Null

Allein, die Null im Gepäck, stand der einbeinige Mann auf der Landstraße, sehnte sich nach dem Wind, vergriff sich beim Versuch einen Vogel mit seiner Schleuder zu treffen und gleichzeitig ein Mädchen im Blick zu behalten, wobei er nicht einmal wusste, warum er sie im Blick behalten wollte. Vorsicht und Rücksicht, nicht zu vergessen die Nachsicht und die Tatsache, dass beides nicht geht: Fragen und Antworten, aber auch keines ohne das andere. Sowohl als auch. Weder noch. Wir begrenzen die Aussicht und zentrieren den Blick.

 

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Stimmen

Ich höre ihre Stimmen. Stimmen auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsen Werden. Und ich bin froh, dass das, was sie rufen oder tun, keine Erinnerungen hervorruft, keine Vergleiche, oder das Gefühl, zu wissen, was in ihnen vorgeht. Nur eine große Fremdheit und Einsamkeit.

Ich weiß nicht, wie ich warten soll, wenn meine Zeit doch so begrenzt ist. Sie wissen nichts von diesen Grenzen, sie sind so sehr verankert in der Gegenwart, dass sie tatsächlich unsterblich sind. Diese Trennung ist so vollkommen und absolut, dass eine große Beruhigung darin liegt. Eine gewisse Unerschütterlichkeit. Genährt von hartnäckigem Schweigen.

 

29. Januar

Früher sind die Geschichten aus mir herausgepurzelt. Ich bin aufgewacht, und schon vorher waren die Worte da, meine Hand bewegte sich einfach so über das Papier, willenlos irgendwie und unglaublich befriedigend und befreiend. Wann habe ich das verloren und warum?

Es muss etwas mit Erwartungen zu tun haben. Alles, was mir das Leben schwer und traurig macht, hat mit Erwartungen zu tun. Sobald die Erwartungen weg sind, wird alles leicht und hell und unerheblich. Als wären die Erwartungen das Brett vor dem Kopf, das jeden Blick verstellt und alles eng und beschränkt macht. Aber offenbar genügt es nicht, das zu wissen, um das Brett endgültig los zu werden. Vielleicht ist das „Ich“ dieses Brett und deshalb kann Kunst und Freiheit und Lust und alles, was wirklich schön und berauschend ist, nur entstehen, wenn man das los wird, selbstlos, das Icht nichten, wie Mechthild von Magdeburg es nennt, Simone Weil, Marguerite Porete. Diese Echtheit, die immer dann ganz selbstverständlich da ist, wenn man sich verliert, hingibt.

Mir ist klar, ich bin unruhig. Mir ist klar, ich bin durchsichtig, wie trübes Wasser. Mir ist klar, ich treibe auf dem Wasser, das mein Leben ist, egal wie sehr ich rudere, es ist vergeblich.

 

 

 

Leiko Ikemura und Karin Kneffel in der Kunsthalle Bielefeld

Im Grunde ist es ganz einfach. Das Leben ist schön und aufregend, oder es ist wie es eben ist, solange keine Erwartungen in der Gegend herumstehen und alles zum Einstürzen bringen. Das ist meine kleine private Einsicht zum gestrigen Abend, von dem ich aber nur den erwartungslosen und deshalb schönen Teil erzählen werde.

Im Rahmen der sehenswerten Ausstellung „die Moderne der Frau“ in der Kunsthalle Bielefeld fand gestern ein Gespräch mit Leiko Ikemura und Karin Kneffel, moderiert von Julia Voß statt, das überraschend gut besucht war.

Es sollte um Frauen gehen, um ihre Stellung in der Kunst, im Kunstbetrieb. Karin Kneffel sagt zu dem merkwürdigen Verhältnis vom Anteil der Frauen an Kunstakademien und ausgestellter Künstler in den Museen sinngemäß, es sei seltsam, oben stecke man Frauen hinein und unten kämen Männer heraus.

Aber zunächst soll es um die biografischen Hintergründe von Leiko Ikemura und Karin Kneffel gehen.

Leiko Ikemura, 1951 in Japan geboren, wusste bereits als Kind, dass sie den traditionell für Frauen vorgeschriebenen Weg nicht gehen wollte. Sie wollte selbstständig sein und entschied sich, weil sie dachte Sprachen seien auf dem Weg zu diesem Ziel sicher sinnvoll, für ein Studium der spanischen Sprache. Nach einigen Jahren merkte sie aber, dass es sinnlos ist, die Sprache zu lernen, wenn man das Land nicht verlässt und aus dem zunächst als halbjährlichen Ausflug geplanten Aufenthalt in Spanien wurden zehn Jahre, die sie im damals noch unter Franco regierten Spanien verbrachte. Die Entscheidung für die Kunst, für das Malen fiel erst spät. Für Ikemura ist die Art der Lebensführung beinahe ebenso wichtig wie die Herstellung von Kunst. Wichtig ist, nach dem Warum zu fragen, kritisches Denken und Eigensinn. In Sevilla begann sie Malerei zu studieren. Die Malerei war ihr nicht zuletzt darum wichtig, weil man während ihrer Schulzeit behauptet hatte, du kannst nicht malen.

