Lesetagebuch Karl Ove Knausgård: „Alles hat seine Zeit“

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Verständnis erfolgt immer (?) über ein Verständnis der Zeit, in der wir leben. Auf dieser Grundlage. Die aber kann ich (und vermutlich die meisten von uns) nicht überblicken, nicht verstehen. Es ist alles zu nah, um Zusammenhänge zu erkennen, die für ein weitreichendes Verständnis unentbehrlich wären. Also verstehe ich, verstehen wir uns selbst nicht. Und verstehen erst Recht nicht, die Menschen vorangegangener Epochen, weil wir ihnen ein identisches Wahrnehmungs- und Erlebnis-Gerüst unterstellen. Und natürlich einen vergleichbaren Gefühlshaushalt, von dem Huizinga so überzeugend berichtet, das er vor allem anderen von der jeweiligen Kultur, diesem undurchschaubaren Zeitgeist abhängig ist.

„Aber unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen…“ (Knausgård, S. 20)

 

„Es ist nicht das Göttliche unveränderlich und das Menschliche veränderlich, schrieb er, es verhält sich vielmehr umgekehrt, und das genau ist das eigentliche Thema der Bibel: Die Veränderung des Göttlichen von der Erschaffung des Menschen bis zum Tode Jesus.“

(ebd., S. 44)

 

Und das ist vielleicht eine Antwort auf das Beharren von „Der Dilettant“, wir könnten die Gefühle der Menschen aus vergangenen Epochen nicht verstehen.

Doch, das können wir. Denn die Gefühle sind feste Größen, die sich nicht verändern. Angst, Freude, Momente des Glücks, Zorn, Hass, Trauer, werden identisch empfunden, was sich ändert ist ihr Ausdruck, ihre Bewertung und das, was sie hervorruft, oder eindämmt.

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