19. Januar

Seltsam, wie tröstlich es sein kann, zu erkennen, im Grunde ist nur man selbst das Problem, der Kern und die Quelle all der Probleme, die man zu haben glaubt.

 

Wieder beobachte ich das Phänomen, diese Reaktion, die ich schon häufig beobachtet habe. Wenn da etwas auftaucht, das einfach groß ist, wohltuend, erheben sich nach dem ersten Jubel, Stimmen, die das Phänomen erklärt haben wollen, oder wenigstens verlangen, es zu hinterfragen, gerne auch mit ganz neuen, extra dafür anzufertigenden Werkzeugen. Warum ist es bloß so schwer, sich einfach ergreifen und mitreißen zu lassen?

Dabei kommt mir das natürlich bekannt vor. Was alle gut finden, kann man selbst nicht mehr vorbehaltlos mögen. Mir selbst geht es so mit diesem Tausend Tode Ding. Seit überall Werbung dafür auftaucht, und ich mich frage, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der nicht in diesem Buch vertreten ist, hat sich für mich so eine   Beliebigkeit ergeben, die mich jegliches Interesse verlieren ließ. Das ist einfach zu viel. Die breite Streuung, die ja als Gewährleistung von Vielfalt und als Gemeinschaftsprojekt, das möglichst viele Menschen einbeziehen soll, den eigentlichen Reiz und vermutlich die Grundidee des Projektes ausmacht, führt bei mir zum Rückzug. Ich glaube, ich möchte wirklich das Elitäre. Bei der Literatur bin ich absolut nicht demokratisch.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

Wie Knausgard die Rollen von Kain und Abel verkehrt, eigentlich immer wieder, von der Oberfläche, von dem, was man sieht, zu dem wechselt, was hinter der Stirn vor sich geht, von Emotionen zu Gedanken, von scheinbar unausweichlichen Taten zum Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Handlung.

Er macht es sich nicht so leicht, wie die Bibel, kein Schwarz und weiß, gut und böse. Vielmehr die komplexe Vielfalt der Grautöne eines ganz gewöhnlichen Lebens. Je weiter die Geschichte von Kain und Abel fortschreitet, um so deutlicher wird, dass es auch um das Schreiben geht, um diesen besonderen Zustand, in dem man ganz ist, weil man sich los wird, sich auflöst in etwas, das größer ist, als man selbst. Und das Knausgard eigentlich sein eigenes Dilemma beschreibt, Kain, der Abel bittet bei ihnen zu bleiben, im Dorf, und Abel, der sich nach diesem Zustand sehnt, und bereit ist, den Preis zu zahlen. Im Grunde erzählt er schon in „Alles hat seine Zeit“ von seinem Kampf. Nur hoch verdichtet und metaphorisch, während er in den späteren Büchern sehr direkt ist.

 

„Alles hat seine Zeit“ – Karl Ove Knausgård

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Was Knausgard da schreibt, über die Gefangenschaft im eigenen Körper, in den eigenen Zweifeln und Unsicherheiten, dieses scheinbar ausweglose Leiden an sich selbst, ist schlicht großartig.

 

Das Denken und Abwägen spielt sich zwischen diesen Polen ab: Wenn andere so großartige Sachen wie „Alles hat seine Zeit“, „Der Liebhaber“ und „Unendlicher Spaß“ geschrieben haben, wer braucht dann mein bestenfalls ambitioniertes Gekritzel? Und der Ermahnung (von mir an mich), dass es nicht meine Aufgabe ist, zu beurteilen, was die Welt braucht. Meine Aufgabe besteht allein darin, das Beste aus meinen Möglichkeiten herauszuholen.

18. Januar

Aufgewacht mit starken Schmerzen, die nur sehr langsam abklingen. Aufgewacht mit der (unbeantwortbaren) Frage, wer ich bin. Aufgewacht mit der Sinnlosigkeit von allem. Aufgewacht mit dem fortwährenden eigenen Scheitern. Aufgewacht mit der Erinnerung an den großen Bluterguss auf P.´s Oberschenkel, vom Bandenkampf in der Straße. Aufgewacht mit mir und keinen Weg heraus gefunden.

Raureif auf den Dächern, eine dünne Eisschicht auf den Autos und winzige Schneeflocken, die vorsichtig, behutsam auf die Erde segeln.

„Alles hat seine Zeit“ – Karl Ove Knausgård

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Wenn ich davon ausgehe, dass es etwas bedeutet, wenn bestimmte Bücher zu mir kommen, was ich lese und wahrnehme, Hinweisschilder, wie Miriam schreibt, dann kann ich all das als Unterstützung werten, als Ermutigung, weiter diesen Weg des Nicht- Dazugehören – Wollens zu beschreiten, statt dessen Kraft zu sammeln, um wirklich hart zu arbeiten.

