Alter

morning tea – Antije Krog

während sie tee macht rinnt etwas seltsam
vertrautes an der innenseite ihrer schenkel hinab. wie tinte.
nach vielen jahren blutet sie wieder.
sie ist überwältigt

als blühe ein ganzer obstgarten in ihrer
kehle ein altmodisches Glück sickert ein
ihr körper öffnet die fensterläden für äpfel
für schatten die dunsten von vögeln

zikaden und keuchend heißen fernen als ob
das lachen eines kindes das bad überschwemmt spürt sie
wie ihre wangen wehrlos werden
und durchrötet mit täglicher nähe als ob ihr

bauch erneut anschwillt um das
schönste das sie je war ihr nacken liebt so viel licht
sie trägt den tee hinaus auf die veranda der himmel zerfällt
leise für diese zeit des morgens die stadt wie ein gefüllter stausee

er kommt und setzt sich neben sie friedlich
rührt er in seinem tee. so sitzen sie da
so weit zurückgelassen im Verlust –
für ihr alter ungewöhnlich achtsam einander nah

Aus dem Afrikaans von Barbara Jung

(46)

Meine Sprache, die an mir bricht, verborgen, begraben wird durch meine Überzeugungen, durch die Überheblichkeit, deren Zeuge ich bin. Wallace Stevens sagt: „Dinge, die wir sehen, sind Dinge, wie wir sie sehen.“ Das ist unsere Macht, die gleichzeitig unsere Ohnmacht ist. Ein kluges Verweilen in den Zuständen. Zwischen Mitleid und Angst. Zwischenräume, in denen Tausende ertrinken. Am Ufer unserer Wohltätigkeit. Der Mangel, das sind wir. Diese Unfähigkeit hinzusehen, zu handeln, zu teilen.

Alter

Die Scham, alt zu sein, das Bewusstsein, weniger wert zu sein, weniger ansehnlich, weniger erwünscht, schon gar nicht begehrenswert. Coetzee schreibt in „Tagebuch eines schlimmen Jahres“: „Mein Anblick hat sie vielleicht auch erschreckt: ein zerknitterter Alter in einer Ecke, der auf den ersten Blick ein Obdachloser von der Straße hätte sein können.“

Wie wir den anderen unterstellen, Geschichten von unserer Minderwertigkeit zu erfinden, wie sicher wir sind, dass sie nur das Negative sehen, ganz sicher nicht das, worauf wir stolz sein könnten.

Alter

Eine nicht unbedeutende Frage ist ja auch, was Alter für den Einzelnen (Betroffenen?) ist, eine Zuschreibung, oder etwas, womit er sich identifiziert, dem er vielleicht sogar etwas abgewinnen kann. Weniger Abgrenzung als vielmehr Kompetenz?

Und vielleicht auch die Frage, was Alter mit Risiko zu tun hat.

Monika Rinck zitiert in ihrem sehr lesenswerten Essayband „Risiko und Idiotie“ Laura Riding: „Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts.“ Vielleicht ist das „Alter“ ein ähnlich diffuser und einem eindeutigen Gegenstand entbehrender Begriff.

Alter

Sogar eine grenzüberschreitende, seit Jahrzehnten unkonventionelle Frau wie Marina Abramovic, möchte nicht, dass man ihrem Körper das Alter ansieht. Sie bekennt sich freimütig dazu, ihr Gesicht lasern zu lassen, um nicht im Entferntesten wie 67 auszusehen.

Das Altern verhindern, unsichtbar machen, verschieben. Sowohl in der Literatur, als auch im Alltag scheint das die vorherrschende Form des Umgangs mit dem Altern, insbesondere mit dem Altern der Frauen.

 

Gemeinhin wird im Alter die Nähe zum Tod gesehen, Hilfsbedürfigkeit und Verfall. Die alten stehen am Rand, aber nicht, um nach und nach in die Mitte hinein zu wachsen, sondern am Ende, an diesem Rand, der nur noch in den Tod führt.

 

Meine ersten Erinnerungen zum Phänomen Alter hatten nichts mit Tod und Sterben zu tun, sondern mit Scham. Meine Mutter war viel älter als die anderen Mütter und dafür schämte ich mich. Mir selbst war diese Abweichung nie aufgefallen, aber nachdem mich die anderen Kinder eindrücklich darauf hingewiesen hatten, schämte ich mich für das Alter meiner Mutter. Ich lernte: es ist ein Makel alt zu sein.

(45)

Leslie Jamison: ihr Mut, sich ihrer paradoxen Empfindungen, bewusst zu sein, Ablehnung und Zustimmung zugleich. Die eigenen Schwächen, Makel, das, wofür man sich schämt, eingestehen, sogar laut auszusprechen, das ist Aufrichtigkeit, das macht einen Text zu etwas, mit dem ich als Leser in Beziehung treten kann, auf einer umfassenderen als einer rein intellektuellen Ebene.

Und da ist ja auch das Thema: dass man sich schämt für seine Scham, seine Schwäche, dafür, dass man leidet, vielleicht sogar dafür, dass man mit leidet.

Leslie Jamison schreibt: „Ich wollte anschreiben gegen meine eigenen Schamgefühle darüber, wie banal sie war [die Geschichte einer von Mitleid zerfressenen Frau, die von dem Mann, der sie verlassen hat, besessen ist, und ihren Kummer in Alkohol ertränkt]. …

 

(44)

Begriffe, das Belegen mit Namen. Wie dieser Vorgang Erkenntnis überhaupt erst ermöglicht, und wie es sie gleichzeitig verhindern kann, oder wie Elke Erb es auf den Punkt bringt:

„Wie ein Kennen nicht zu einem Nennen verhilft.

Kann ein Nennen gewiß einem Erkennen im Weg sein.“

(43)

Immer wieder diese Frage, was Literatur ist, wo sie sich befindet, wie sie in Zeit und Raum wahrgenommen wird und sich selbst verortet. Scheinbar ist da gerade ein großes Bedürfnis, sich selbst zu vergewissern.

Ein Bedürfnis, das ich vielleicht etwas zu gut nachvollziehen kann. Das der Boden ist, auf dem meine Schwierigkeiten und Unsicherheiten gedeihen. Dieses unbewusste Schwanken zwischen dem Wunsch, dazu zu gehören, und dem Wunsch, endlich nicht mehr dazuzugehören zu wollen. Denn ich bin ja wirklich in nichts eingebunden, aber mir fehlt auch das Selbstbewusstsein von einem Ort, der außerhalb liegt, zu sprechen. Ich bin keine Dichterin, ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, ich habe keine Poetologie, nur meine Neugier und die Liebe zur Sprache. Und leider (diese Art von Überfluss): meine Unsicherheit.

 

Spiegel

Sagen: es bricht mir das Herz, und dann einfach weitergehen. Weitermachen. Da ist kein Platz für mich. Diese Feststellung. Und wie man darüber hinweggeht. Ein Fehler vielleicht. Fehltritt und Stolpern. Weil der Schmerz ein Spiegel ist, die Ablehnung auch. Und der Spiegel spricht. Viel später dann auch zu Schneewittchen, was das Märchen verschweigt.