(31)

Die Stimmen, die Farben, Autotüren, die geöffnet und wieder zugeschlagen werden. Und wie sehr meine Gegenwart, nahezu alles, was ich sehe, höre, wahrnehme, von der Vergangenheit, von Erinnerungen durchwirkt ist.

Der verschenkte Rat, und, wer weiß, vielleicht auch der Unterschied zwischen Humor und Witz, diese schmale Linie, die hauchdünnen Fäden, an denen wir hängen (und wie man es anstellt, sich nicht zu strangulieren).

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(30)

Meine erste Wohnung hatte ich nur sehr kurz. Lange genug, um noch heute ein Bild davon zu haben, wie ich sie einrichten wollte, obwohl ich kein einziges Möbelstück in die Räume gestellt habe, nur zwei, drei Mal überhaupt in der Wohnung gewesen bin, um die Räume auszumessen und zu träumen. Meine Träume von einer behüteten Selbstständigkeit zu träumen. Möbel zu bestellen und Handtücher zu kaufen. Weihnachten wollte ich für meine Mutter kochen. Sie einladen, in meine Wohnung, mit ihr essen, was ich gekocht hätte, in meiner Küche. Wo bin ich dann tatsächlich gewesen, Weihnachten 1988? Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an Weihnachtskekse, die ich M. mitgebracht habe, an ein sehr merkwürdiges Silvester mit S., an ein, zwei Heilige Abende mit H. und ihrer Familie. Dazwischen gibt es große Lücken. Ich könnte sie mit Vermutungen füllen, oder mit Lügen. Ich vermute in ihnen haben von Anfang an Lügen gewohnt.

Das erste Weihnachten nach Mamas Tod muss T. noch gelebt haben. Ich erinnere mich in der Mittagspause von der Arbeit nach Hause gefahren zu sein, um mit ihm spazieren zu gehen. Ich erinnere mich an S., der mit ihm einkaufen war. An meine Angst, als er lange nicht zurückkam. Und an den Anruf, als ich ihn von H.´s Mutter abholen wollte. Sein Herz war stehen geblieben. Ich glaube das war, was sie mir sagte. Ich wollte ihn nicht noch einmal sehen. Sie haben ihn in ihrem Garten begraben. Er hatte meine Mutter mehr geliebt als mich. Er muss ungefähr 13 Jahre alt geworden sein. Gut möglich, dass sein Herz gebrochen ist. Obwohl ich es war, die ihm Jahre davor, das Leben gerettet hatte.

Wie viele Weihnachten danach gab es den nächsten Hund, den ich über kurz oder lang verraten habe? Drei Jahre. Vielleicht vier. Ich wusste von Anfang an, dass ich der Verantwortung nicht gerecht werden konnte und wollte. Warum tue ich Dinge, die mich überfordern, die ich eigentlich nicht will? Warum nehme ich mir nicht die zeit, nach den Antworten zu suchen, die nicht einfach nur passen, sondern zu mir passen? Jahre lange habe ich die Augen geschlossen, wenn etwas weh tat, wenn es schwierig wurde. Jahrelang hat das funktioniert. Habe ich funktioniert. Und der Zustand ist tatsächlich ebenso hässlich wie dieses Wort. Weshalb es ein gutes Wort ist, in diesem Zusammenhang. Und richtig.

Thomas Stangl

„Ich sehe etwas, das ich aufschreiben möchte, hole das Notizbuch hervor, formuliere ungelenk (denn wie kann man etwas aufschreiben, das man sieht?) meine Beobachtung, dann pflanzen die Wörter sich fort, und gleichzeitig beginne ich mehr und mehr zu sehen (denn wie kann man sehen, ohne zu beschreiben, was man sieht?).“

[Thomas Stangl Treffende Worte, Unendlichkeit, gefunden in: Gegenwartsliteratur, Heft 1/2015 Neue Rundschau]

 

 

(27)

Wenn das Leben ein Widerspruch ist, (gegen den Tod zum Beispiel), scheint es folgerichtig, Trost in Paradoxen zu suchen und zu finden (darin zu verschwinden). Oder vergeben. Und die Frage: wem vergibst du dein Leben?

(26)

Was ist eigentlich Verlust? Verleugnung der Lust? Lust am Verlieren? Und was hat das mit Vertrauen zu tun? Wie verändert die Vorsilbe „ver“ die Begriffe? Ver- lieben, ver – lieren, ver – geben, ver – stehen. Was für ein Rätsel.

Ver- schließen nicht zu ver – gessen. Und aus geborgen und gewesen wird verborgen und verwesen.

(25)

Redlichkeit und wie wenig das mit Reden zu tun hat. Ausdauer und Hoffnung, Festhalten und Loslassen, den Schmerz nicht nur aushalten, sondern durch ihn hindurchgehen, bis du dich selbst vergisst, bis da nur noch der Schmerz ist und gleichzeitig, trotz allem, die Freude, dich los geworden zu sein.

(24)

Der Angriff auf die Ungenauigkeiten. Immer wieder. Selbst auf die Ungenauigkeiten meines Schmerzes.

Der Glaube, dass mich alles verlassen hat. Dass es Zusammenhänge gab, in denen ich nicht nur geborgen, sondern aufgehoben gewesen bin, die nun zerstört sind, nicht wiederholbar. Nie wieder werde ich mich so vollständig, so ganz, so glücklich fühlen, wie während der Schwangerschaft. Als wäre damals nicht auch die Angst um das Kind gewesen, die Sehnsucht, es endlich zu sehen, in den Armen zu halten. Als wäre nicht alles von Anfang an auf Vergänglichkeit ausgerichtet.

(23)

Es war nicht die Zeit, die mir an die Gurgel ging, alles eng machte und einschränkte. Es waren meine Vorstellungen, die immer wieder gegen eine Mauer aus Vergangenheit und Vorurteilen liefen.