Die Erfindung der Geduld

Vier Kinder an der Hand eines wurmstichigen Mannes
Was tun wir nun spricht eines
Und der Mann erfindet die Geduld
Wir tun so als könnten wir nicht sprechen sagt er
Und die Kinder sehen ihn an und nicken
Wie Wesen die restlos alles verstehen

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Ein Wanken des Raums um den sich die Zeit legt

Und dann kann ich aufstehen, zulassen, dass der Tag mich schleift, wie das Wasser den Stein. Geduldig, beharrlich. Und nicht länger warten, bis einer mich aufhebt, begutachtet was das Wasser der Zeit mit mir gemacht hat, bevor er mich wieder weg wirft. Vielleicht so geschickt, dass ich Kreise ziehe, auf der Oberfläche des Wassers.

Stefanie Golisch – Anstelle des Mondes

Vielleicht ist das, wofür wir Menschen uns am meisten schämen, das was jeder Scham zugrunde liegt, unsere unüberwindbare Einsamkeit, diese tiefe Unmöglichkeit, einander zu verstehen. Und vielleicht ist das der Kern jeder Literatur, die über den bloßen Unterhaltungswert hinausgeht. Und über den Unterhaltungswert geht Stefanie Golisch Buch in jeder Hinsicht hinaus; in den Höhen ihres sprachlichen Vermögens ebenso wie in der Tiefe der Einsicht in die menschlichen Beweggründe.

24. September

Eigentlich ist es nur dieses Gift, die Dinge (die Luft, die Landschaft, den eigenen Körper, die Menschen um mich herum) selbstverständlich zu nehmen, was alles beliebig macht, was mich in Vergangenheit versinken und die Zukunft fürchten lässt.

23. September

Ich stelle scharf und lasse den Blick wieder verschwimmen, ich treffe die Töne nur wenn sie tief sind, Wurzeln wollte ich meinen Kindern geben, sie aber wollen fliegen. Ich bin ein Dreisatz, der nicht aufgeht, weil sich schon am Anfang ein Fehler eingeschlichen hat. Die Angst vor der Zahl drei. So eine unstillbare Unvereinbarkeit, zahllos einsame Verstreuung.

„The Art of Falling Apart“ haben Soft Cell gesungen, als ich jung war, als das Aufstehen jedes Mal von einem freudigen Erschauern am Leben zu sein, begleitet wurde, der Freude darüber, langsam zu begreifen, was Leben ist, mein Leben nicht zu meistern, sondern zu leben, zu lieben.

22. September

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht gerne halb ausgegorene Gedanken niederschreibe, bzw. schon niederschreibe, aber nicht gerne öffentlich mache. Zum Beispiel die Frage, die jetzt immer wieder aufkommt, ob die große Hilfe der Freiwilligen für die Flüchtlinge nicht letztendlich den Politikern ermöglicht, weiterhin untätig zu bleiben, dabei bin ich davon überzeugt, dass andererseits gerade das große öffentliche Engagement dazu geführt hat, dass die Politik endlich begonnen hat, sich konstruktiv mit der Flüchtlingsproblematik auseinander zu setzen. Ebenso wahr ist, dass die Verantwortung nicht allein bei der Bevölkerung liegen darf, dass nicht politische Aufgaben delegiert werden dürfen an Freiwillige.

In der Zeit vom 10. September schreibt Slavoj Zizek, dass das Elend der Menschen, die aus „gescheiterten Staaten“ nach Europa fliehen, eine direkte Folge des ökonomischen Kapitalismus ist, den die Großmächte ausüben.

Er bietet die Forderung an: „Respektiert die anderen nicht einfach nur, bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind.“ Nämlich die Auswirkungen eines global herrschenden Kapitalismus, der dingend transformiert werden muss.

Und vielleicht ist es ebenso wichtig, sich Gedanken um all diese Forderungen und Zusammenhänge zu machen, wie tatkräftig zuzupacken und zu helfen, wo man kann.