Alter

Die Scham, alt zu sein, das Bewusstsein, weniger wert zu sein, weniger ansehnlich, weniger erwünscht, schon gar nicht begehrenswert. Coetzee schreibt in „Tagebuch eines schlimmen Jahres“: „Mein Anblick hat sie vielleicht auch erschreckt: ein zerknitterter Alter in einer Ecke, der auf den ersten Blick ein Obdachloser von der Straße hätte sein können.“

Wie wir den anderen unterstellen, Geschichten von unserer Minderwertigkeit zu erfinden, wie sicher wir sind, dass sie nur das Negative sehen, ganz sicher nicht das, worauf wir stolz sein könnten.

10 Gedanken zu “Alter

  1. Wer bestimmt, dass der alte Körper (und das alte Gesicht) hässlich, also minderwertig sei? Er könnte doch auch als schön und edel, durchsichtig, feinfühlig und vom Leben modelliert gelten. Ist diese Verachtung des Alters nicht einfach auch nur wieder eine dieser schrecklichen „Moden“? Ein verwittertes Haus, ein alter Tisch oder ein alter Baum gelten in unserer Kultur doch auch als schön und besonders fotogen.

    1. Schlimm ist ja, wenn man diese Moden so internalisiert, dass man selbst auf einmal diesen Blick hat. Und merkwürdigerweise habe ich diesen (modischen) Blick gar nicht bei anderen Menschen, Louise Bourgois z.B. empfinde ich als wunderschön im Alter, aber auf mich selbst. Vielen Dank auch für den Hinweis auf das verwitterte Haus und den alten Baum. Das empfinde ich als sehr überdenkenswert.

  2. Das Thema Alter ist durchaus ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit, das nicht nur alte sondern auch junge Menschen betrifft, wobei man das Thema durchaus nicht nur im negativen Aspekt sehen darf. Wir werden alle alt, ich bin es schon 🙂 und was man nicht ändern kann, sollte man ohne Widerwillen annehmen und sich nicht dagegen auflehnen, das ist meine Meinung.

  3. Ich frag mich manchmal, warum ich andern immer negatives Denken über mich und andere unterstelle, wo ich doch a.) so viele wunderbare Menschen kenne ubd b.) selbst über andere nur selten bis nie aufgrund eines ersten Anblicks verurteilende Gedanken fühle. Dazu finde ich alt sein und älter werden einen durchaus „ansehnlichen“ Prozess. Außerdem denken wir doch selten: Die/der sollte sich was schämen!

    Warum also diese seltsame Selbstvorverurteilungsunterstellung?

    Danke für das Gedankenfutter!

    1. Ja warum? Vielleicht eben doch, weil wir das in uns selbst haben. Weil wir doch noch nicht so ganz versöhnt sind mit diesem ungewohnten Gesicht im Spiegel, weil wir das nicht geschafft haben, die Zeit anzuhalten 😉

  4. Das Alter anzunehmen heisst gerade für mich auch Trauer zuzulassen, Trauer darüber was alles war und SO nicht mehr geht, aber auch was nicht war, was hätte sein können und auch damit zu einem Frieden in mir zu finden, was nicht immer so einfach ist, wie es sich liest. Und gerade eben heisst es auch, mich neu in mir einzurichten, mit den Kräften zu gehen, die da sind und die Kraft der weisen Alten wachsen zu lassen. Auch wenn ich noch nicht wirklich alt bin, so hat dieser Prozess in diesem Frühling angefangen. Ich lausche Ängsten, die ich dachte, dass ich sie nicht (mehr) hätte, von Weisheit bin ich doch noch oft weit entfernt, ich freunde mich mit meinen vielen neuen Falten an, färbe meine Haare Zurzeit nicht mehr und beobachte …
    Ich bin dir dankbar, dass du auf deine Art das Thema aufgreifst und mich dadurch bereicherst.

    Herzliche Grüsse
    Ulli

    1. Du sprichst mir aus der Seele, Ulli, genau das empfinde ich auch, es ist notwendig (im wahrsten Sinne des Wortes) die Trauer zuzulassen, um sich auf das Neue einzulassen, wir müssen vermutlich unser altes Selbst, unser altes Selbstbild loslassen, um uns in dieser neuen Gegenwart wiederzufinden.
      Ich bin Dir und allen anderen Kommentatoren hier dankbar, dass ihr meine Gedanken bereichert, umleitet, bestätigt und ihnen widersprecht, so dass das Thema immer neue Richtungen einschlagen kann.

      1. und ich bin dir dankbar, dass du das Thema aufgenommen hast und es, wie es deine Art ist, die ich so schätze, von unterschiedlichen Seiten beleuchtest- für mich ist das Bereicherung- nochmals danke ich dir ❤

  5. Was sie erschreckt, sind die Spuren von Gewalt und Resignation. Manch junges Gesucht trägt sie auch schon. Wir Alten aber haben, mit Glück, die Verantwortung dafür, wie wir dreinschauen. Die Scham also ein gutes Zeichen?

  6. Auch das empfinde ich als sehr wichtigen Hinweis, dass es die Spuren des Lebens sind, unserer Geschichte, die sich abzeichnet und die für andere lesbar ist und wird in unseren Gesichtern. Deine Frage, ob die Scham also ein gutes Zeichen sein kann, verstehe ich leider nicht ganz, ich wäre für eine Erklärung dankbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s