Gedichte oder Steuererklärung?

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Naina (@nainablabla)10. Januar 2015
Dieser Tweet löste Anfang des Jahres eine breite Diskussion über Lerninhalte an weiterführenden Schulen aus. Selbst die Bildungsministerin mischte sich ein, keine der großen Zeitungen, die nicht ihren Kommentar dazu geschrieben hätten, und jetzt wird das Thema noch einmal in Detmold aufgewärmt. Harald Hartung, Ulrike Almut Sandig, die für die erkrankte Anne Cotton eingesprungen ist, und Adam Zagajewski sollen, von Hans Jürgen Balmes moderiert, darüber reden, was wichtiger ist; zu lernen, wie man Gedichte interpretiert, oder wie man eine Steuererklärung macht.

 

Zum Auftakt liest jeder der Teilnehmer sein Lieblingsgedicht vor. Hartung wählt das Gedicht „Sonett“ von Berthold Brecht. Ihm gefällt es, sagt er, weil es das einzige ihm bekannte Gedicht sei, in dem das Wort Badesalz vorkommt, auch wenn es sich im übrigen um ein eher schwaches, fehlerhaftes Gedicht Brechts handle. Ulrike Almut Sandig, die nicht an die „Fehlerhaftigkeit“ von Gedichten glaubt, liest ein Gedicht von Helga Novak, deren Lebensgeschichte sie kurz umreißt. Weil sie sich immer so schlecht entscheiden könne, habe sie zwei Gedichte mitgebracht, sagt Sandig, und liest als zweites ein Gedicht von Jesse Thoor.

Auch Adam Zagajewski liest zwei Gedichte. Eins des jungen Czeslaw Milosz und ein spätes Gedicht eben jenen Dichters. Besonders schön ist, dass er eines der Gedichte sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch liest, und niemals zu erwähnen vergisst, wer die Übersetzung besorgt hat. Während das erste Gedicht, das Milosz als sehr junger Mann geschrieben hat, voller Hoffnung und Reinheit ist, ist das zweite das Gedicht eines Philosophen, eine verdichtete Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

In der anschließenden Diskussion spricht Sandig von der radikalen Subjektivität, die ein Gedicht erlaubt.

 

Schließlich steht die unvermeidliche Frage im Raum, ob man es lernen kann, Gedichte zu lesen.

Hartung nennt das Beschreiben als wichtigsten und gleichzeitig grundlegenden ersten Schritt zum Verständnis eines Gedichtes, und Sandig ergänzt, man solle dem Autor vertrauen, voraussetzen, dass der Dichter die richtige Form und Tonlage gewählt hat. Form, so meint sie, dient dem Tonfall, nicht umgekehrt.

 

Schließlich kommt eine wunderbar leidenschaftliche und radikal subjektive Wortmeldung aus dem Publikum, von einem Menschen, der so jung ist, dass er noch an „eine Menschensprache“ glaubt. Leider ist keiner der Diskussionsteilnehmer fähig oder willens auf ihn einzugehen. Hartung speist ihn damit ab, dass Kunst immer etwas absichtsvoll Gemachtes sei.

Ebenso unvermeidlich geht es im Folgenden um die „Größe“ eines Gedichtes. Zagajewski spricht vom Geheimnis des Urteils. Sandig relativiert, dass ein Wert das Überdauern der Zeit eines Gedichtes sei, und ein anderer der, dass ein Gedicht voll und ganz in seiner eigenen Zeit aufgehe. Und Balmes moderiert, dass nicht das, was bleibt, sondern das, was lebendig bleibt, ein die Zeiten überdauerndes Gedicht ausmache. Tradition und Zeitgeist befruchten einander. Die Tradition wird auf diese Weise immer wieder neu erfunden.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung sagt Harald Hartung explizit auf das Motto bezogen, Gedichte seien das Medium, das sich mit der wirklichen Welt befasst, nicht die Steuererklärung, obwohl diese sehr wohl vorkommt in der wirklichen Welt.

 

 

20 Gedanken zu “Gedichte oder Steuererklärung?

  1. Das Problem ist, dass die meisten Dichter ihre eigene Wirklichkeit nicht einmal schaffen, sondern das nehmen was da ist und da gerade nichts da ist, dichten sie halt in den luftleere Raum, aber sie brauchen keine Angst zu haben, denn der Betrieb funktioniert ja und er funktioniert, weil es ein internes Gebilde ist.
    Erinnere Dich nur an die Anmeldung zu Fixpoetry, ich hatte mich mit Texten beworben und es wurde abgelehnt, nur durch Frau Gapenko kam ich doch hinein und bei Dir war es auch nicht anders, was ist das? Ist das Qualitätsbeurteilung, nach was denn?
    Nein Gedichte werden heute nur selten noch geschrieben weil sie geschrieben werden müssen, aber warum
    sie geschrieben werden, das weiß ich nicht

