Schuhe zieht sie nachts nie an

Sie weint nicht. Manchmal stelle ich mir vor, sie täte es doch. Dann sehe ich Eiskristalle über ihr Gesicht rollen. So kalt ist sie, blaugrau die Haut, violett dort, wo die Adern durchschimmern. Ihre Venen, ihre Arterien, jede einzelne Blutbahn kann man sehen in diesem durchsichtigen Körper.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Wenn ich sie sehe, muss ich diesen Satz denken. Diesen Satz aus einer traurigen, schwarz und weiß gekachelten Geschichte. Und ihre lila Lippen zittern, ganz kurz sieht man die weißen Zähne, wie Spitzen von schneebedeckten Bergen. Ihre Haare sind weiß. Ein merkwürdiges Weiß. Ein Weiß, das nichts anderes ist, als die Behauptung, dass es keine Farben gibt.

Sie weint nicht. Ihre Augen sind stumpf, ihre Haare sind stumpf. Weiß und stumpf. Ihre langen Finger legt sie in den Schnee, bis sie blau anlaufen.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Und sie hat nichts aus den Trümmern gerettet. Nicht einmal ihre Haare, die man ihr kurzgeschoren hat. So kurz, dass ihre blassrosa Kopfhaut durchschimmert.

Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen, was andere längst überschrieben haben, begraben unter berghohen Akten.