Trost

Es wird schnell dunkel und alle sind längst aus der Erreichbarkeit eines einfachen Glaubens herausgewachsen. Erdnaher Trost durch die Berührung der Erde. Eine Bewegung. Einen Blick. Zu gründlich sind wir in unsere Schwierigkeiten hinein gewachsen. Bodenlos in unserer schwindelerregenden Unterschiedlichkeit.

30. Oktober

Wir sind zu viele, oder zu wenige, zu leichtgläubig, oder zu schwer zu überzeugen, zu optimistisch, oder zu unfähig an das Glück zu glauben. Nur genau richtig sind wir nie. Im Gleichgewicht und Einklang. Vielleicht weil alles verstummen würde und stehen bleiben. Es gäbe nur den Moment. Uns. Die Tatsache, da zu sein.

Veränderungen

Immer noch, immer wieder, geht es um „nationale Interessen“, ohne dass jemals das Konzept der „Nation“ ernsthaft in Frage gestellt würde. Vielleicht ist es naiv, aber sollte Europa nicht als eine Gemeinschaft gedacht (und endlich auch gelebt) werden, deren Idee nicht nur über Nationen hinausgeht, sondern nationales Denken, nationale Identität obsolet macht, weil derart kleinstaatliches (auf vermeintliche Sicherheit und Machterhalt ausgerichtetes) Denken aufgehoben wird vom Willen als europäische Gemeinschaft Aufgaben bewältigen zu können, Lösungen zu finden, die jedes einzelne Land in seinen nationalen Grenzen überfordern würde?

Während sich alles ändert, grundlegend und mit Auswirkungen, die wir spätestens seit diesem Jahr zu deutlich spüren, um sie zu ignorieren, stellen sich nur wenige Medien und nur wenige der politisch Verantwortlichen der Tatsache, dass es eine grundlegende Veränderung der Lebenswirklichkeit für jeden Einzelnen von uns geben wird. Es ist diese Unsicherheit über die wir reden sollten. Denn sie zu verschweigen, erzeugt Angst, sie zu verleugnen wäre eine Lüge, die gravierende Folgen haben könnte, sich ihr nicht zu stelle führt zu Chaos und auf die Dauer zu Handlungsunfähigkeit.

Die Veränderung wird es geben. Aber wir können sie gestalten, wenn wir sie nicht länger verschweigen.

Tauschgeschäfte

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

Leslie Jamison – Die Empathie – Tests

Vielleicht ist Empathie die Fähigkeit, oder vielmehr die Bereitschaft, darauf zu verzichten, um jeden Preis Zusammenhänge herzustellen. Zu ertragen, dass Ursache und Wirkung im Dunklen bleiben, die sichtbaren Bruchstücke nicht zueinander passen, und nichts logisch aus dem anderen folgt, aber dennoch existiert. Dass es Dinge gibt, die es eigentlich nicht geben sollte. Und das alles, obwohl wir Gründe brauchen, um den ausgestellten Gefühlen zu folgen, damit wir Mitgefühl entwickeln können und nicht sofort auf Abstand gehen, uns nicht augenblicklich, unwillkürlich distanzieren… aus der Rezension von Leslie Jamisons großartigen Essays in „Die Empathie – Tests„.

21. Oktober

Gestern habe ich geschrieben, dass es vielleicht die Aufgabe unserer Kinder, der nächsten Generation ist, einen Boden zu bereiten, auf dem wir uns gerade mit dem Fremden, konstruktiv auseinander setzen können. Was natürlich Blödsinn ist, denn das „Problem“ ist jetzt da. Die Menschen, die noch immer zu Tausenden nach Europa und speziell nach Deutschland flüchten, unerträgliche Sätze, die auf Pegida Demonstrationen gesprochen werden und dazwischen ganz viele zutiefst verunsicherte Menschen, die nicht wissen, wie das alles weitergehen soll. Dazu finde ich einen Artikel, den ich gerade gelesen habe, sehr empfehlenswert. Die Verfasserin spricht sich dafür aus, offen zu bleiben für die Ängste und Fragen, statt weiter im Schwarz-weiß Denken zu verharren; hier die Guten, die helfen und Refugees wellcome Schilder hochhalten und dort die Bösen, die Pegida hinterherlaufen und die Grenzen am liebsten schnell wieder schließen wollen.

wenn wir wollen, dass integration funktioniert müssen wir damit innerhalb unserer gesellschaft anfangen und auch die teile der gesellschaft mitnehmen, die uns fern sind und deren fragen wir uns gerne entziehen, vielleicht weil wir selbst die antwort nicht wirklich kennen. oder weil uns die frage am schopf unserer politischen korrektness und verklemmtheit packt. oder weil wir uns ertappt fühlen, weil uns selbst diese frage umtreibt wir uns aber nicht trauen sie zu stellen aus angst als tendenziell rechts dazustehen.

schreibt die Autorin und noch ganz viele weitere kluge, nachdenkenswerte Dinge.

20. Oktober

Zum Frühstück Nachrichten von der Pegida Demonstration und Gegendemonstration gestern gelesen. Von den Ausschreitungen. Abscheu und Angst. Die Frage, warum sich alles radikalisiert, warum es nicht gelingt, Gespräche zu führen, sich friedlich und konstruktiv auseinander zu setzen.

Vielleicht ist das der nächste Entwicklungsschritt, der den unsere Kinder bewältigen müssen, und wir haben immerhin erreicht, dass sich frühzeitig massiv Widerstand formiert.

Und zum Trost noch dieses Gedicht, das heute Text des Tages auf Fixpoetry ist.

