19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“

 

 

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7 Gedanken zu “19. Januar

  1. Was für Gedankenfutter! In jeder Zeile steckt etwas, worüber ich nachdenken will. Und nun frage ich mich, ob mein Talent zum Glück noch schlummert oder schon erwacht ist und ob ich vielleicht dann am glücklichsten bin, wenn ich gleichzeitig froh und nachdenklich bin. Wenn ich mich nicht zwingen muss. Wenn ich einfach sein kann.
    Ich glaube, dass die Liebe zu Kindern, weniger zum Überleben tauglich machen soll, als zu leben. (Ja, ich weiß natürlich schon, wie du es meinst, aber das Wort überleben legt sich ein bisschen bitter auf meine Zunge.)

  2. „Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.“

    Was für eine wahre und bittere Erkenntnis. So ist die Liebe, paradox, weil sie fordert, Wurzeln zu schenken und zugleich Flügel.

    Was für ein bewegender Beitrag wieder, liebe Mützenfalterin.

  3. Ein sehr reicher Text ist das, liebe Mützenfalterin, der letzte Satz hat es in sich, er bohrt in mir und dies, dies bohrt auch:weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert. Mich holt gerade auch etwas ein, nein, es gibt sie nicht die Sicherheit alles angeschaut zu haben …
    heute grüsse ich mit etwas schwerem Mut
    Ulli

    1. Ach na ja, es ist ja auch eine Form von Eigensinn, sich selbst zu widersprechen, also nehme ich das Stöckchen an, das mir da so freundlich gereicht wurde, und sage Danke für die Herausforderung!

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