Von Grenzen und Möglichkeiten

Flüchtlinge – die Zahlen, die Fakten, die Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Berichterstattung, das Bild, das da entsteht. Dieses Angst schüren und Abgrenzen. Warum? Wer treibt das voran? Also, wer oder was treibt die Medien, das voran zu treiben? Warum ist es scheinbar so schwer, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Obwohl es ja viele Menschen tun, die jüngste Entscheidung der Bischhofskonferenz bezüglich des Kirchenasyls z.B.,  oder auch die Vielzahl der Stimmen, die sich unverzüglich gegen die unerträgliche Aktion der Bildzeitung gegen Griechenland erhoben haben (und die Europapolitik und derartige Reaktionen haben nur scheinbar nichts mit Flüchtlingsfragen zu tun, wie ich im weiteren Verlauf zeigen zu können hoffe).

Ansätze für eine mögliche Antwort auf meine Fragen, finde ich in einem Artikel von Wolf Reiser. Er schreibt: „Emotionen bestimmen den Diskurs statt Fakten. Vorbehalte statt Wissen.“

Wir wollen stets beides; in diesem Fall, in der Frage um Asylrecht und die Aufnahme und Behandlung von Flüchtlingen ist das: unser schlechtes Gewissen besänftigen und gleichzeitig unseren Reichtum für uns behalten. Flüchtlingen helfen, sie aber nicht in unserer Straße leben lassen. Sowohl als auch. Das muss doch gehen. Das soll die Politik mal machen. Aber die Politik folgt dem Beispiel der Wirtschaft und gliedert aus, die Betreuung von Kindern, die in ihren Familien nicht länger gut aufgehoben sind, die Betreuung von Flüchtlingen. Die Schwächsten der Gesellschaft werden einem Wirtschaftkreislauf preisgegeben, bei dem Zahlen, Kosten und Profite im Vordergrund stehen. Und wir nehmen das hin. Weil wir ja ohnehin nichts machen können, außer alle vier Jahre unser Kreuzchen zu machen (und selbst das tun wir immer seltener), außer auf die Straße zu gehen, und Parolen zu rufen.

Weil die Politiker von Überlastung reden, von Missbrauch, Ansturm, von Wollen aber nicht Können. Und ganz wichtig: immer wieder von Grenzen. Von den Grenzen der Belastbarkeit, der Finanzierbarkeit und natürlich (?) von Ländergrenzen. Die Grenzen setzen den Rahmen, verengen die Perspektive. Wenn man ständig nur die Grenzen im Blick hat, wird alles schnell bedrohlich, maßlos, zu viel. Die Möglichkeiten geraten aus dem Fokus, das Potential, das gerade auch nicht herbeigesehnte Situationen bergen, wird übersehen. Möglichkeiten, von denen alle profitieren könnten, im Miteinander, statt in einer (häufig überflüssigen) Abgrenzung.

Wie wäre es statt Rückzug (hinter Phrasen, Statistiken, die die Angst und Überforderung als berechtigt ausweisen sollen), mit Öffnung, mit dem Versuch eines möglichst vorurteilslosen Blicks? Oder schlicht mit der Anerkennung der Tatsachen: Dass wir längst den Punkt überschritten haben, an dem wir behaupten können, uns ginge das alles nichts an, an dem wir uns der Notwendigkeit darüber nachzudenken, was und wie wir teilen können, verschließen dürfen. Weil das zu Pegida führt. Zu Angst und immer neuen irrationalen Gründen, sich bedroht zu fühlen. Man muss sich das überhaupt einmal richtig klar machen: In einem Land, das seit nunmehr 70 Jahren vom Krieg verschont geblieben ist, dass über eine funktionierende Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem verfügt, fühlen sich die Bürger bedroht, weil Menschen, die von Krieg, Verfolgung, oder auch „nur“ von Perspektivlosigkeit und Armut bedroht sind, hier Zuflucht suchen. Weil sie ebenso menschenwürdig und gut leben möchten wie wir.