    1. Nein, ich glaube nicht, dass nichts da ist, es ist immer etwas da, und beim Dichten geht es immer darum, wie bei jeder Kunst überhaupt, näher an diesen Kern heranzukommen, der ohnehin unsagbar ist, den man nur streifen kann, umkreisen. Sandig hat mir noch am besten gefallen mit ihren Statements, und Zagajewski war der ruhende Pol, der vielleicht selbst nicht so ganz nachvollziehen konnte, worum alles ging. Weil das scheinbar niemand wusste. Ich glaube aber, es wäre möglich gewesen, es herauszufinden, wenn man wirklich miteinander geredet hätte…

      1. Lies bitte Alma Lazarevska, du wirst sie Lieben, wenn du es nicht tust, zahl ich dir das Geld für den Roman, es gibt leider nur zwei.

    1. Nein, das war es leider wirklich nicht. Obwohl irgendwie trotzdem erhellend, wie alle so feststecken in ihren gar nicht unabhängigen Gedanken und Zusammenhangskomplexen, bis auf diesen jungen Mann, mit dem niemand geredet hat. Schade war das.

  2. Die Bildung kommt aus der Kritik nicht raus, weil sie Menschen nicht in ihrer Individualität wahrnimmt, weil (in Thüringen) Lehrer einen hohen Krankenstand haben, weil es zu wenige und teurere Schulen gibt, die sich leisten, das Individuum zu sehen und weil, ja weil die Kinder vieles von dem nicht lernen, was das Leben bereitstellt. Soziales Miteinander zum Beispiel, Moral und Kernwerte wie Vertrauen, Vergeben, Loyalität und Selbstvertrauen. Gedicht und Kunst im Allgemein sind sehr wichtig, spielen aber im realen Leben eine deutlich geringere Rolle, als es die Schule am hier geschilderten Fall vermittelt.

    1. Ich glaube das ist ein gar nicht so leicht zu lösendes Problem, Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen und ihnen gleichzeitig zu vermitteln, wie Miteinander und Rücksicht geht. Andererseits ist es vielleicht nur deshalb ein Problem an unseren Schulen, weil Bildungswesen, Politik und auch unser Denken sich im Allgemeinen immer noch so sehr (und automatisch, also unreflektiert) am Kapitalismus und seinen Maximen orientiert. Es geht darum, zu funktionieren, pünktlich zu sein, Leistung zu bringen, nicht darum zu lernen, herauszufinden, was einem wichtig ist, wo man etwas bewegen kann, wo man selbstwirksam ist.

  3. Ich bedaure den jungen Mann aus dem Publikum. Ansonsten lassen sich Fragenstellungen dieser Art ja nicht wirklich allgemeingültig beantworten.
    Wenn man intelligent genug für eine Gedichtanalyse ist, müsste es möglich sein, sich beim Ausfüllen der Steuererklärung zu helfen zu wissen? Andererseits garantiert auch kein Nicht-Studium, dass man Steuererklärungen ausfüllen kann. So what?
    Ich finde die Fragestellung von vorherein seltsam.

    1. Ich sehe das ähnlich, ich hätte als Veranstalter auch nicht ausgerechnet diesen Hype aufgenommen, um über den Wert oder Unwert von Kultur, Gedichten und unserem Bildungswesen zu reden. Der junge Mann war tatsächlich der Mensch, der alles hätte wenden können, wenn man sich denn mit ihm auseinander gesetzt hätte. Ich hätte ihm das gerne gesagt, aber er hat, verständlicherweise, enttäuscht die Veranstaltung vor dem Ende verlassen.

  4. wieso wieder einmal entweder oder … es ist eine Tatsache, dass in Schulen nicht unbedingt die Lebenstüchtigkeit gelehrt wird, funktionieren soll man, später, in der Welt- für mich gehört beides in Schulen, das Lehren über die Künste, ob nun Gedichte, Musik oder gestaltende Kunst, und dann eben auch Lebensnahes, ob es allerdings die Steuererklärung ist …? Mein Mitgefühl gilt dem jungen Mann!
    herzlichst Ulli

    1. Stimmt, ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass schon der Titel wieder auf ein entweder oder hinausläuft, das scheine ich schon so gewohnt zu sein, dass es selbst explizit ausgedrückt gar nicht mehr auffällt in seiner unnötigen Schwarz-Weiß Malerei. Was der junge Mann gelehrt hat, ist vielleicht am ehesten dies: dass man die Leidenschaft nicht aussperren sollte, dass man sich jenseits von Funktion und Leistung austauschen sollte, weil es letztendlich das ist, was ein Leben lebenswert macht, ob es nun um den Umgang mit Gedichten geht, mit Behörden oder mit Geld.

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