Alter

Wir haben den Glauben an ein Leben nach dem Tod verloren, schreibt Joan Didion, ohne wirklich erfassen zu können, wie weitreichend die Konsequenzen sind. Was damit alles verloren gegangen ist. Welche Schwierigkeiten diese Lücke ausfüllen.

 

Joan Didion schreibt, die von Kindern unschuldig gestellte Frage nach unserem Alter, beschäme uns. Die Scham rühre daher, dass die Antwort, die wir geben, im Gegensatz zur Frage, nie unschuldig sei. Weil wir das Alter, das rein rechnerisch biografisch unser „richtiges“ Alter ist, nicht als unser wirkliches Alter annehmen? Weil wir uns mit dieser Zahl nicht wieder erkennen? Oder hat es etwas zu tun mit S. Beobachtung, die ich im Begriff des „psychischen Alters“ bei dem Psychoanalytiker Herman-Josef Berk wiederfinde? Dieses „psychische Alter“ entsteht in der Phase, in der erwachsene Menschen das Gefühl haben, sie wüssten jetzt (mehr oder weniger plötzlich) wie das Leben funktioniert, worauf das alles hinaus läuft. Das Alter in dem diese Einsicht geschieht, bildet das „innere Alter“, dasjenige Alter, das man fühlt, im Gegensatz zu dem chronologisch errechenbaren Alter.

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17 Gedanken zu “Alter

  1. Wenn das wirklich so ist, dass das „psychische Alter“ die Phase ist ,in der man das Gefühl hat zu wissen, wie das Leben funktioniert und worauf es hinaus läuft, dann fällt es bei mir genau mit dem inneren, dem chronologischen Alter zusammen.
    Es hat sehr lange gedauert, bis ich soweit war das Leben zu „verstehen“. Erst nach Überschreiten des mutmaßlichen Zeniths glaubte ich zu wissen, wie es läuft. Statt mich darüber zu freuen, fing ich an über die vergeudete Zeit zu trauern und darüber, dass nur noch sowenig übrig sei.

    Als ich mit 30 den Film „Buena Vista Social Club sah“ und einer der alten Herren erzählte, dass er erst mit beinahe 50 ein Instrument erlernt hatte, verstand ich wie lang so ein Leben ist.
    (Er hat es schließlich noch in die Carnegie-Hall geschafft.)

    Das soll gar nicht das Nachdenken über das Altern abtun. Ich wollte nur noch einmal den Aspekt der Sichtweise hervorheben, weil ich das als so entscheidend erlebt habe.

    1. Ich mag Deine Einwürfe, gerade wenn sie in die Richtung zielen, dem Alter durchaus positive Seiten abzugewinnen. Das nur zu Deinem letzten Satz. Im übrigen habe ich Schwierigkeiten mit dem Konzept des psychischen Alters, weil ich ständig die Erfahrung mache, dass immer dann, wenn ich glaube, etwas verstanden zu haben, das Leben mir zeigt, dass ich nichts verstanden habe. Aber vielleicht ist das auch alles, was es zu verstehen gibt?

  2. Ich frage mich, wie alt ich mich fühle … und merke, wie wenig ich diese Zahlen losgelöst von gesellschaftlicher Konnotation fühlen kann. Wir haben gelernt, was 40 oder 50 oder 60 zu sein hat.
    Sich von äußerlich vorgegebenen Definitionen und Werten zu befreien, ist so schwer. Im Kleinen gelingt es manchmal, aber im Großen finde ich es schwer.

    Danke für die Impulse.

    1. Ich habe auch Schwierigkeiten mit diesem Konzept, ähnlich wie Dich überfordert mich die Frage ein wenig, wie alt ich mich „fühle“? Auf der einen Seite ist da immer so ein Anspruch, sich verantwortungsvoll und reif zu verhalten, ein Verbot von „kindischen“ Verhalten, ein Anspruch, der das Leben manchmal unnötig erschwert und dann ist da tatsächlich häufig eine unangenehme Überraschung, wenn ich in den Spiegel sehe, und das Gesicht nicht mehr dasselbe ist, dass es noch vor fünf, sechs Jahren gewesen ist. Aber es wird besser…

    1. Ich habe auch das Gefühl, dass man nie weiß, wie das Leben funktioniert. Aber vielleicht sind wir nur noch nicht so weit? Auch den Einwand, dass längst nicht alle Menschen den Glauben an ein Leben nach dem Tod aufgegeben haben, kann ich nachvollziehen. Ich denke Didion (und ich in Anlehnung an ihr Zitat) zielt darauf ab, dass dieser Glaube längst kein gesamtgesellschaftlich geteiltes Allgemeingut mehr ist, keine Überzeugung, bei der man davon ausgehen kann, dass sie der größte Teil der Mitmenschen teilt. Und das hat ganz klare gesamtgesellschaftliche Folgen. Palliativmedizin, Sterbehilfe, Patientenverfügungen, all das ist schwer vorstellbar vor dem Rahmen eines Weltbildes, das ganz klar an ein Leben im Jenseits glaubt.

