Alter

Es entsteht ein Gespräch, Menschen unterschiedlichen Alters mischen sich ein, geben Ihre Überlegungen zu meinen Aussagen und etwas Neues entsteht.

Es knistert und die Zeit bricht aus.

„Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen.“ Priya Basil.

Simone de Beauvoir in ihren 1963 veröffentlichten Memoiren “Der Lauf der Dinge”:
“Solange ich mein Gesicht ohne Missfallen betrachten konnte, vergaß ich es, es verstand sich von selbst. Jetzt ist alles vorbei. Ich hasse mein Spiegelbild: über den Augen die Mütze, unterhalb der Augen die Säcke, das Gesicht zu voll und um den Mund der traurige Zug, der Falten macht. Die Menschen, die mir begegnen, sehen vielleicht nur eine Fünfzigjährige, die weder gut noch schlecht erhalten ist. Sie hat eben das Alter, das sie hat. Ich aber sehe meinen früheren Kopf, den eine Seuche befallen hat, von der ich nicht mehr genesen werde.”

Und weiter schreibt sie: “Meine Revolten sind durch das nahe Ende und die Unvermeidlichkeit des Verfalls gedämpft. Aber auch meine glücklichen Stunden sind blasser geworden. Der Tod ist nicht mehr ein brutales Abenteuer in weiter Ferne, er verfolgt mich in den Schlaf hinein. Beim Erwachen spüre ich seinen Schatten zwischen der Welt und mir: Das Sterben hat schon begonnen. Das hatte ich nicht vorausgesehen – dass er so früh beginnt und dass es so weh tut.” (damals von Pega Mundt in einem Kommentar ergänzt)

Und S., die jetzt regelmäßig ein Altenheim besucht, um dort mit den Menschen zu reden. Sie habe etwas vom Alter verstanden, sagte sie, diese fast 90jährigen Frauen seien genau wie sie, innerlich noch immer jung und jedes Mal aufs Neue von ihrem Spiegelbild, von ihrem Körper überrascht, wenn er sie daran erinnert, dass sie weder zwanzig, noch dreißig und auch längst nicht mehr vierzig Jahre alt sind.

Oder Tikerscherk, die schreibt, es ist eine Möglichkeit, ein Geschenk, alt zu werden. Wie kommt es nur, dass wir das immerzu vergessen?

Vielleicht ist es wirklich alles in diesem Satz enthalten. Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen.

 

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5 Gedanken zu “Alter

  1. Ich bleibe am letzten Satz hängen. Wieder und wieder muss ich ihn lesen. Frage mich, ob er für mich stimmt. Noch stimmt. Es gab eine Zeit, da erschrak ich darüber, wie sehr ich äußerlich meiner Mutter zu gleichen anfing. Vermutlich war es ja immer so, doch ich erinnere mich eben nicht an sie, als sie jung war. Für ich war sie – äußerlich gesporchen – immer alt und grau. Irgendwie seltsam, zumal ich mich an sehr vieles aus der Kindheit – auch im Kontext mit ihr – erinnere.

    Was ich sagen will: Beim Spiegelblick war ich mir fremd geworden, weil ich statt meiner sie sah. Das war, heute ist es nicht mehr. Heute sehe ich mich. Endlich auf eine Weise, die innen und außen vereint. Ob das so bleiben wird oder nur eine Phase ist? Ich weiß es nicht.

    Irgendwie habe ich zurzeit das Gefühl, mir endlich nicht mehr fremd zu sein. Ob auch das zum Alter gehören kann? Jedenfalls bei mir.

    Meine Augen bekommen Falten, irgendwie mag ich das. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich die vielen Falten meines Liebsten so mag?

    1. Ich verstehe Deinen Einspruch. Ich habe über diesen Satz zunächst auch abwehrend gedacht, aber ich glaube, es steckt viel Potential in dieser Beobachtung. Es stimmt ja, dass wir andere werden, immerzu ist das Leben ein Abschied nehmen und ein Neuanfang. Nichts bleibt wirklich gleich, aber es geht auch nichts wirklich verloren. Das ist ja dieses manchmal so schöne und manchmal so schreckliche Paradox im Leben. Ich glaube gerade, dass es vielleicht auch eine ganz große Resource sein kann, sich nicht wiederzuerkennen.

  2. ich habe eher das Gefühl, in mein Alter hineinzuwachsen, und das mit einer Kontinuität, die mir bruchlos erscheint – „man gewöhnt sich an alles“ ist ja so eine Aussage, ich gewöhne mich an die eine oder andere Falte, inner- oder äußerlich, das Leben erscheint mir vielleicht auch dadurch facettenreicher …

    1. Das hätte ich mir auch gewünscht, so ein Hineingleiten in einen neuen Zustand, den ich dann entdecken und annehmen kann. Aber bei mir war schon die Pubertät ziemlich anstrengend für alle Beteiligten und scheinbar wiederholt sich das nun. Vielleicht brauche ich diese (auch schmerzhaften) Brüche, während andere Menschen sanfter mit sich und dem Leben umgehen können. Innerliche Falten, dieses Bild gefällt mir übrigens ausnehmend gut.

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