Selbstlose Liebe

Die Zerissenheit. Von der schreibe auch ich häufig. Immer wieder bilde ich mir ein, sie nicht nur zu erleben, sondern fremdbestimmt zu erleiden. Weil die Dinge so sind und ich aber anders. Bis mir dann der wunderbare Satz von Wallace Stevens einfällt: Dinge, die wir sehen, sind Dinge, wie wir sie sehen.

Und eigentlich genügt das. Im Gründe müsste ich jetzt kein Wort mehr schreiben, aber ausgelöst hat die hier und jetzt formulierten Gedanken ein Artikel von SoSo über die Liebe. Über die (scheinbare) Unmöglichkeit selbstloser Liebe. Was wahr ist und gleichzeitig nicht wahr. Und ganz schwer zu beschreiben, weil die Liebe noch weniger als alle anderen Dinge, etwas ist, das feststeht, sondern immer das, was wir darin sehen, daraus machen. Subjektiv nennt SoSo das und Hingabe. Und weil ich das Wort Hingabe so mag, nehme ich es auf, aber nicht nur deshalb, sondern weil ich glaube, dass es ein Schlüssel sein kann, um zu verstehen, wie selbstlose Liebe funktioniert. Wie das geht und was das ist. Denn die Liebe zu einem Kind, da möchte ich SoSo entschieden widersprechen, ist selbstlos. Ich habe das selbst als Kind erfahren, und erfahre es noch als Tochter, und ich erlebe es selbst bei meinen eigenen Kindern, die naturgemäß schön, klug und reizend sind, die ich aber ebenso liebe, wenn sie einmal hässlich, garstig und unausstehlich sind. Ich liebe sie so, wie sie sind, und wirklich erfüllend ist das gerade dann, wenn ich nichts von ihnen erwarte. Wenn ich weder ihre Dankbarkeit, noch ihre Bedürftigkeit brauche, wenn ich mich einfach an ihrem Dasein freuen kann, wenn ich bei ihrem Anblick mein Selbst los werde. So wie ich mein Selbst los werde im Liebesakt, oder wenn ich völlig in meiner Arbeit aufgehe.

Alles andere ist Beziehungspflege. Oder Erziehung.

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5 Gedanken zu “Selbstlose Liebe

  1. Mag sein, dass ich da vorschnell war, denn ich hätte ja meinen Sohn auch geliebt, wenn er hässlich und weisswasimmer gewesen wäre.
    Hätte ich? Ich weiß es nicht. Ich vermute es.
    Er hat zu wenig lang gelebt, um meine selbtlose Liebe testen zu können.
    Von meinen Eltern fühlte ich mich leider nicht bedingungslos geliebt, aber immerhin subjektiv.
    Tja, so habe ich wihl voreilig von mir auf alle geschlossen. Gut, dass du diesen Artikel hier geschrieben hast. Danke. Auch für den Link zu mir rüber.

    1. Ich glaube das eines der Wunder und Grundbedingungen und umwälzenden Erfahrungen des Eltern werdens darin besteht, dass man gezwungenermaßen sein Selbst los wird (wenn man z.B. an die erste Zeit denkt, an die schlaflosen Nächte, an die Dauerbedürftigkeit der Babies) und die einen erfahren das als Geschenk und für die anderen ist es möglicherweise eine große Belastung. Du hast sicher Recht, dass Elternliebe nicht automatisch selbstlos ist. Danke für den Einwand, und überhaupt für die Anregung.

  2. schön, dass du die selbstlose Liebe zu den Kindern beschreibst, die ging mir nämlich auch durch den Kopf, als ich Sosos Gedanken las und nicht einverstanden war, bei den Enkeln setzt sie sich nun fort- und gut gefällt mir, dass du das selbstlose Sein beim Liebesspiel erwähnst … bedingungslose Liebe kenne ich aber auch anderweitig, dann allerdings nur in grossen Momenten und eher auf die Natur bezogen … mit Ausnahmen.

    1. Das ist doch eine der schönsten Erfahrungen, die man als Kind machen kann, dass, was die Kindheit so wertvoll macht, und was man dann erneut erleben darf, wenn man eigene Kinder hat, dass es diese Art Liebe gibt, die an keine Bedingungen, an keine Leistungen geknüpft ist, die wirklich diesen Menschen meint, so wie er ist, mit allen Schwächen und Großartigkeiten. Was ja nicht heißt, dass wir keine Erwartungen haben an unsere Kinder, dass wir nicht manchmal enttäuscht sind und das wiederum auch erfahren haben von unseren Eltern, aber dass wir willkommen sind, dass wir immer das Kind unserer Eltern bleiben, dass sie immer zu uns stehen, dass wir nichts besonderes sein und tun müssen, um ihre Liebe zu verdienen und zu erhalten, dass wir (vielleicht am bedeutendsten von allem) keine Angst haben müssen, sie zu verlieren, sobald wir etwas tun, was dem anderen nicht gefällt, die gibt es ja nicht in dieser Beziehung. Und ich habe das so eigentlich erst begriffen, als meine Mutter plötzlich tot war.

      1. Willkommen sein, das ist für mich der Schlüssel, danke, dass du mich erinnerst. Und weil es so ist, denke ich gerade auch noch an meine Freundin, wir begleiten uns schon über 30 Jahre, auch hier gab es schon Schwieriges, auch Enttäuschungen, aber an unserer Liebe zueinander hat sich nie etwas verändert, vielleicht ist sie sogar grösser geworden.

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