 

Fantastisch und beneidenswert, wie detailreich, wie ausführlich, Knausgård in die Situation geht, das Erlebnis dieses Mannes, der dann Engelsforscher wird, beschreibt, während ich zunehmend parataktische, häufig genug kryptische Sätze von mir gebe.

 

Ist das, was der Baum der Erkenntnis in der Schöpfungsgeschichte bewirkt hat, Scham? Geht die Geburt von Denken, von Unterscheidung, automatisch mit der Entstehung von Scham einher? Sobald es Bewertungen gibt, gibt es Scham?

 

„Schon jetzt hatte die Scham sich von ihrem konkreten Auslöser gelöst und begonnen, ihr eigenes, abstraktes Leben in ihnen zu führen.“ (Knausgård, S. 54)

 

Und wie Knausgård im Folgenden beschreibt, wie die Scham sich verselbstständigt, von ihrem ursprünglichen Auslöser entfernt, und dennoch immer weiter besteht. Sogar wächst?

Lesetagebuch Karl Ove Knausgård: „Alles hat seine Zeit“

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Verständnis erfolgt immer (?) über ein Verständnis der Zeit, in der wir leben. Auf dieser Grundlage. Die aber kann ich (und vermutlich die meisten von uns) nicht überblicken, nicht verstehen. Es ist alles zu nah, um Zusammenhänge zu erkennen, die für ein weitreichendes Verständnis unentbehrlich wären. Also verstehe ich, verstehen wir uns selbst nicht. Und verstehen erst Recht nicht, die Menschen vorangegangener Epochen, weil wir ihnen ein identisches Wahrnehmungs- und Erlebnis-Gerüst unterstellen. Und natürlich einen vergleichbaren Gefühlshaushalt, von dem Huizinga so überzeugend berichtet, das er vor allem anderen von der jeweiligen Kultur, diesem undurchschaubaren Zeitgeist abhängig ist.

„Aber unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen…“ (Knausgård, S. 20)

 

„Es ist nicht das Göttliche unveränderlich und das Menschliche veränderlich, schrieb er, es verhält sich vielmehr umgekehrt, und das genau ist das eigentliche Thema der Bibel: Die Veränderung des Göttlichen von der Erschaffung des Menschen bis zum Tode Jesus.“

(ebd., S. 44)

 

Und das ist vielleicht eine Antwort auf das Beharren von „Der Dilettant“, wir könnten die Gefühle der Menschen aus vergangenen Epochen nicht verstehen.

Doch, das können wir. Denn die Gefühle sind feste Größen, die sich nicht verändern. Angst, Freude, Momente des Glücks, Zorn, Hass, Trauer, werden identisch empfunden, was sich ändert ist ihr Ausdruck, ihre Bewertung und das, was sie hervorruft, oder eindämmt.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

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Seltsam, wie jetzt Engel in mein Leben treten. Zunächst hat Graugans darüber geschrieben und nun dieses Buch von Knausgard. Dabei habe ich nie ernsthaft über Engel nachgedacht, ob ich an sie glaube, oder nicht. Nur, dass sie eher furchterregend als alles andere sein müssten, diese Vorstellung hatte ich seltsamerweise. Vielleicht weil sie in der Weihnachtsgeschichte ihre Verkündigung einleiten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht“.

 

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen“, schreibt Knausgard, „Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

 

Natürlich drängt sich der Gedanke an Form und Inhalt auf. Zu langes Festhalten an einer Form würde also auch den Inhalt beeinflussen?

Daher immer aufs Neue die Suche nach einer anderen, angemessenen Form, um das Denken beweglich zu halten, neue Perspektiven zuzulassen.

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Lese „Alles hat seine Zeit“ von Knausgård.

Die Bibel als Verbindungselement zwischen Marguerite Duras und Karl Ove Knausgård. Seltsam lichter Tag. An dem bestenfalls Hoffnungen, aber keine Erwartungen wachsen.

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Was mir von den Weihnachtstagen in meinem Elternhaus in Erinnerung geblieben ist, ist die kleine Glasglocke, die meine Mutter geläutet hat, wenn das Wohnzimmer zur Bescherung frei gegeben war. Bis zuletzt. Und danach alle Weihnachten ohne Glocken.

H.´s aufgeregtes Plappern (Rudern) an der Oberfläche (solche Angst, zu versinken). Ihr Kopf scheint immer kleiner zu werden, auf dem sich ausbreitenden Körper.