22. September

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht gerne halb ausgegorene Gedanken niederschreibe, bzw. schon niederschreibe, aber nicht gerne öffentlich mache. Zum Beispiel die Frage, die jetzt immer wieder aufkommt, ob die große Hilfe der Freiwilligen für die Flüchtlinge nicht letztendlich den Politikern ermöglicht, weiterhin untätig zu bleiben, dabei bin ich davon überzeugt, dass andererseits gerade das große öffentliche Engagement dazu geführt hat, dass die Politik endlich begonnen hat, sich konstruktiv mit der Flüchtlingsproblematik auseinander zu setzen. Ebenso wahr ist, dass die Verantwortung nicht allein bei der Bevölkerung liegen darf, dass nicht politische Aufgaben delegiert werden dürfen an Freiwillige.

In der Zeit vom 10. September schreibt Slavoj Zizek, dass das Elend der Menschen, die aus „gescheiterten Staaten“ nach Europa fliehen, eine direkte Folge des ökonomischen Kapitalismus ist, den die Großmächte ausüben.

Er bietet die Forderung an: „Respektiert die anderen nicht einfach nur, bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind.“ Nämlich die Auswirkungen eines global herrschenden Kapitalismus, der dingend transformiert werden muss.

Und vielleicht ist es ebenso wichtig, sich Gedanken um all diese Forderungen und Zusammenhänge zu machen, wie tatkräftig zuzupacken und zu helfen, wo man kann.

 

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Die Welt wird alt und wird wieder jung…

Das war das Motto für die Lesung am Tag nach der Diskussion.

Beobachtungen im Vorfeld: sehr kleine Menschen, ein Mann mit Handtasche, ritualisierte Begrüßungsgesten, dutzendfach wiederholt.

Ein Theatersaal, weinrote Samtsitze, festlich gekleidete Menschen, die übliche Altersstruktur, weiße Köpfe, kahle Stellen, und trotzdem ist in fast allen Gesichtern etwas Jugendliches, häufig sogar Kindliches, etwas, das es mir leicht machte, das kleine Mädchen, die junge Frau zu sehen, die immer noch in diesem, jetzt alten, Körper steckt.

Die Hand der Veranstalterin zittert, als sie ihre einleitenden Worte vom Blatt liest. Dann liest Hartung von der Muse des Alters, dem hilflosen Blick des Alters, den Bildern, die wir behalten. Gedichte, die manchmal sehr direkt sind, mir seltsam überholt vorkommen, sie berühren mich kaum, was auch irgendwie am gefühlskalten Vortrag liegen mag, oder an meiner Abwehr, oder an der sehr anderen Welt, in der wir leben; Harald Hartung und ich. So ein seltsam distanzierter Vortrag, als wären es gar nicht seine Gedichte, oder, schlimmer noch, als würden sie nicht einmal ihn selbst berühren.

Dann die Langsamkeit und Ruhe der Gitarristin.

Sandig liest aus Grimm. Wieder ein sehr rhythmischer Vortrag, schmeichelnd, singend, fast schreiend. Das Märchen vom Schlaraffenland der Brüder Grimm. „Wir kennen uns nicht. Ich kenn mich ja selbst nicht.“ Sie performiert ihre Gedichte, verkörpert sie…

Der Versuch von Begeisterung, Besänftigung, der Spannung zwischen diesen Polen.

„Tief in der Zukunft der Märchen…“

 

Adam Zagajewski liest als letzter. Zeilen, die ich mir gemerkt habe:

„nur in der fremden Musik ist Trost.

Einsamkeit wie Opium.

Berauschend selbstlos

Unter dem schweren Schnee der Laken“

 

Dichter haben immer Angst, sagt Zagajewski, dass das Publikum weg geht.

Und hat vielleicht wirklich keine Ahnung, wie schön es ist, die Gedichte von ihm vorgelesen zu bekommen. Mit der sanften Melancholie seines Tonfalls. Gedichte, die Geschichten erzählen, oder vielmehr Gedanken.