Geheimnis

Anne Carson schreibt über die Rolle des Schweigens, der Reduktion und Auslassung beim Erzählen. Klischees als Fragen und die Katastrophe als Antwort. Wenn sie Francis Bacon zitiert, der zu einem Interviewer sagt: „Sehen Sie, das ist der Punkt, an dem sich über das Malen absolut nicht sprechen lässt. Es liegt im Prozess“, denke ich unwillkürlich an Olga Martynovas kluge Antwort auf die Frage, wie sie das macht, ihren Roman zu schreiben. Es ist als würden die Uneingeweihten hinter ein Geheimnis kommen wollen, es aufdecken wollen, von dem sie glauben, die Künstler würden es sorgfältig hüten. Dabei gibt es dieses Geheimnis nicht. Oder es liegt einfach darin, dass niemand davon sprechen kann. Dass etwas geschieht, wenn man nicht nur die richtigen Fragen stellt, sondern sich diesen Fragen stellt, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten und der Beharrlichkeit dennoch Antworten zu finden. Und das was während dieser Auseinandersetzung geschieht, ist dann vielleicht Literatur, Kunst, etwas, das etwas bedeutet, was nicht genauer übersetzbar ist. Eine Verbindung herstellt zum Urtext mit dem wir alle verbunden sind, ohne es klar ausdrücken zu können.

 

Scham

Was meinen Texten, dem, was ich schreibe, fehlt, ist dieser Mehrwert, der z.B. in Anne Webers Buch „Ahnen“ darin besteht, sich sehr konstruktiv mit dem persönlichen Verhältnis zur Geschichte auseinander zu setzen. Mit den Grenzen dieser Auseinandersetzung.

Weber schreibt auch über Scham. Für mich sehr überraschend, von einer positiven Rolle von Scham. Sogar von Scham als etwas Wertvollem. Sie beschreibt, wie sich ihr Vater zu Besuch bei emigrierten jüdischen Freunden seines Großvaters, geschämt habe, nicht nur für den Nazi-Vater, sondern dafür, über all das, über die Geschichte, die unaussprechlichen Taten und seine Rolle dabei, nicht gesprochen zu haben. Sie schreibt: „Mehr als ein halbes Jahrhundert später schämt sich mein Vater dafür, dass er, über das Wesentliche schweigend, erklärungslos bei ihnen gesessen und sich vermutlich sogar hat bewirten lassen, und ich liebe und ehre ihn für diese Scham. Sie ist das Wertvollste, sage ich mir, was wir haben. Ihr Brennen überdauert die Jahrzehnte, es wird weitergereicht; nicht hochgehalten wie eine olympische Flamme, sondern leise einem anderen anvertraut. Ich bin meinem Vater dankbar dafür.“

Sie hat Recht, diese Scham gibt es. Und sie wird auf eine stille, schwer zu beschreibende Art weitergereicht. Das habe auch ich erlebt. Aber wertvoll finden kann ich diese Scham nur im Hinblick auf ihre unbedingte, und die Generationen überdauernde Notwendigkeit. Mit meinen Eltern, die das dritte Reich als junge Menschen erlebt haben, konnte ich nicht mehr über diese Zeit reden. Sie sind gestorben, bevor die Fragen in mir gereift waren. Ich weiß nur, dass meine Mutter mit ihren Eltern und Geschwistern aus Bartenstein im damaligen Ostpreußen geflohen sind, dass sie eine Zeitlang in Dänemark interniert war, und dann irgendwann hier angekommen ist, wo ihre Mutter bald starb, und der Vater Heimweh hatte.

Letztes Jahr bin ich bei dem letzten noch lebenden Bruder meines Vaters in F. gewesen, u.a. auch, um etwas in Erfahrung zu bringen über diese Zeit, über die Rolle meins Großvaters und Vaters. Mein Vater, so erzählte mir dieser Onkel, sei als die Mutter, also meine Großmutter, mit ihren Kindern, und dem damals noch ungeborenen Kind S., also ihm, nach Österreich umgesiedelt worden, weil hier in B. der Krieg zu nah, die Lage für eine Frau mit kleinen Kindern zu gefährlich geworden sei, eine große Hilfe für die Familie gewesen. Er habe wohl oder übel die Rolle des männlichen Familienoberhauptes übernommen, habe Brennholz und Essen organisiert, Mutter und Geschwister beschützt, so gut er konnte, denn willkommen waren sie dort, in Österreich, auf dem Land, nicht. Und ich habe vergessen, zu fragen, wer diese Umsiedlung veranlasst hat, wie es eigentlich dazu gekommen ist. Sicher auch aus Scham, aus einem unterschwelligen Gefühl, dass mich das alles nicht wirklich etwas anginge (auch wenn das noch einmal eine ganz andere Geschichte ist).

Der älteste Bruder, der nie wiederkehren sollte aus diesem Krieg, hat einen arischen Stammbaum angelegt, ich habe diesen, von ihm angefertigten Stammbaum gesehen, und (vor Scham?) darüber offenbar gleich wieder vergessen, was ich gesehen habe, denn ich erinnere mich tatsächlich an kein einziges Detail.

Eine andere Art von Scham habe ich erlebt, als ich das erste Mal mit meinen eigenen Kindern über Nazi Deutschland geredet habe. Nicht einmal die Familiengeschichte betreffend, es war eine allgemeine Scham, ein Schmerz, dass ich ihnen auch diesen Teil der Geschichte, nicht nur zumute, sondern vererbe. Dass auch sie, in der zweiten Generation derer, die diese Zeit überhaupt nicht mehr erlebt und gestaltet haben, eine Verantwortung für all das Unvorstellbare, das damals geschehen ist, übernehmen müssen.