Ikemuras Gemälde haben einen Zug ins Abstrakte. Beide Frauen malen teilweise sehr große Formate. Während Kneffel angibt, jedes Thema verlange einfach eine bestimmte Größe, sagt Ikemura gerade in Bezug auf das große Format sei ihre Zeit in Köln in den 80er Jahren sehr prägend gewesen, sich unter den „neuen Wilden“ behauptet zu haben, darauf sei sie noch heute stolz.

Eine wesentliche Frage für Ikemuras Zugang zur Malerei ist die Frage, wie man Körperwahrnehmung darstellen kann. Ihr ist der Akt des Malens wichtig, wesentlich ist es eins zu werden mit dem Tun, vor dem Prozess des Malens habe sie nur eine vage Vorstellung, von dem, was entstehen soll, das Malen selbst muss dann nahezu selbstvergessen und selbstlos sein.

 

Karin Kneffel, 1957 in Marl geboren, erzählt, dass sie bereits als sechsjährige traurig darüber gewesen sei, ein Mädchen zu sein. Als sie erfuhr, dass Frauen, wenn sie heiraten, ihren Namen abgeben müssen, weinte sie drei Tage lang. Ein weiterer Schock sei die damalige populäre Oetkerwerbung für sie gewesen in der es hieß für eine Frau gäbe es zwei entscheidende Fragen: Was ziehe ich heute an und was koche ich meinem Mann?

Ganz praktisch bedeutete das damals vorherrschende Frauenbild für Karin Kneffel, dass sie nur die Realschule besuchen konnte, weil das die angemessene Ausbildung für ein Mädchen war.

Abitur war also nur über den zweiten Bildungsweg möglich, sagt sie, und dass sie lange Zeit nicht gewusst habe, dass man Kunst studieren kann. Während ihres Germanistikstudiums in Duisburg spricht sie ein Lehrender aufgrund ihres „Renaissancekopfes“ an und bittet sie Modell zu sitzen. Einige Male sitzt Kneffel also Modell und beginnt dann selbst zu zeichnen, für ihre Zeichnung wird sie sofort gelobt, und der Weg zum eigenen Kunststudium ist geebnet.

Obwohl Kneffel ganz bewusst reale und wiedererkennbare Gegenstände malt, ist sie nicht glücklich mit der Einordnung ihrer Malerei in den Realismus. Denn der Zusammenhang ist ja nicht real, obwohl man die Gegenstände erkennt. In ihren Bildern tauchen wiederkehrende Protagonisten auf, z.B. der blaue Vorhang. Der eigentliche Malprozess, dem oft eine langwierige und zeitaufwändige Recherche voraus geht, dauert ca. einen Monat. Karin Kneffel malt mit sehr kleinen Pinseln in drei oder vier Schichten ihre Bilder.

Julia Voß betont noch einmal wie wichtig auch die Hintergründe, die Zeugen, negative oder positive Bestärkungen sind auf dem Weg eine Künstlerin zu werden, das Umfeld und die Umstände spielen eine große Rolle, auch wenn diese viel zu häufig verschwiegen wird.

Zum Abschluss geht es noch um die Frage, ob es eine weibliche und eine männliche Ästhetik gibt, welche Vorbilder die beiden Malerinen haben.

Kneffel sagt, sie schätze Maria Lassnig, möge sie aber nicht. Was hauptsächlich daran liegt, dass Körperlichkeit nicht ihr Thema ist. Ein Vorbild sei eher Meret Oppenheim, insbesondere ihre Skulpturen, aber auch Manet habe sie über die Jahre begleitet und fasziniert.

Leiko Ikemura nennt Modersohn-Becker und Gabriele Münter und betont noch einmal, dass für sie nicht nur das Werk, sondern durchaus auch die Lebensart entscheidend sei. Bei den von ihr genannten Vorbildern spüre sie, dass das Malen aus dem Herzen käme.

Im Publikumsgespräch geht es um die Frage, ob eine Diskussion über die Stellung der Frau im Kunstbetrieb wirklich immer noch notwendig sei, es wird bedauert, dass weniger über die einzelnen Werke der Künstlerinnen gesprochen wurde als über allgemeine Bedingungen und eben die Genderproblematik. Allerdings ist man sich einig, dass das Thema so lange diskutiert werden muss, wie es virulent ist, und wie virulent es noch immer ist, dafür gibt eine Wortmeldung aus dem Publikum beredt Auskunft, es handelt sich um eine Kunstlehrerin, die erschüttert über die Auswahl ihrer Kolleginnen ist, die den Schülerinnen und Schülern ausschließlich männliche Biografien präsentieren. Sie werde, sagt sie, den Katalog der Ausstellung ihren Kolleginnen „als Bibel“ vor die Füße knallen.

Ein Mann (4)

Ein Mann

Es gibt einen Mann

Ich traf ihn im Wald.

Er hatte Hunger.

 

Du hast schöne Augen

sagte er.

Er meinte sein Spiegelbild.

Ich gab ihm mein Pausenbrot.

 

Lass uns Blumen pflücken

sagte er.

