Die Reise

Der Morgen betrug sich nüchtern. Die Sprache spielte uns aus.

Wir setzten unsere Pläne nicht behutsam durch, sondern mit einem harten Schnitt, um sicher zu gehen, dass sie nicht aufgehen würden.
Alles sollte aufwärts gehen, aber wir spürten diesen Sog nach unten. Der Himmel war wolkenlos blau. Vor einer Tür stand eine Frau, ganz schwarz und weiß gekleidet, und rauchte eine Zigarette, die sie sehr sorgfältig ausdrückte, bevor sie zurück in ihr Haus ging.

Etwas machte uns Angst, etwas anderes gab uns Hoffnung, wir befanden uns dazwischen. Orientierungslos.

Spät in der Nacht, in der Hoffnung, du könntest ebenso wenig schlafen wie ich, hatte ich dich angerufen. Ich hatte so lange auf dein Band eingeredet, bis du abgehoben hast.
„Weißt du, wie spät es ist?“, hast du gefragt. Diese dumme, klischeehafte Frage, die bereits in tausenden von Filmen und Büchern in ähnlichen Situationen gestellt worden ist. Ich schwieg. (Was vermutlich ebenso wenig originell war.)
„Und jetzt?“, sagtest du. Es klang versöhnlich.
„Du bist ein Scheusal.“
„Ich weiß.“
„Wir müssen verreisen.“
„So.“
„Am besten gleich morgen.“
„Warum nicht jetzt?“
Das hatte ich nicht erwartet.
Meine Hand zitterte, aber ich sagte mit fester Stimme: „Okay, in einer Stunde bin ich bei dir.“
Nachdem ich aufgelegt hatte, standen unzählig viele „aber“ im Raum. Ich packte sie mit in die Tasche, die ich ohne zu überlegen mit mehr oder weniger sinnvollen Dingen vollstopfte.
Als ich auf die Straße trat, dämmerte es bereits, und ich ließ mit jeder Beobachtung, die ich machte, ein aber zurück.

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9 Gedanken zu “Die Reise

  1. und schon bin ich neugierig, ob alle abers zurückblieben, und die Reise dazu führte, was mit ihr verbunden wurde …
    schön, dass du wieder da bist
    herzlichst Ulli

    1. Diese abers sind ja ziemlich hartnäckig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ich denke, sie werden nach und nach aus der Tasche schlüpfen, und, wer weiß, vielleicht hat das eine oder andere sogar seine Berechtigung. Noch interessanter finde ich die Frage, die du da aufwirfst, was mit der Reise verbunden wurde…
      Und herzlichen Dank für Dein Willkommen.

      1. Ja, das ist wichtig, dass jeder mit seiner Geschwindigkeit voran geht.
        Ich lese gerade von Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Ich finde es interessant, was die Geschwindigkeit im Leben alles bewirkt.
        Ich bin gespannt, wie deine Protagonistin weiter mit ihrer Tasche durch die Welt geht.
        🙂

    1. vielleicht is das, was Du als „schnell entschlossen“ interpretierst, ja eher eine Art von Flucht, und dazu passen meiner Meinung nach „aber“ sehr gut. Wie sich damit leben lässt, darüber werde ich dann demnächst etwas schreiben. Und Danke für die Wünsche nach Spaß, auch wenn ich den Satz nicht verstehe.

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