Bis der Schnee Gewicht hat

In nahezu allen Bereichen meines Lebens war ich ein Spätzünder. Der Schularzt bestätigte mir eine verzögerte Entwicklung (der Zähne), mein Abitur gelang mir erst auf dem zweiten Bildungsweg, als ich mein Diplom bekam, war ich über dreißig. Mutter wurde ich noch später. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich fast 50 Jahre alt werden musste, um das erste Buch zu veröffentlichen. Möglicherweise hat es aber auch einfach so lange gedauert, bis meine Worte genug Gewicht hatten…

05. November

Die Fäden wieder aufnehmen, bestimmte Motive, die sich durchziehen, das Muster ausmachen. Natürlich ist das auch so mit dem Leben. Die Einzigartigkeit der Muster und die Unfähigkeit, die Fäden zu entwirren. Bei sich selbst.

Geduld. Und dass das vielleicht in erster Linie bedeutet, dass man dulden soll, demütig hinnehmen, dass die Dinge sind, wie sie sind. Dass man selbst ist, wie man ist. Verworrene Fäden. Die dennoch zu einem Ziel führen. Hingabe und Entscheidung. Und wie das Verhältnis der beiden zueinander das Muster bedingt. Die Bereitschaft hinzusehen.

Statt sich blenden zu lassen.

Bereitschaft und Beschränkung.

Und wie das wiederum zusammenhängt.

04. November

Statt einander zu bitten, zu streiten, beginnen wir zu lügen, uns zu hintergehen. Ich habe Fieber, statt ich habe Angst vor dieser Klassenarbeit. Weil wir die Antworten schon kennen, weil wir begonnen haben, die Mechanismen zu durchschauen, dieses wenn- dann, das Ausbleiben von Überraschungen.

Der Unterschied zwischen Selbstbehauptung und Selbsterkundung

Nachgestellte Emoticons als Vorbild für den Gesichtsausdruck bei Selfies, führen zu einer Demokratisierung des Gesichtsausdrucks und machen uns auf diese Weise gleich. Nicht im Sinne von auswechselbar, ununterscheidbar, sondern unabhängig von Stand, Nation, Milieu und sonstiger Dünkel. So verstehe ich die These des Kunsthistorikers Wolfgang Ulrich, zur Ausstellung „Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie“ in Karlsruhe, in der SZ von Kia Vahland nacherzählt.

Der Unterschied zwischen Selbstbehauptung und Selbsterkundung, oder wie das Kia Vahland in ihrem Artikel präsziert: „Große Selbstporträts in der Kunst sind keine Ich-, sondern Menschheitsbilder.“

So ist es auch mit der Literatur. Es gibt die Bücher, die Texte, die etwas behaupten, und die, die aufrichtig sind, so aufrichtig, dass man sich als Leser aufgehoben fühlt, zu Hause, geborgen. Vielleicht sogar verstanden.

 

 

 

 

29. Oktober

Morgens direkt nach dem Aufwachen schreiben, unzensiert, zusammenhanglos. Von allen Möglichkeiten und tausendfach wiederholten Sorgen, Besorgnissen. Wie seltsam es ist, dass Großeltern, Vater, Mutter immer mehr verblassen, ohne jemals einen Tag älter geworden zu sein, als sie es zum Zeitpunkt ihres Todes waren.