Verluste

Ich habe etwas verloren. Etwas, das ich ohnehin nie ganz und sicher besessen habe, hat sich mir mit einer neuen Nachdrücklichkeit entzogen. Sicherheit in Form von Vertrauen auf meine Urteilskraft. Das hat auch mit der aktuellen politischen Diskussion zu tun, damit dass die Einsicht, dass die Grundvoraussetzung für jeglichen befriedigenden Umgang mit sich selbst und mit anderen in der Einsicht besteht: ich bin nicht besser als die anderen!, nicht so leicht umzusetzen ist. Egal wie überzeugt man davon ist, dass nur so Gespräche gelingen können, dass nur auf diese Weise eine konstruktive Lösung gesucht werden kann, statt sich zwischen der Möglichkeit die Probleme tot zu schweigen, oder sofort Schuldige zu benennen, aufzureiben.

Worunter ich mehr leide, ist die Tatsache, dass mir auf diese Weise nach und nach die Fähigkeit zum Schreiben abhanden kommt. Weil mir der Eigensinn verloren geht und für mich, schreiben ohne Eigensinn keinen Wert hat, zutiefst unbefriedigend ist.

Kann ich mir Fehler, ein Scheitern erlauben, wenn ich von vornherein glaube, im Grunde nichts zu sagen zu haben, was zählt, was weiter führt?

Und paradoxerweise ist das ein sich viel zu ernst nehmen, etwas, das das, was ich eigentlich anstrebe, verhindert, nämlich mich leichter zu nehmen, der Menge, der Welt und dem Papier zuzutrauen und zuzumuten, dass sie mit meinen Worten, Ängsten und Zweifeln fertig werden.

„Schreiben ist nicht natürlich“,

schreibt Rosmarie Waldrop. Darüber muss ich nachdenken. Möglichst eigensinnig.

 

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17 Gedanken zu “Verluste

  1. Ich halte dagegen : schreiben ist natürlich / genauso wie zeichnen / Zeichen setzen.
    Was an schreiben nicht natürlich sein kann erschließt sich mir nicht.

    1. Na, wenn natürlich bedeutet selbstverständlich, wenn natürlich bedeutet naiv, wenn natürlich bedeutet unreflektiert und intuitiv, dann ist schreiben vielleicht eben nicht natürlich; ich kann die Zweifel der Beiträgerin nachvollziehen.
      Wenn natürlich meint, zur Natur des Menschen gehörend, dann ja, dann ist Schreiben wie Kunst überhaupt natürlich.

  2. Ich erwische mich auch seit gut einem Jahr immer wieder dabei, wie ich um die Worte ringe. Am besten geht es noch am späten Abend, wenn ich die Eindrücke auf Papier fliessen lasse und die Zensorin schon schläft, zufrieden bin ich aber auch damit noch lange nicht immer …
    Ich denke jetzt auch noch weiter, ob nun schreiben natürlich ist oder nicht, der erste Gedanke war: beim automatischen Schreiben noch am ehesten.

    1. Natürlich im Sinne vom am wenigsten kontrolliert ist das Schreiben sicherlich beim automatischen Schreiben. Die Frage ist ja, wie wir natürlich definieren. Was auch schon bei der kleinen Diskussion der beiden Herren oben deutlich wurde.

  3. Oh, was für ein eigensinniger Text da gewachsen ist mit diesen Fragen?!

    Ich sage: jede Form von Ausdruck ist natürlich, kreatürlich und notwendig um die Kultur einer Gesellschaft zu entwickeln. Schreiben ist eine Form zu reden und somit unbedingt Teil unserer schöpferuschen Natur.

  4. In seinen späten Vorlesungen sagte Lacan, der damals längst berühmt war, manchmal nur noch einen einigen Satz. Danach schwieg er.
    Gewiß fehlte es ihm nicht an Themen. Er hatte etwas, sogar sehr viel, zu sagen. Manche interpretieren sein Schweigen als die Konsequenz aus der Einsicht, dass Worte sein Denken nicht (mehr) abbilden konnten.

    1. Ich mag ja solche Anekdoten sehr. Und diese Einsicht klingt erst einmal bestechend, aber gleichzeitig ist das zu hoch für mich, zu abstrakt, ich kann mir nicht wirklich etwas darunter vorstellen…Außer vielleicht Hölderlin in seinem Turm.

  5. was einer das gehirn für streiche spielen kann:
    ich las „schreiben ist natürlich.“
    dann den ersten kommentar (von lz) und scrollte (was für ein wort) noch mal nach oben. dann stand da auf einmal: „schreiben ist nicht natürlich.“
    unfassbar, ich habe wohl nur gelesen, was ich lesen wollte! mein gehirn hatte vorher das „nicht“ einfach ausgeblendet! tssss.
    ich weiß nicht, tendiere dazu sofasophia zuzustimmen, wenn sie sagt:
    „jede form von ausdruck ist natürlich“.
    für mich ist schreiben natürlich – unabdingbar geworden mit der zeit. ein bedürfnis. ein natürliches bedürfnis? 😀

  6. ps – mützenfalterin, du bist dabei immer eigensinniger zu werden, und das meine ich sehr positiv! dir ist die fähigkeit zu schreiben nicht abhanden gekommen, im gegenteil. es wird nur sehr philosophisch bei dir, ich finds großartig!

    1. Danke für Deine fortwährende Ermutigung, das tut mir wirklich gut. Meine Frage war und ist, ob man nicht ein bestimmtes Maß an Selbstsicherheit, vielleicht auch ein wenig Unerschütterlichkeit braucht, um den Eigensinn nicht in lauter Relativsätzen und selbstauferlegten Einschränkungen zu verlieren.

      1. ja, ganz bestimmt braucht man ein gewisses maß an selbstsicherheit, um seinen eigensinn zu entwickeln und zu bewahren. aber in dem sinne, dass man sich traut, das alles niederzuschreiben, was einen bewegt, dass man sich traut, den zweifeln einen namen zu geben. alles und sich selbst, sein tun an sich, zu hinterfragen und zu beleuchten… ich glaube, das ist ein weg. 🙂

    1. Inzwischen bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Schreiben tatsächlich nicht natürlich ist, weil natürlich ja definiert ist als etwas das zur Natur gehört, Bestandteil der Natur ist, während Schreiben eine Kulturtechnik darstellt und die Natur mit dem Schreiben bestenfalls nachbilden, abbilden kann. Notwendig ja, schöpferische Natur des Menschen auch, natürlich aber nein. Und ich denke, es hat durchaus Sinn, sich das von Zeit zu Zeit bewusst zu machen.

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