07. Februar

Vedran Smajlović in der zerstörten Nationalbibliothek, 1992.
Vedran Smajlović in der zerstörten Nationalbibliothek, 1992.

 

Seit meine Rezensionstätigkeit bedenklich gegen Null tendiert, habe ich wieder richtige naive Freude am lesen, entdecke solche Schätze wie „Das Konzert“ von Hartmut Lange, von dem ich tatsächlich bis zu dieser Lektüre nichts gehört habe. Ein Buch, von dem Monika Maron schreibt: „Das Konzert ist eine unglaubliche Geschichte, nicht weil sie im Phantastischen angesiedelt ist, sondern weil sie überhaupt gelungen ist.“

 

Das Konzert könnte auch die Konfrontation heißen.

In erster Linie geht es um die Kraft der Kunst, oder vielmehr um die Kraft der Versöhnung und Vergebung. Aber wirklich erstaunlich, wirklich bewundernswert ist, wie viele der großen schweren und letzten Fragen auf diesen wenigen Seiten verhandelt werden, ohne dass etwas überladen wirkt (oder gewollt), aber auch ohne dass etwas im Dunklen bleibt, nicht konsequent seinem Ende zugeführt wird. Vielleicht ist es in erster Linie der Mut, die Überlegungen derart konsequent zu ihrem Ende zu führen, der das Buch ausmacht.

 

Was für ein Motiv; ein Mann, der sich wünscht, mit seinem Mörder einig zu sein. Es ist nicht der eigentliche „Held“, der diesen Wunsch hegt, vielmehr der heimliche zweite Held des Buches, ein gewisser Schulze-Bethmann, der diese Haltung einnimmt: „Es heißt doch, sagte er, im Tode wären wir alle gleich, und wer seinen Mörder empfängt, um ihm zu verzeihen, tja… Warum sollten wir die Eigenschaft der Lebenden, die ihrer Unverträglichkeit keine Grenze geben können, beibehalten?“

Ich will gar nicht so viel erzählen, weil das auch gar nicht möglich ist ein Buch wie „Das Konzert“ nachzuerzählen, aber neben diesem erwähnten Schulze-Bethmann, spielt ein junger Pianist eine wichtige Rolle und eine Frau in mittleren Jahren, die ihm die Laufbahn, die sein früher, gewaltsamer Tod verhindert hat, nun im Nachhinein ermöglichen will. Alle Protagonisten sind bereits tot, alle sind sie während des Nationalsozialismus umgekommen. Sie alle haben eine ganz besondere Perspektive, in Langes Novelle heißt es dazu: „Aber er hatte auch, und dies ist das Geheimnis der toten, den Blick für das Gegenwärtige, und so sah er gleichzeitig, dass es dieses Schloß nicht mehr gab und dass man an eben jenem Platz, auf den er sich zubewegte, eine Monstrosität aus Glas und Beton errichtet hatte.“

Den Pianisten jedenfalls, der immer wieder mit seinem Talent hadert, mit seinem Talent und seinem Schicksal, führt seine Kunst, sein Ehrgeiz es zur Meisterschaft in der Musik zu bringen zu einer Versöhnung, die er sich so niemals hätte vorstellen können. Eine Versöhnung, die aus Entschuldigung und Anklage besteht, in der die Anklage zu einer Klage geworden ist.

Es gibt andere Formen, sich mit dem Unbegreiflichen auseinander zu setzen, und jede davon hat ihre ganz eigenen Konsequenzen. Nur eines gibt es nicht: einen einfachen, allgemeingültigen Weg der Erlösung, kein einfaches richtig und falsch, an das wir immer wieder so gerne glauben möchten.

 

Eine weitere großartige Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, ganz anders als im gleichnamigen Roman von Dostojewski, aber nicht weniger erschütternd und vermeintliche Gewissheiten in Frage stellend.

Was Lange mit dieser Novelle gelingt, ist nicht weniger als das Unaussprechliche zu Gehör zu bringen. 102 Seiten, die Räume öffnen, gerade weil sie sich einfachen Antworten verweigern.

 

 

 

 

 

 

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