Schuhe zieht sie nachts nie an

Sie weint nicht. Manchmal stelle ich mir vor, sie täte es doch. Dann sehe ich Eiskristalle über ihr Gesicht rollen. So kalt ist sie, blaugrau die Haut, violett dort, wo die Adern durchschimmern. Ihre Venen, ihre Arterien, jede einzelne Blutbahn kann man sehen in diesem durchsichtigen Körper.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Wenn ich sie sehe, muss ich diesen Satz denken. Diesen Satz aus einer traurigen, schwarz und weiß gekachelten Geschichte. Und ihre lila Lippen zittern, ganz kurz sieht man die weißen Zähne, wie Spitzen von schneebedeckten Bergen. Ihre Haare sind weiß. Ein merkwürdiges Weiß. Ein Weiß, das nichts anderes ist, als die Behauptung, dass es keine Farben gibt.

Sie weint nicht. Ihre Augen sind stumpf, ihre Haare sind stumpf. Weiß und stumpf. Ihre langen Finger legt sie in den Schnee, bis sie blau anlaufen.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Und sie hat nichts aus den Trümmern gerettet. Nicht einmal ihre Haare, die man ihr kurzgeschoren hat. So kurz, dass ihre blassrosa Kopfhaut durchschimmert.

Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen, was andere längst überschrieben haben, begraben unter berghohen Akten.

20. Juni

Wir haben still gehalten und fest gesessen, so merkten wir nicht die fehlende Unruhe, den fesselnden Halt. Alles war nur vermeintlich, aber weil wir so still waren, übertönte das Murmeln alles, und wir fühlten uns auf eine erhabene Weise bereit (selbst unsere Selbstlosigkeit auszuhalten, vielleicht sogar unsere immense innere Leere auszugestalten).

Dieser Tag

Die Entfernung einer vertrauten Betrachtung
Da fließt die Hoffnung
(so ein bedächtiger Fluss)
die trägen einsilbigen Worte
der wiederholte Versuch
eigenmächtig die Sonne zu blenden
damit der Moment die Schatten verschluckt
das Fortdauern der Verständnislosigkeit
der leise Verrat der Begriffe
die Bedenkenlosigkeit eines traumlosen Glücks
die Oberfläche die sich auf die Bedeutung legt
so gerissen belanglos
wie dieser Tag

Erde

Ich war mir sicher, dass Hans aus der Erde kam. Jemand wie er hatte keine Eltern. Aus Lehm geformt, aus dem Boden gewachsen, nur auf diese Art konnte er entstanden sein.

Eines Tages saß er in unserer Küche, als ich nach Hause kam. Er lächelte mich an und die Art, wie er „Hallo“ zu mir sagte, ließ mich vergessen, dass er nicht von jeher bei uns gewesen war.

Meine Mutter, die bisher außer mir keinen Menschen in ihrer Nähe ertragen hatte, wurde unruhig, wenn Hans nicht zur gewohnten Zeit über die Schwelle unseres Hauses trat.

Im Sommer saß meine Mutter mit ihren Büchern unter der großen Kastanie und sagte zu mir: „Sieh nur wie schmutzig du dich gemacht hast.“

Hans sah sie lange an bevor er erklärte: „Erde ist kein Schmutz.“

Damals hatte ich zum ersten Mal Angst, dass er uns verlassen könnte. Ich wusste, dass wir ohne ihn den Boden unter unseren Füßen verlieren würden.

Sobald ich aus der Schule kam, warf ich meine Bücher in die Ecke und sah Hans zu. Ich sah ihm zu, wie er die Pflanzen liebkoste, wie vorsichtig er mit ihnen umging, er verletzte keine Wurzel, wenn er eine Pflanze umsetzte. Tag für Tag ließ er Erde durch seine Finger gleiten, grub und säte. Im Herbst harkte er die Blätter zusammen und ich ging nicht mehr zur Schule, weil ich verhindern musste, dass er uns verließ.

Was sollte im Winter aus ihm werden, wenn die, die er liebte, festgefroren unter einer weißen Decke lag?

[Hammer & Veilchen]

(54)

Olga Martynova schreibt, dass jedes Leben ein unlösbares Problem ist.

Unsere Aufgabe ist, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ein Gleichgewicht zu finden. Eine Mitte. Uns.

Was vielleicht nichts anderes ist, als unsere ureigene Art mit dem unlösbaren Problem umzugehen.

 

Alter

Die Zeit entfaltet uns[1], indem sie dafür sorgt, dass wir uns nicht wiedererkennen.

Dass jede im Moment noch so einleuchtende, zweifelsfreie und unumstößliche Antwort nur vorläufig ist. Veränderbar.

Entfaltung also als das Anerkennen der Widersprüche aus denen ein Leben, ein Mensch, eine Lebensgeschichte besteht. Diese Tatsache einzusehen, zu begreifen, ist vermutlich erst im Alter möglich. Das Leben ist von Anfang an so, aber solange man jung ist, widerfahren einem die Widersprüche, man fühlt sich hin- und hergeworfen, glaubt an die Notwendigkeit von Entscheidungen, an richtig und falsch. Man lebt in der Abstraktion, im schwarz und weiß. Die Grautöne, die Einsicht, dass alles zusammen gehört und früher oder später ineinander fließt, kommt später. Im Alter. Im Bewusstsein, sich nicht wieder zu erkennen.

[1] Max Frisch, Tagebücher: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“