Alter

Die Zeit entfaltet uns[1], indem sie dafür sorgt, dass wir uns nicht wiedererkennen.

Dass jede im Moment noch so einleuchtende, zweifelsfreie und unumstößliche Antwort nur vorläufig ist. Veränderbar.

Entfaltung also als das Anerkennen der Widersprüche aus denen ein Leben, ein Mensch, eine Lebensgeschichte besteht. Diese Tatsache einzusehen, zu begreifen, ist vermutlich erst im Alter möglich. Das Leben ist von Anfang an so, aber solange man jung ist, widerfahren einem die Widersprüche, man fühlt sich hin- und hergeworfen, glaubt an die Notwendigkeit von Entscheidungen, an richtig und falsch. Man lebt in der Abstraktion, im schwarz und weiß. Die Grautöne, die Einsicht, dass alles zusammen gehört und früher oder später ineinander fließt, kommt später. Im Alter. Im Bewusstsein, sich nicht wieder zu erkennen.

[1] Max Frisch, Tagebücher: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“

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9 Gedanken zu “Alter

    1. Eine Stelle, die ich lange Zeit nicht wirklich verstanden habe, eigentlich ist sie erst im Zusammenhang mit Paya Basils Theorie, dass das Alter bedeutet sich nicht wieder zu erkennen für mich plausibel geworden. Ich freue mich, wenn Du hier etwas lesen konntest, dass gerade passend ist für Dich und Deine Situation.

  1. Sich nicht wieder und sich endlich zu erkennen geben sich in unserem Alter allmählich die Hand.
    Ich mag deinen Text – da klingt was versöhnliches mit.
    Danke!

  2. Junge Dame, nun ist aber Schluss mit dem Thema, trinken sie grünen Tee, lesen Sie Mircea Cartarescu und glauben sie an solch eine Literatur.

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