Und das verbindet ja die Schwierigkeiten europäischer Politik und die nationalen Probleme angesichts der Flüchtlinge, dass dermaßen an den Grenzen festgehalten wird; hier wir, die wir uns qua Geburt das Recht erworben haben in einem befriedeten demokratischen Staat zu leben, und dort diejenigen, die erst einmal nachweisen müssen, warum auch sie glauben, hier leben zu dürfen. Hier wir sparsamen und fleißigen Deutschen und da die „gierigen Griechen“ (Bild), die immer noch mehr Geld von uns haben wollen, das nachher für die Errichtung von Stacheldrahtzäunen zur Abwehr von Flüchtlingen fehlt.

Vielleicht muss man anders ansetzen. Bei der Angst vor Veränderung. Einer Veränderung, die ja längst stattgefunden hat. Die sich jetzt nur beim besten Willen nicht länger übersehen lässt. Veränderung bedroht den Status Quo. Aber kann Veränderung nicht auch Anlass zur Hoffnung sein? Könnte sich nicht ganz viel schon allein dadurch ändern, dass wir erst einmal hinsehen, was wirklich ist, bevor wir ängstlich die Augen schließen? Und wenn die Angst dann trotzdem bleibt, darüber reden? Nachdenken, statt reflexartig eine neue Mauer hochzuziehen?

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10 Gedanken zu “Von Grenzen und Möglichkeiten

  1. „Wir wollen stets beides; in diesem Fall, in der Frage um Asylrecht und die Aufnahme und Behandlung von Flüchtlingen ist das: unser schlechtes Gewissen besänftigen und gleichzeitig unseren Reichtum für uns behalten.“

    -> Und genau da hängen wir drin fest. Wir halten fest. Wir krallen uns an Dinge. Wir verkrallen uns.

    „Man muss sich das überhaupt einmal richtig klar machen: In einem Land, das seit nunmehr 70 Jahren vom Krieg verschont geblieben ist, dass über eine funktionierende Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem verfügt, fühlen sich die Bürger bedroht, weil Menschen, die von Krieg, Verfolgung, oder auch „nur“ von Perspektivlosigkeit und Armut bedroht sind, hier Zuflucht suchen. Weil sie ebenso menschenwürdig und gut leben möchten wie wir.“

    -> Da dann von eigener Schuld der Vertriebenen zu reden, wie es zuweilen geschieht, ist so zynisch, dass ich manchmal am liebsten k*** würde.

    „Vielleicht muss man anders ansetzen. Bei der Angst vor Veränderung. Einer Veränderung, die ja längst stattgefunden hat. Die sich jetzt nur beim besten Willen nicht länger übersehen lässt. Veränderung bedroht den Status Quo.“

    -> Du bringst es exakt auf den Punkt. Es ist letztlich die Angst. Angst ist die Triebfeder fast aller politischer Entscheide. Das wird mir erst jetzt und hier so richtig bewusst. Damit kann man die Mehrheit wunderbar gängeln. Ich danke dir für diesen weisen, starken Text.

  2. Ich danke Dir, dass Du ihn gelesen hast. Das tun nämlich die allerwenigsten. Ich bin gerade furchtbar genervt vom Bloggen. Von diesem gefällt mir Klickorgien und mitfühlenden Ratschlägen, wenn eine etwas persönlicher bloggt, von diesem Rückzug ins Private. Vielleicht schreib ich etwas dazu und mache dann das Ding hier bis auf weiteres dicht.

  3. Danke Dir dafür! Wenn aus Angst Hoffnung werden soll, braucht es eine Perspektive. Die fehlt, und Angst an sich ist ja ein sehr nützliches politisches Konzept.
    Wenn ich dann von einem SPD-Typen höre, war wohl DLF gestern Abend, dass Deutschland nicht mehr fragen soll, woher jemand kommt, sondern was er kann – und dies als tolle Idee gefeiert wird – dann werde auch ich frustriert. Weil es ja im Umkehrschluss auch bedeutet, dass das Asylrecht für Verfolgte nicht mehr zählt. Wo nur noch Leistung und Können etwas gilt, da will ich nicht dazugehören.

