, Mehl, Eier, Zucker und Backpulver gäbe, könnte die kleine Frau auch die einzige Backware, die ihr immer gelingt, und die sie sogar relativ gerne zubereitet, herstellen; Apfelmuffins. Und zum Dank für die kleinen Apfelküchlein würde dann Fischer-Dieskau unter ihrem Balkon stehen und „Der Leierkastenmann“ aus Schuberts Winterreise für sie singen.

Viel wichtiger aber wäre, dass niemals schwarzer Tee, Lakritze, Knäckebrot, Milch und Salz ausgehen. Um das sicher zu stellen, würde die kleine Frau sich sogar überwinden, in eine Verkleidung zu schlüpfen, am besten in die der kleinen Frau, damit sie garantiert niemand wieder erkennt.

 

 

 

 

 https://maltrey.wordpress.com/2016/01/20/blockstockerl/

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15 Gedanken zu “Erst muss man ein Stöckchen aufheben, dann kann man es eigensinnig beantworten

  1. Ein genial-tiefsinnig-leichter, leuchtender eigensinniger Text, den ich sehr mag.
    Häuten und Verkleiden, Ende und Neuanfänge – so Themen, die ich auch in mir bewege.
    Danke.

  2. Es ist doch erstaunlich wie viele von uns doch Rabenseelen sind.

    Und: eine schöne Art das Stöckchen zu bearbeiten 🙂 Das war’s doch, oder täusche ich mich?

    Freundliches Krah!

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