19. Januar

Seltsam, wie tröstlich es sein kann, zu erkennen, im Grunde ist nur man selbst das Problem, der Kern und die Quelle all der Probleme, die man zu haben glaubt.

 

Wieder beobachte ich das Phänomen, diese Reaktion, die ich schon häufig beobachtet habe. Wenn da etwas auftaucht, das einfach groß ist, wohltuend, erheben sich nach dem ersten Jubel, Stimmen, die das Phänomen erklärt haben wollen, oder wenigstens verlangen, es zu hinterfragen, gerne auch mit ganz neuen, extra dafür anzufertigenden Werkzeugen. Warum ist es bloß so schwer, sich einfach ergreifen und mitreißen zu lassen?

Dabei kommt mir das natürlich bekannt vor. Was alle gut finden, kann man selbst nicht mehr vorbehaltlos mögen. Mir selbst geht es so mit diesem Tausend Tode Ding. Seit überall Werbung dafür auftaucht, und ich mich frage, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der nicht in diesem Buch vertreten ist, hat sich für mich so eine   Beliebigkeit ergeben, die mich jegliches Interesse verlieren ließ. Das ist einfach zu viel. Die breite Streuung, die ja als Gewährleistung von Vielfalt und als Gemeinschaftsprojekt, das möglichst viele Menschen einbeziehen soll, den eigentlichen Reiz und vermutlich die Grundidee des Projektes ausmacht, führt bei mir zum Rückzug. Ich glaube, ich möchte wirklich das Elitäre. Bei der Literatur bin ich absolut nicht demokratisch.

Advertisements

25 Gedanken zu “19. Januar

  1. Ich bin nicht vertreten (so bin ich die Elite, Ein-Mann-Elite, ansonsten Demokrat). Mich hat auch keiner gefragt.
    Wünsche einen Schönen Guten Morgen und reichlich Mützen
    für den Rest des Tages
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

    1. Danke. Besonders für Ihre Definition der Elite, der ich mich gerne anschließen möchte. Statt Mützen wünsche ich Ihnen viele wohlschmeckende Kekse mit kleinen Vermeerzeichnungen darauf.
      Ihre Mützenfalterin

      1. Nicht umsonst ist ein Groucho-Marx-Zitat mein Slogan und meine Lebensphilosophie: „I don’t care to belong to any club that will have me as a member.“
        Ihr Herr Hund

    1. Das ermöglicht ja diese Sicht, dass ich es bin, die es in der Hand hat, die bestimmt, welcher Art von Zuschreibung, von Gedanken ich nachgehe. Ich bin das Problem birgt die Lösung, denn es heißt ja nichts anderes, als dass ich es lösen kann, dass ich (vielleicht nicht allein, aber in erster Linie) die Macht habe, es weiter bestehen zu lassen, oder aufzulösen.

  2. Mir hat einmal jemand gesagt, wenn du denkst du bist das Problem, dann hast du Probleme.
    Ich lese gerade ein Büchlein über welches ich in unserer Bib gestolpert bin, die Kunst des Nichdenkens.
    Ein Thema, welches der Autor dort behandelt nennt er Gier und ein anderes Dünkel.
    Ein Großteil unseres Leid besteht seiner Meinung daraus.
    Mit Dünkel meint er den Neid, mit Gier unsere Sucht nach Anerkennung, Macht, Glück…
    Womöglich hilt es uns allen, wenn wir mal nicht drüber nachdenken:-)

    1. Im Nachdenken klingt ja auch das an dem Gedanken hängenbleiben an. Wahrnehmen sollte man sie schon die Gedanken, denke ich 😉 Genau so, wie sie nun einmal sind, aber dann kann man sich ja fragen, ob sie so denkenswert sind, oder ob man sie nicht einfach verabschieden und weiterziehen lassen sollte.

