Anne Weber bei den Bielefelder Literaturtagen 2015

Ich referiere hier nicht das sehr besondere Buch, das Anne Weber geschrieben hat, ich mache hier keine Besprechung von Ahnen, einem sehr klugen und anregenden Buch. Ich will nur davon erzählen, wie Anne Weber sich knipsen lassen musste von der Presse, und wie viele Menschen gestern in der Stadtbibliothek in Bielefeld waren, um ihr zuzuhören. Während ich noch auf den Beginn der Lesung warte, spielt sich der Klavierspieler schon einmal warm und hinter mir summt jemand die Melodien mit, die da gespielt werden. Ich sehe mir die Gesichter an, erfreulicherweise dieses Mal auch viele junge Menschen, und frage mich, welche Fragen, welche Erwartungen, die Leute heute abend hier her geführt haben.

Und mich? Sicher die ungewöhnliche Auseinandersetzung nicht nur mit der Vergangenheit an sich, sondern damit, wie dieser Teil Geschichte, in dem unvorstellbar schreckliche Dinge geschehen sind, wie die Nazidiktatur alles überschattet, wie verletzbar sich die Autorin zeigt, und wie gründlich sie recherchiert, nachdenkt, ihre Gedanken Mal um Mal revidiert.

Nach der Vorstellung durch Harald Pilzer liest Anne Weber den Anfang ihres Zeitreisetagebuches. Ein Buch, das ohne Kapitelgliederung auskommt, und chronologisch weniger von dem Urgroßvater Florence Christian Rang erzählt, der im Buch den Namen „Sanderling“ bekommt, als vielmehr von der Auseinandersetzung seiner Urenkelin mit der Zeit, mit diesem „Riesengebirge“ aus Zeit, die sich zwischen das Leben des Urgroßvaters und die Gegenwart, aufgetürmt hat.

Im anschließenden Gespräch wird Anne Weber erzählen, dass es nicht zuletzt das nie vollendete Hauptwerk Rangs war, das sie angezogen und neugierig gemacht hat. Rang muss sich als Nachfahre Hiobs gesehen haben, als einer, den Gott versucht und straft und auf die Probe stellt, so dass er ihn beschimpft. „Abrechnung mit Gott“ sollte das Werk heißen. Und dieses gleichzeitig ernste wie größenwahnsinnige Anliegen rief genug Bewunderung in der Urenkelin hervor, um sich auf den Weg zu machen, diesen Urgroßvater besser kennen zu lernen.

Die Zeit beschreibt Weber als Weg, ein Gedanke, der sich mit dem Begriff „Zugang“ gut plausibel machen lässt, denke ich, wieder einmal überrascht davon, wie viel übersehene Weisheit in den Worten selbst liegt.

Es sind die hohen Ideale, die Rang/Sanderling verfolgt, diese unerfüllbaren Ideale, die ihn niederdrücken. Weber schreibt von einer „tiefen Verlorenheit“ Sanderlings. Ist das sensible Einfühlung, frage ich mich, oder ist es das, was Leslie Jamison „Inpathie“ nennt, das Überstülpen einer fremden Biografie, fremden Leidens, in das eigene Leben? Oder ist es die Auseinandersetzung zwischen Stolz und Abscheu, zwischen tiefstem Verständnis und abgrundtiefem Unverständnis, angesichts dieses Satzes auf den Weber bei ihren weiteren Recherchen stoßen wird, den Rang anlässlich der Besichtigung einer Irrenanstalt gegenüber dem diensthabenden Arzt äußert: „Warum vergiften Sie diese Menschen nicht?“

Im anschließenden Gespräch erzählt Weber zu Impuls und Verfahren ihres Buches befragt, ihre Ausgangsfrage sei gewesen, wie man einem Menschen begegnen kann, der in der Zeit verschwunden ist. Schnell wurde ihr klar, es geht nur über den Prozess (sie selbst nennt es Reise) der Annäherung. Also nicht zuletzt noch einmal ein neuer Ansatz zur Auseinandersetzung mit historischen Stoffen. Ein Thema, das mich spätestens seit dem wunderbaren Aufsatz von Felicitas Hoppe in der Neuen Rundschau von 2007 beschäftigt.

Weber erzählt von der Berg- und Talfahrt, die sie bei der Recherche nach der Biografie Sanderlings erfahren hat, von der Bewunderung über die Ernüchterung hin zu einem großen Respekt angesichts der Tatsache, dass Sanderling in seinem Buch „Bauhütte“ nach dem Ende des ersten Weltkrieges einen jeden Menschen bei seinem individuellen Gewissen anrief, die zerstörten Städte wieder aufzubauen.

Deutlich wird, dass sich insbesondere die Zeitspanne des dritten Reichs als etwas Unüberwindbares zwischen die Vergangenheit, in der Sanderling lebte und dem heute, von dem aus seine Urenkelin nach ihm sucht, gelegt hat. Diese alte, noch von diesen Greueltaten unberührte Vergangenheit, verliert angesichts dieser Epoche ihre „Unschuld“. Wenn sich der Urgroßvater abfällig über Irre äußert und sogar vorschlägt sie zu vergiften, ist es unmöglich diesen Satz nicht auf die Nazizeit zu beziehen, darin nicht einen Vorläufer für die massenweise Vernichtung von Menschen zu sehen.

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