IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.

10 Gedanken zu “IV

  1. Ich habe gerade einen sehr sehr interessanten Künstler entdeckt, bei dem ich mir einbilde dieses Prinzip angewandt zu finden, er nennt sich JR (just ridiciulus) und macht atemberaubend schöne Fotos von ganz normalen Menschen, die er riesengroß an Wände klebt. Ich behaupte, dass seine Fotos so schön sind, weil er wirklich an den Menschen interessiert ist, und ich behaupte, er leistet ganz wichtigen Widerstand, indem er hinsieht, denn er fotografiert ja nicht irgendwelche Menschen, obwohl auch das schon hinsehen und Widerstand wäre, sondern z.B. die Frauen, die in den Favelas von Brasilien gegen Drogenbanden und für ihre Familien kämpfen.

  2. Ich denke, dass die Frage die Frage ist, dass es auch Antworten gibt, wenigstens vorläufige- aber immer geht es auch darum, was wir wissen wollen. Und es gibt die Fragen, denen es gut tut erst einmal stehen gelassen zu werden, die im Untergrund wirken und dann, wenn alles gut geht, auch eine Antwort, eine Lösung erhalten …

  3. Es kommt uns manchmal schwer vor, unbeantwortete Fragen auszuhalten. Ich stelle es mir aber viel schwerer vor, eine letztgültige Antwort auszuhalten, nach der keine Frage und auch sonst nichts mehr offen ist. Wie eine undurchdringliche unüberwindbare Wand …
    Vielleicht passt das Bild aber auch nicht. Vielleicht ist es eher so, dass wir manche Fragen nicht ertragen, weil wir mit ihnen gegen eine Wand stoßen oder vor einer verschlossenen Tür stehen. Wenn sich diese dann irgendwann öffnet, gelangen wir in den nächsten Raum und vor die nächste Tür usw.
    Aber auch das ist nur ein Bild. Ganz am Ende steht der Tod, und wir wissen nicht, ob er eine Tür in einen weiteren Raum bedeutet, oder ob er das absolute Ende ist. Evtl. ist dieses im Laufe des Lebens nicht entschlüsselbare Rätsel die Grundlage aller Fragen?

    1. Ja, das kann gut sein, dass der Tod, den Jan Assmann ja als den Urgrund für Kunst und Kultur ansieht, die Frage ist, um die sich alles dreht, insofern also um die Frage, wie man umgeht mit diesem Wissen um die eigene Endlichkeit, die eingebettet ist in eine größere Endlichkeit.

  4. Künstlerische Tätigkeit als selbstloser Versuch, sich den Prinzipien der Welt zu nähern. Um dann festzustellen, dass sich immer größere unbekannte Räume auftun, je weiter man vordringt. So empfinde auch ich das, und in Momenten höchster Konzentration und sich unterordnender Neugier ist dieses Vorgehen spirituell, würde ich behaupten, wo sich alles vereint, wenn man auch die Glücksgefühle hinzuzählt. Es geht dann auch gar nicht mehr darum, den „Tod“ als ständigen Begleiter zu überwinden. Man ist Teil von Tod und Leben und darf etwas herstellen.

    1. Ein sehr schöner Kommentar. Die Definition künstlerischer Tätigkeit als selbstloser Versuch sich den Prinzipien der Welt zu nähern, gefällt mir sehr, wenn das endlich wieder gelingt, sich selbst los zu werden, stellt sich das Glück meist ganz von allein ein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s