    2. Wie das Leben genau funktioniert weiß man nie. Aber innerhalb welcher Muster und Gesetzmäßigkeitn man sich bewegt, dass fast nichts so heiß gegessen wie gekocht wird, dass auf Regen Sonnenschein folgt und andere, scheinbar banale aber dennoch hilfreiche Gewissheiten hat man schon. Auch deswegen läuft die Zeit immer schneller,: weil das was früher noch Herausforderung war heute Routine ist. Man hat sich eingefunden, sich eingenischt und schon sieht man die Deadline.

  3. Hm, der Glaube an ein Leben nach dem Tod, ist doch vor allem ein Glaube an ein besseres Leben, denk ich jetzt mal. Und da kann es halt in der Phase, wo man sein „psychisches Alter“ beginnt zu verstehen, passieren, dass man auch verzweifelt, und an kein besseres Leben mehr glaubt. Naya, so stell ich mir das zumindest vor. ^^

    Auf alle Fälle, schönes Wochenende. 😀

    1. Dieser Glaube an ein besseres Leben als Ausgleich für all die hier erfahrenen Ungerechtigkeiten ist ein wichtiger Punkt. Womit kompensieren wir das heute? Das war ja ein sehr gutes Instrument die Leute ruhig zu stellen, sie zu besänftigen und Ungerechtigkeiten ertragen zu lassen. Aber Du meinst ja noch etwas anderes, dieser Glauben, dass das Leben immer besser wird, wie man als Kind denkt; wenn ich erst mal groß bin, und als Jugendlicher, wenn ich erst mal ausgezogen bin und eigenes Geld verdiene, und dann irgendwann der Punkt kommt, an dem man merkt, nichts wird von selbst besser, aber anfängt zu fürchten, dass jetzt mit jedem Jahr alles schlechter wird.
      Auch wenn diese Sätze nicht die besten Voraussetzungen dafür sind, auch Dir ein schönes Wochenende 😉

      1. Ja, danke, wobei man gerade als junger Mensch auch denkt, die Alten sind eigentlich Idioten, die entweder keine Ahnung haben, oder schon wissen, was sie tun. Nämlich das Falsche. So ging es zumindest mir. Oke, inzwischen weiß ich das zwar auch besser, viel helfen tut es allerdings nicht.

        Dir natürlich auch ein schönes Wochenende, Claus 😉

    1. Du wirst es nicht glauben, erst vor ein paar Tagen habe ich eben jene Geschichte gelesen und es war vielleicht keine Begeisterung für die Protagonistin, aber so etwas wie Ruhe, Beruhigung, die von der Geschichte ausging.

      1. bitte entschuldige, dass ich jetzt erst antworte. ich bin einfach zu langsam fürs digitale leben. wollte mich aber doch auf jeden fall melden, weil solche koinzidenzen oder überkreuzungen von gedanken, erlebnissen, erfahrungen mich erfreuen.
        die unwürdige greisin begleitet mich schon seit vielen jahren, bringt sich hie und da in erinnerung und ich lese sie stets gerne noch einmal wieder. als ich die geschichte zum ersten mal las, war ich 15 oder 16 und mich beeindruckte das subversive, das diese frauengestalt doch hat, die zähigkeit, die unerschütterliche, eigensinnige geduld: zu warten, zu warten in aller unauffälligkeit und schließlich die kleine chance zu ergreifen, die den horizont der möglichkeiten etwas zu weiten verspricht. sich das eigene nicht nehmen zu lassen, nicht verloren zu geben, obwohl man jahrzehntelang nicht anders konnte als mit dem strom zu schwimmen: das hat mir so gefallen. das gläschen rotwein. der großzügig gekaufte hut.
        ich hatte damals auch keinerlei modell(e) für stimmiges alt werden, alt sein – und i dachte mir: so, so könnt es gehen …

        es freut mich auch, zu lesen, dass für dich beruhigung von der geschichte ausging.

      2. Danke, dass Du das noch ergänzt hast, ich wusste nämlich nicht so recht, was das eigentlich war, was so tröstend und beruhigend gewesen ist an dieser Geschichte. Aber ich glaube, es ist genau das, was Du beschreibst, die Geduld, die Hartnäckigkeit, der Eigensinn, und sich das Recht zu nehmen auf etwas Eigenes, fernab von den Erwartungen anderer.

  4. also wir fühlen uns immer so alt wie wir sind, geht ja gar nicht anders. geschämt für unser alter haben wir uns auch noch nie.
    zudem wäre es ein schlechtes zeichen, wenn wir uns immer noch wie zwanzig fühlten. dann wären ja die letzten 35 jahre vergeudet.

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