Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

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Dieser ständige Kampf zwischen dem, was ich sein will, und dem was ich bin. Unstet, ruhelos, zum Leben verdammt, wie Kain (der immer der Zweite, der minderwertige war, beim Vater, vor Gott, der sich erklärt, leidet und sich windet, ohne aus seiner Haut, seiner Rolle, seinen eigenen Grenzen zu können), der sich ablehnt und hinterfragt, während Abel von vornherein sich, sein Denken und seine Sehnsucht auf etwas, das außerhalb von ihm selbst liegt, ausrichtet.

Dieses Böse, das immer wieder aufblitzt in meinen Gedanken. Gehässig, kränkend, abwertend.

Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren. Andererseits kann man Dinge nur überwinden, indem man sich ihnen stellt. Sie wahrnimmt.

 

Mut zum Versagen. Das Beste geben, auch wenn man von Vornherein denkt, es wird nicht genügen. Vielleicht gelingt so eine Überwindung der Eitelkeit.

 

Was Knausgard in „Alles hat seine Zeit“ vorwegnimmt, vorbereitet, ist die Auseinandersetzung mit den „männlichen Tugenden“, mit diesem Ethos, niemals Schwäche zeigen zu dürfen, mit Stolz und Macht und Ehre.

 

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3 Gedanken zu “Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

  1. Meine Mutter ist die zweite Tochter ihrer Eltern (insgesamt gab es vier). Stets fühlte sie sich als die Zweite, stets im Hinblick auf die ältere, schönere, klügere, charmantere Schwester. „Ich war der Teufel“, sagte sie oft, „sie war der Schwarm aller.“ Es ergab sich vor einigen Jahren, dass ich die beiden zum Kaffee bei mir zu Besuch hatte. Und es wurde ein interessantes Gespräch darüber, wie sehr die Älteste die jüngere um ihre Klugheit, ihre Spontaneität und ihr hübsches Gesicht mit den dunklen lockigen Haaren beneidet hatte. Es wurde v.a. klar, dass meine Mutter stets alle Vorkommnisse quasi gegen sich interpretiert hatte. Es war ein beglückendes Gespräch und ein zutiefst deprimierendes. Denn es war niemand anderes als meine Mutter selbst, die sich immerfort deklassiert hatte. Könnten wir mit uns selbst weniger wertend umgehen, hätten wir mehr Energie, uns auf das uns Wesentliche zu konzentrieren. Schreiben, um zu sein, z.B. ist ja eine kluge Strategie und ein wichtiger Grund, warum es Schriftsteller/innen überhaupt gibt…

  2. Die Nähe von Eitelkeit, vermeintlicher und Selbstablehnung, sie verblüfft mich. Und auch wieder nicht.

    Für sich selbst die Erste sein, nicht überlegen, wer ich für die anderen bin. In deren Ordnung. Das will ich eines Tages können. Freisein vom Denken anderer. Von ihrer Wertung.

    Ich hoffe, wir schaffen es.

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