Ich fragte

Aber du bist nicht zufällig der böse Wolf?

Er lachte.

Das bildest du dir doch bloß ein

sagte er.

Das hier ist kein Wald

das ist der finnische Bahnhof.

Siehst du nicht Lenins Denkmal?

Aber ich sah nichts.

Nur einen Mann

der Hunger hatte.

Homerika

Lange schon, spätestens seit ich Ulrike Draesners Gedicht über „penelope“ (sie schreibt in „Zauber im Zoo“ über die Entstehungsgeschichte dieses Gedichtes) gelesen habe, fasziniert mich diese Figur. Weitaus mehr als Odysseus und seine abenteuerliche Irrfahrt. Auch deshalb habe ich „Homerika“ von Phoebe Giannisi sehr gerne gelesen.

Erst muss man ein Stöckchen aufheben, dann kann man es eigensinnig beantworten

Die kleine Frau ist ein einziges Abenteuer. Erst muss man sich überwinden, sagt sie, dann reißt der Faden von allein und alles, was andere Alltag nennen, wird auf einmal zum Abenteuer.

Es ist absolut nicht unmöglich an einem ganz normalen Tag in diesem abenteuerlichen kleine Frau Leben 10.000 € auf der Straße zu finden und ohne lange zu überlegen, das Geld in einen Koffer zu packen, und es, weil gerade Winter ist, an die Obdachlosen in der Stadt zu verteilen. Am darauffolgenden Tag legt die kleine Frau ihre eigene Haut ab, was ihr ungeheuer schwer fällt, weil sie sich so wohl darin fühlt, um sorgfältig und wohlüberlegt in die Haut Marguerite Poretes zu schlüpfen, einer Frau, die so eigensinnig war, dass sie für ihren Glauben auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Nicht, dass die kleine Frau masochistisch veranlagt wäre und gerne brennen möchte, aber sie wüsste gern, wie sich ein so unerschütterlicher Glaube anfühlt.

Wiederauferstehen würde sie als Rabe, auch weil sie glaubt, dass Raben eher keine Träume haben, jedenfalls keine, an die sie sich erinnern können. Zwar hat noch nie ein Traum das Leben der kleinen Frau beeinflusst, aber es gab zwei Träume aus ihrer Kindheit, an die sie sich noch heute lebhaft und nicht ohne ein leichtes Schaudern, erinnert.

Blöd wäre nur, dass sie als Rabe keine Bücher mehr lesen könnte, und selbst ihr absolutes Lieblingsbuch „Schreiben“ von Marguerite Duras, kann die kleine Frau sich noch nicht auswendig hersagen. Obwohl das auswendige Hersagen von Büchern eine der wenigen Möglichkeiten wäre, sich in einem anderen Land ohne Sprachkenntnisse durchzuschlagen, die sich die kleine Frau vorstellen kann. Aber eventuell könnte sie Bilder malen, die so unbeholfen komisch sind, dass der eine oder andere ihr aus Mitleid eine Mahlzeit spendieren würde. Allerdings wäre all das nicht das Richtige, weil die kleine Frau so gerne zuhört, und vielleicht, denkt sie, kann man das sogar in einem fremden Land, mit Sprachen, die man gar nicht spricht, aber trotzdem ein wenig versteht?

Wenn es in diesem Land Jogurth, Honig, Äpfel, Mehl, Eier, Zucker und Backpulver gäbe, könnte die kleine Frau auch die einzige Backware, die ihr immer gelingt, und die sie sogar relativ gerne zubereitet, herstellen; Apfelmuffins. Und zum Dank für die kleinen Apfelküchlein würde dann Fischer-Dieskau unter ihrem Balkon stehen und „Der Leierkastenmann“ aus Schuberts Winterreise für sie singen.

Viel wichtiger aber wäre, dass niemals schwarzer Tee, Lakritze, Knäckebrot, Milch und Salz ausgehen. Um das sicher zu stellen, würde die kleine Frau sich sogar überwinden, in eine Verkleidung zu schlüpfen, am besten in die der kleinen Frau, damit sie garantiert niemand wieder erkennt.

 

 

 

 

 https://maltrey.wordpress.com/2016/01/20/blockstockerl/

19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“

 

 

Hingabe

Nachdem nun weitesgehend geklärt ist, dass Schreiben zwar nicht natürlich, aber sehr wohl notwendig ist, und vielleicht fast so etwas wie die zweite Natur des Menschen (obwohl das vielleicht schon ein Widerspruch in sich ist), sofern es mit Hingabe betrieben wird, erinnere ich mich an die Aufforderung einer Freundin, mich zu fragen, warum ich schreibe. Und endlich scheint eine Antwort auf, die mich befriedigt: Weil es etwas ist, dem ich mich vorbehaltlos hingeben kann. Das ist nicht jederzeit und unbedingt wahr, aber es ist ein Ziel, eine Möglichkeit, auf die hinzuarbeiten es lohnt. Etwas, das mich auch so rüde Absagen, wie die einer renommierten Zeitschrift hinnehmen lässt, die mir gestern per Mail mitteilte, meine Gedichte seien für diese Zeitschrift nicht geeignet.