Scham

Ja. Natürlich. Es wird dich zerreißen. Und schlimmer noch: dich allein. Ein einziges Mal wirst ausgerechnet du ausgewählt werden. Nur um zerrissen zu werden. Vor aller Augen. Allein.
So sprach ich zu mir. So redete ich auf mich ein. Immer noch wollte ich eine Dichterin sein. Genügte mir nicht das, woran ich täglich scheiterte? Ich. Meine Vergangenheit. Der zerfallene Körper. Das zerrüttete Gesicht. Ich würde mich nicht wiedererkennen, wenn ich mich nicht täglich zwingen würde, mich anzusehen. Auch wenn es kein Ansehen ist. Aber ich selbst habe einmal behauptet, dass alles wirkliche sich hinter dem Spiegel abspielt. Von wegen Spiel. Das hier ist bitterer Ernst. Das sind Gedanken. Und alles kommt über uns, aber wir wählen aus, um dann wieder sagen zu können: mit mir ist das Leid.
Ich wollte von Scham reden. Meine Art, es zu tun, ist es zu vermeiden. Scham? Was für ein seltsames Wort. Unangenehmer Klang. Ich könnte nachschlagen, die Suchmaschine damit füttern. Apropos füttern: wer hat eigentlich mich gefüttert mit der Scham? Eine Frage, die ich Sansibar in den Mund legen könnte und dort läge sie gut. In seiner weichen, feuchten, dunklen Mundhöhle. Der vage Moment der Möglichkeit: wird er die Frage verschlucken, auf ihr herumkauen oder spuckt er sie aus?
Und dann, wenn er sie ausgespuckt hat? Werde ich dann wissen, was Scham ist? Was das mit mir zu tun hat? Vielleicht könnte ich aufhören immerzu gesehen werden zu wollen, wenn ich mich einmal selbst ansehen würde. Vielleicht.

Das habe ich vor über vier Jahren geschrieben und ich bin nicht sehr viel weiter gekommen. Ich habe nachgeschlagen; Scham hatte im Altnordischen die Bedeutung von Schande, die Herkunft ist unklar. Mehr nicht. Als wäre Scham ein großes Geheimnis. Eines von diesen furchtbaren Geheimnissen, die man nicht teilen kann. Denen man nicht einmal mit der Schrift beikommen kann. Nur vielleicht mit dem Zweifel, damit, es immer wieder in Frage zu stellen, anzusehen, wie sich nicht die Scham ändert, aber mein Verhältnis zu ihr.

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