Schuhe zieht sie nachts nie an

Sie weint nicht. Manchmal stelle ich mir vor, sie täte es doch. Dann sehe ich Eiskristalle über ihr Gesicht rollen. So kalt ist sie, blaugrau die Haut, violett dort, wo die Adern durchschimmern. Ihre Venen, ihre Arterien, jede einzelne Blutbahn kann man sehen in diesem durchsichtigen Körper.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Wenn ich sie sehe, muss ich diesen Satz denken. Diesen Satz aus einer traurigen, schwarz und weiß gekachelten Geschichte. Und ihre lila Lippen zittern, ganz kurz sieht man die weißen Zähne, wie Spitzen von schneebedeckten Bergen. Ihre Haare sind weiß. Ein merkwürdiges Weiß. Ein Weiß, das nichts anderes ist, als die Behauptung, dass es keine Farben gibt.

Sie weint nicht. Ihre Augen sind stumpf, ihre Haare sind stumpf. Weiß und stumpf. Ihre langen Finger legt sie in den Schnee, bis sie blau anlaufen.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Und sie hat nichts aus den Trümmern gerettet. Nicht einmal ihre Haare, die man ihr kurzgeschoren hat. So kurz, dass ihre blassrosa Kopfhaut durchschimmert.

Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen, was andere längst überschrieben haben, begraben unter berghohen Akten.

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7 Gedanken zu “Schuhe zieht sie nachts nie an

  1. ich kann die kälte riechen. ein kaltgraues gemälde das du da in den lauten bunten raum stellst! es dominiert sofort und lässt alles ringsum verstummen … stille

  2. „Schuhe zieht sie nachts nie an“

    So ein glastrauriger Text, glaskalter Text. Und so klar. Reine Wahrheit, dem kann ich mich nicht entziehen. Der verfolgt mich durch den Tag. Die Furcht, dass es für einen Schmerz keine Heilung, für ein Leid keinen Trost geben könnte, der lindert.

    „[ … ]
    Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen.“

    Ich würde gern hier aufhören. Bei ihr bleiben. Ehe die anderen das Bild stürmen.

    Ich muss an eine denken, der ich nah war. Schuhe zog sie auch im Bett nicht aus.
    Auch dies Leid – nicht zu lindern.

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