Olga Martynova bei den Poetischen Quellen 2015

„Der Platz des Menschen – Wirklichkeiten, Wahrheiten, Illusionen“ war das Motto der diesjährigen poetischen Quellen, die ungewöhnlich gut besucht waren. Bei keiner der Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren weniger als hundert Menschen anwesend, häufig waren es sehr viel mehr.

Olga Martynova, Bad Oeynhausen, 2015
Olga Martynova, Bad Oeynhausen, 2015

Olga Martynova las am Samstag, bei strahlendem Sonnenschein, auf der Waldbühne.

Das Gespräch begann mit der obligatorischen Frage nach ihrem ungewöhnlichen Geburtsort, Krasnojarsk, mitten in Sibirien.

Sie liest aus „Mörikes Schlüsselbein“, die Stellen, in denen Moritz, der Protagonist, der auch in der Textstelle mit der sie 2013 den Bachmannpreis gewonnen hat, zu Wort kommt. Dieses Mal macht sich Moritz Gedanken darüber, was mit Mörikes Schlüsselbein geschehen ist, ob er es vielleicht gegen das des älteren Hölderlin eingetauscht hat, der es ihm anbot, als der jüngere den älteren besuchte.

Es wird über das Spiel zwischen Fakten und Fantasie geredet, über das Absurde, den Humor und die klugen spielerischen Elemente, die Martynova in ihren Roman eingewebt hat. Und natürlich wird sie gefragt, wie sie das eigentlich macht? Wie behält man die Fäden in der Hand, wie konstruiert man so einen Roman, will Jürgen Keimer wissen. Und Martynova antwortet souverän, es sei wie bei einem Marathonläufer, der auch nicht während des Laufens seinen Puls messen könne. Es passiert einfach und man muss es laufen lassen, um sich hinterher mit immer mehr Konzentration fast in der Geschichte zu verlieren, die man doch selbst geschrieben hat.

Im Grunde genommen ist es ja auch egal, wie sie es macht, sie macht es jedes Mal hervorragend. Nicht nur in Mörikes Schlüsselbein. Auch in all ihren mit der Hilfe von Elke Erb übersetzten Gedichten, von denen wir zum Abschluss eines genießen dürfen, zunächst im russischen Original von Olga Martynova selbst gelesen und dann in der Übersetzung von Elke Erb, gelesen von Jürgen Keimer.

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

Wundgelegen im Wunder meines Lebens

Sie glaubte immer noch, dass das Leben so funktioniert: du machst deine Hausaufgaben, übst vielleicht noch ein bisschen und alles wird gut. Das Zeugnis fällt gut aus, alle loben dich und du kannst die Frage, wer du eigentlich bist, was du willst und was Dir das Leben bedeutet, noch einmal verschieben. Der Raum zum Verschieben ist endlos und zum Glück gibt es dort immer wieder Menschen, Unterbrechungen, Aufgaben, genug Dinge, die dich davor bewahren, dich dir selbst zu stellen und zu sehen, wer du eigentlich bist. Was da ist, hinter der Angst.