IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.

III

Irgendwann muss ich damit angefangen haben, mir einzureden von jetzt an sei alles, was ich erlebe, banal, die Zeit der Abenteuer, Umbrüche und Entdeckungen sei vorbei. Ich lernte sehr gründlich, die sich nach wie vor ereignenden Glücksmomente zu übersehen. So gründlich und gewissenhaft, dass ich schließlich den Reichtum meiner Erfahrungen nur noch als Last empfand, als etwas, das alles andere verhinderte, außer mir dem sich stetig verringernden Abstand zum Tod immer bewusst zu sein.

 

II

Man versäumt sich, reißt die Ränder auf und vernäht die losen Flächen erneut. Andere sind vorsichtiger, behutsamer; lösen nur einzelne Fäden, weben sorgsam, darauf wartend, dass ein Muster entsteht.

Montag

Es gibt diese Tage
Da kommt ein Fisch geflogen
Und erklärt dir die ganze Welt
Da ist nichts mehr notwendig
Und alle Briefe die niemals geschrieben werden
Sind für dich
Die ausgekugelten Augen
Die durch die Nächte rollen
Die Lippen die noch nicht wissen
Dass ihre Berührung das Versprechen nicht einlösen kann
Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
In eine verlorene Landschaft
Mit einer Haltung aus Kleingeld
Nach dem sich niemand bückt

I

Nur noch aussprechen, was wirklich notwendig ist, und im übrigen schweigen. Wie Ilse Aichinger für ein Jahr nur einen Satz notieren, oder ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben, wie Salinger all seine letzten Jahre, Jahrzehnte.

 

Rembrandt

Das Alterswerk eines desillusionierten Mannes. Der Ruhm verflogen, die Frau gestorben, relativ mittellos obendrein. Auf der Leinwand reagierte Rembrandt auf diese Situation mit „lossigheydt“, wie die Holländer es nennen. Er malte grob. Und genau das macht seine Spätwerke in unseren Augen groß. Weil sie, wie Hanno Rauterberg feststellt, davon erzählen, dass sich das Eigentliche nicht vom Pinsel fassen, nicht festhalten lässt.

„Im Grunde“, schreibt Rauterberg, „zieht er seine Bilder hinüber in ein Futur II: Sie werden angeschaut worden sein. Bis dahin aber bleiben sie offen.“

Dass diese nicht nur eine Grundlage für Größe in der bildenden Kunst, sondern ebenso für die Literatur und vermutlich auch für die Musik (davon verstehe ich allerdings so wenig, dass ich mich nicht wirklich äußern will) gilt, untermauern Rauterbergs abschließende Sätze über Rembrandts Schluderstil anlässlich einer noch bis zum 17. Mai laufende Ausstellung in Amsterdam in der Zeit vom 12. Februar:

„Niemandem erspart er etwas, auch sich selbst nicht. Seine Bilder sind Bilder des Zweifels, und wenn sie den Menschen bis heute anziehen und nicht mehr loslassen, wenn sie ungemein lebendig scheinen, dann vor allem deshalb, weil das Leben jederzeit entweichen könnte. Nichts als große, braune Dunkelheit wird dann zurückgeblieben worden sein. Auch das gehört zu Rembrandts Futur II.“

 

14. Februar

Irgendwann habe ich angefangen, mir zu viele Gedanken zu machen.

Erst wurden meine Gedichte immer schlechter, schwerfälliger. Belangloser.

Schließlich konnte ich überhaupt nicht mehr schreiben.

Als hätte mein Verstand mich ausgesperrt aus dem Raum der Poesie.

 

Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel. Und das bedeutet vielleicht nur, dass nicht nur unser Körper, sondern auch unsere Talente sterblich sind.