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Meine erste Wohnung hatte ich nur sehr kurz. Lange genug, um noch heute ein Bild davon zu haben, wie ich sie einrichten wollte, obwohl ich kein einziges Möbelstück in die Räume gestellt habe, nur zwei, drei Mal überhaupt in der Wohnung gewesen bin, um die Räume auszumessen und zu träumen. Meine Träume von einer behüteten Selbstständigkeit zu träumen. Möbel zu bestellen und Handtücher zu kaufen. Weihnachten wollte ich für meine Mutter kochen. Sie einladen, in meine Wohnung, mit ihr essen, was ich gekocht hätte, in meiner Küche. Wo bin ich dann tatsächlich gewesen, Weihnachten 1988? Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an Weihnachtskekse, die ich M. mitgebracht habe, an ein sehr merkwürdiges Silvester mit S., an ein, zwei Heilige Abende mit H. und ihrer Familie. Dazwischen gibt es große Lücken. Ich könnte sie mit Vermutungen füllen, oder mit Lügen. Ich vermute in ihnen haben von Anfang an Lügen gewohnt.

Das erste Weihnachten nach Mamas Tod muss T. noch gelebt haben. Ich erinnere mich in der Mittagspause von der Arbeit nach Hause gefahren zu sein, um mit ihm spazieren zu gehen. Ich erinnere mich an S., der mit ihm einkaufen war. An meine Angst, als er lange nicht zurückkam. Und an den Anruf, als ich ihn von H.´s Mutter abholen wollte. Sein Herz war stehen geblieben. Ich glaube das war, was sie mir sagte. Ich wollte ihn nicht noch einmal sehen. Sie haben ihn in ihrem Garten begraben. Er hatte meine Mutter mehr geliebt als mich. Er muss ungefähr 13 Jahre alt geworden sein. Gut möglich, dass sein Herz gebrochen ist. Obwohl ich es war, die ihm Jahre davor, das Leben gerettet hatte.

Wie viele Weihnachten danach gab es den nächsten Hund, den ich über kurz oder lang verraten habe? Drei Jahre. Vielleicht vier. Ich wusste von Anfang an, dass ich der Verantwortung nicht gerecht werden konnte und wollte. Warum tue ich Dinge, die mich überfordern, die ich eigentlich nicht will? Warum nehme ich mir nicht die zeit, nach den Antworten zu suchen, die nicht einfach nur passen, sondern zu mir passen? Jahre lange habe ich die Augen geschlossen, wenn etwas weh tat, wenn es schwierig wurde. Jahrelang hat das funktioniert. Habe ich funktioniert. Und der Zustand ist tatsächlich ebenso hässlich wie dieses Wort. Weshalb es ein gutes Wort ist, in diesem Zusammenhang. Und richtig.

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