    1. Es wird ja wirtschaftlich fatalerweise nach wie vor am Prinzip: höher, weiter, schneller festgehalten, wobei jedem, der nur ein wenig nachdenkt, klarsein müsste, das es auf diese Weise nicht weitergehen kann. Und was Du von der Angst sagst, trifft natürlich den Kern der gesamten politischen Diskussion und Praxis, wie ich sie seit Jahren erlebe. Angst als machterhaltendes Instrument. Angst-Wirtschaft-Optimierung, so in etwa lautet der Kreislauf, der schnellstmöglich durchbrochen werden müsste. Ich glaube, es wäre eine guter erster Schritt, wenn man versuchen könnte, Rahmen zu setzen, als an diesem längst nicht mehr sinnvollen (vielleicht nie sinnvoll gewesenen) Prinzip der Grenzen festzuhalten.
      Ich freue mich jedenfalls sehr über Deinen Kommentar, dem ich gerne das vergessene „soll“ nachgetragen habe.

    2. Aber ganz ehrlich: das ist besser als nichts, dass danach gefragt wird, was man kann.

      Ich arbeite in einem Betrieb, in dem zum großen Teil Flüchtlinge aus länger zurückliegenden Kriegen arbeiten. Also Menschen, die teilweise seit 20 Jahren in Deutschland sind, die hier Kinder bekommen haben und sich teilweise ein (kleines) Haus gekauft haben und so weiter.
      Und die haben Schulabschlüsse. Und die haben teilweise auch studiert, allerdings im Heimatland, das zählt in Deutschland nicht. Und was ist? Jemand mit zwei Universitätsabschlüssen muss als Lagerarbeiter arbeiten und Pakete hin und her schleppen.
      Wie sinnvoll!

      Angst vor Fremden ist erst mal gar nicht abzustellen. Denn Fremde werden sich naturgemäß erst mal nicht so sehr für die Gemeinschaft einsetzen, in der sie neu sind, in die sie noch nichts investiert haben, sondern erst mal nur von ihr profitieren, bevor sie etwas zurückgeben. Dass beide Seiten da erst mal etwas vorsichtig sind, ist ja in Ordnung. Aber wir lassen sie dann nicht mal was zurückgeben, wenn sie so weit sind! (Die Sprache können, mit den Gepflogenheiten vertrauter sind)

      Wir sind nicht vorsichtig, wir mauern.

      Ich verstehe nicht jedes Wort von dem, was jemand sagt, und er hat auch noch dunkle Haare und dunkle Augen? Dann ist die Sache klar und die allermeisten in Deutschland denken doch dann, achso, ein Ausländer, und zwar im negativen Sinne. Ich sehe das jeden Tag, da werden überall riesige Unterschiede gemacht, diese Leute können einem da Storys erzählen, da glaubt man man hört nicht richtig.

      Manchmal denke ich, die Deutschen haben ein Idealbild im Kopf von irgendso einem „deutschen Volk“ wie es zu sein hat, und ich möchte gar nicht wissen wo dieses Idealbild herkommt.

  4. Gute und starke Worte.

    Wie die angedachten Reformen leider enthüllen, geht es wieder nur um das System. Grenzen werden noch klarer gezogen, gewisse Gemüter beruhigt. Zuwanderung darf sich auszahlen, mehr nicht.

    1. Es wäre ja nicht einmal grundverkehrt nach irgendwelchen Nutzen zu fragen, nur ist es längst an der Zeit diese Nutzen jenseits von rein wirtschaftlichen Berechnungen zu suchen und zu finden. Diese Engstirnigkeit wird alles an die Wand fahren.

  5. Schöner Text und ein höchst brisantes Thema in unserer privilegierten Weltgegend.
    Eigentlich sind Grenzen dazu da um überwunden zu werden. Eigentlich könnte man versuchen das Gemeinsame zu suchen, statt das Trennende ….

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