Meine Friseuse

Ihre Großeltern, sagt meine Friseuse, hätten eine Kohlenhandlung besessen. Dort, zwischen den Kohlen, im Kohlenlager der Großeltern, fand die Kindheit statt. Dieses Minimum an Kindheit, das auch ihr zugestanden wurde. Sie ist nicht verbittert. Sie nennt die Dinge beim Namen. Wenn einer Krebs hat, sagt sie er hat Krebs, und wenn einer tot ist, fällt ihr nicht ein, ihn als hingeschieden oder von uns gegangen zu bezeichnen.
Sie ist stabil und zupackend. Sie hat alles im Griff. Sogar ihren Chef.
Ich erzähle ihr von Frau Sadowski und Lisa, von dem Jungen, der vor dem Salon im Regen tanzt und schließlich von Berlin, von der Strafanstalt Tegel und Franz Biberkopf. Erst lächelt sie, dann legt sie die Stirn in Falten. Schließlich schweigt sie nur noch beharrlich.
Wir erzählen uns Geschichten, sage ich, das ist meine Art den Leuten die Haare zu schneiden.
Man merkt, dass Sie eine schwierige Kindheit hatten, sagt sie zum Abschied. Und ich sehe ihr an, dass sie mir verziehen hat.

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