  3. Danke, dass du das mit diesem Tausend-Tode-Ding angesprichst. Mir geht es genauso. Als ich das erste Mal von diesem Projekt hörte, war ich eigentlich ganz angetan, auch wenn ich fand, dass das nichts für mich ist, da ich keine derartigen Schreibambitionen verfolge. Mittlerweile kann ich mir nichtmal mehr vorstellen, das Ding zu kaufen. Nicht, weil ich nicht glauben würde, dass da keine guten Texte drin sind, sondern, weil ich mir nicht vorstellen kann, mich durch alle Texte durchwühlen zu wollen, bis ich auch über die guten stolpere. Auch wenn ich den demoraktischen Gedanken eigentlich nachvollziehen kann und das ja gerade das Projekt ausmacht.

    1. Ich habe ja ehrlich gesagt, eine Weile überlegt, ob ich das hier veröffentlichen soll, weil durchaus Menschen, die ich sehr mag ihre Texte dort beigesteuert haben und auch (sicher zu Recht) stolz darauf sind, dort vertreten zu sein, dabei zu sein bei diesem Projekt. Dennoch, trotz aller Sympathie für diese Menschen und trotz der Gewissheit, dass ihre Texte lesenswert sind, ist bei mir derzeit genau das virulent, was ich beschrieben habe. Es tut gut, dass Du das so nachvollziehen kannst.

      1. Ich bin froh, dass du es veröffentlicht hast. So fühle ich mich mit dieser Meinung nicht ganz so alleine und auf dem hohen Ross.

  4. “If you only read the books that everyone else is reading, you can only think what everyone else is thinking.” 
    ― Haruki Murakami, Norwegian Wood
    Mit sich selbst kann man nicht demokratisch sein. Vor allem nicht beim Lesen. „Tausend Tode“ ist natürlich auch so ein Thema, zu dem jeder etwas zu sagen hat. Wir haben alle unsere Erfahrungen damit. So existentiell es sein mag, es ist nicht sonderlich originell, weshalb ich glaube, dass auch die Beiträge nicht sonderlich originell sein werden. Ich könnte dem Projekt Unrecht tun, aber das werde ich vermutlich nie erfahren… 😉

    1. Danke für den Kommentar. Kann ich alles unterschreiben, was Du da anführst. Ich hatte ja eher mit Widerspruch bis Empörung gerechnet, schön, dass ich mich da getäuscht habe, aber es ist ja auch noch früh.

  5. Ich für meinen Teil möchte gerne von dem „Problem“ weg, das ist mir zu psychologisch und am Ende eben von Oben nach Unten gedacht. Ich würde z.B. sagen, ich bin nicht das Problem, ich bin der Fall (im Sinn von ich bin und nicht ich bin ein weiterer Patient).

  6. ich verstehe, was du meinst.
    mir geht es ähnlich, mir ist wichtig /wo/ ich veröffentliche, wenn ich denn veröffentliche (oder veröffentlicht werde). es hat einfach auch mit eigenem anspruch zu tun …

    1. @versspielerin
      was ist denn der eigene Anspruch und (wieso) genügt 1000 Tode dem nicht?

      @muetzenfalterin und Iris:
      Warum ich mich so darüber freue bei dem Projekt mitgemacht zu haben, und zwar genau nicht mit der Beschreibung meiner kürzlich überstandenen Nahtoderfahrung, ist die Tatsache, dass der Erlös komplett an das Kindersterbehospiz in Pankow geht. Was kann es für ein besseres Ziel geben.

      Zum Zweiten möchte ich zu bedenken geben, dass der Versuch nicht das zu lesen/ machen, was der Mainstream tut einen ganz schnell zum Spielball desselben machen kann. Denn wer ständig schaut, was die anderen machen bleibt immer abhängig von ihnen.

      Ich habe das e-Book „1000 Tode schreiben“ hier vorliegen und bin wirklich beeindruckt von der Vielfalt und der Tiefe der Texte. Besonders schön finde ich es, dass einige meiner Lieblingsblogger dort vertreten sind.

      1. oh, tikerscherk, ich kenne „1000 tode“ nicht, sondern meinte das ganz allgemein, dass ich darauf achte, wo ich texte einsende.
        dieses speziell kann ich nicht beurteilen.
        aber das, was ich hier darüber lese, klingt durchaus interessant.
        das thema … geht uns alle an.
        einen lieben gruß dir!

      2. Liebe Tikerscherk,
        ich freue mich, dass Du und Denise das Projekt verteidigen. Denn sicher ist es wert, verteidigt zu werden. Es ist eine gute Idee und vermutlich ist auch die Umsetzung sehr gut. Und dass der Erlös an ein Kinderhospiz geht ist ehrenwert und kann ganz klar ein weiterer Anreiz sein. Trotzdem bleiben meine „Hemmschwellen“ bestehen, ich wollte eigentlich auch gar nicht das Projekt schlecht machen, ich hoffe, dass ist nicht so angekommen, es ging mir allein darum zum Ausdruck zu bringen, warum mich das nicht erreicht, warum ich da, nach anfänglicher Neugier, die durchaus da war, ich habe sogar kurz überlegt, selbst einen Text einzureichen, schnell überdrüssig geworden bin. Es ist tatsächlich die schiere Masse die mich erdrückt, die ersten 250 Texte hätten mich eventuell noch interessiert, aber es geht ja immer weiter und es ist einfach ein großer Unterschied, ob jemand (eine Zeitschrift, ein Herausgeber) für mich die besten aus 1000 vorhandenen Texten auswählt, oder ob ich mit dieser Menge konfrontiert werde. Daran ändert das Thema nichts. Und dass das Ganze ein E-Book ist, erhöht die Hemmschwelle noch einmal für mich, denn diese Dinger will ich einfach nicht in meinem Leben haben. Ich möchte das noch mal ganz klar sagen: nichts gegen das Projekt, das sehr gut gemeint, und vermutlich auch gut gemacht ist, mich erreicht es nicht.

  7. Ich habe nicht gelesen, was die vor mir geschrieben haben. Grundsätzlich sehe ich es ja wie du mit der Beliebigkeit. Mit der Demokratie und mit der Kunst habe ich auch zuweilen ähnliche Gedanken wie du … aaaber dieses Projekt ist anders.

    Wegen des Themas, das niemals beliebig sein kann. Kein Tod ist beliebig. Natürlich kann darüber gesalbadert und gelabert werden, aber was ich bis jetzt in diesem Buch gelesen habe, ist nichts von alledem. Das Niveau ist zwar unterschiedlich, aber was mich begeistert, ist, wie authentisch die Texte sind. Es gibt nur sehr wenige, die nicht etwas bei mir auslösen.

    Ich glaube, man kann über diese Buch nur etwas sagen, wenn man es gelesen hat. Darin gelesen hat. Von außen kann man es nicht beurteilen. Es gibt auch schon RezensentInnen, die darüber geschrieben haben, dass sie ihre Favoritentexte hätten, aber dass das im Grunde einfach nicht dem Thema gerecht werde.

    Ich wünsche mir, dass dieses Buch echt von vielen Menschen gelesen wird. Weniger mit der Absicht, Kunst sprich gute Texte, hochstehende, elitäre Litertatur zu konsumieren, denn mit dem Ziel mehr über das Leben zu erfahren. Sich berühren zu lassen. Sich einzulassen auf die Sicht anderer. Darum geht es.

    1. @Sofasophia

      dem möchte ich mich vollumfänglich anschließen. Mehr über das Leben und das Sterben erfahren.
      Auch den Charity-Aspekt würde ich gerne noch einmal hervorheben.

    2. Auch Dir, liebe Denise, möchte ich noch einmal sagen, dass es mir ja nicht um das Buch als solches geht, um die Qualität der Texte, die ich tatsächlich nicht beurteilen kann, sondern um die Masse an sich, die mich erdrückt, überfordert, und daran ändert das Thema nichts. Ich verstehe Deinen Wunsch, dass das viele Menschen lesen sollten, Dein Text z.B. hat mich sehr berührt, aber nach 500 Texten ist jeder abgestumpft, und na ja, es ging mir ja auch nicht darum, das Projekt an sich und den ehrenwerten Spendengedanken zu kritisieren, ich wollte nur mal erzählen, warum ich da inzwischen ausgestiegen bin, warum meine Neugier weg ist, und die Bereitschaft, mich darauf einzulassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s