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Keine Ahnung, ob ich all die Tagebücher, Skizzenbücher eines Tages verbrennen werde.

Ist es gut, wenn man die Möglichkeit hat, die Dinge relativ ungefiltert zu erfahren? Wenn die Kinder später einmal herausfinden können, wer ich (auch) gewesen bin? Was mit ihnen geschehen ist in der Zeit, an die sie sich nicht erinnern können? Was sie mir bedeutet haben, wie ich an ihnen gescheitert bin? Oder ist es gut, dass manche Dinge im Dunklen bleiben, verschwiegen werden, bis ohnehin niemand mehr da ist, der sie aussprechen kann?

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31 Gedanken zu “(11)

    1. Ja, da gebe ich Dir vollkommen Recht, wenn es um diejenigen Selbstauskünfte geht, die einem Publikum zugänglich gemacht werden, aber ist das auch so bei dem ganz privaten kleinen Tagebuch, das man mit einem Schlüssel verschließen kann, in dem man zumindest versucht, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein?

      1. Die Selbsttäuschung kann durchaus so weit gehen. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob wir immer so verständig sind in Bezug auf uns selbst.
        Aber deswegen wären wir nicht weniger ehrlich, nur weil wir nicht anders können, als das, was uns wichtig erscheint von dem zu trennen, was nicht und Lücken und Auslassungen die Folge sind, genauso, wie wir Begebenheiten betonen und hervorheben, die diese Bedeutung gar nicht haben – für uns in der Erinnerung vielleicht, nicht aber für unsere Entwicklung.

        Mir ist nicht ganz klar, was hier Ehrlichkeit bedeutet?

      2. Ehrlichkeit ist vielleicht kein gutes Wort für das, was ich meine. Du hast Recht. Ich sollte es eher unzensiert nennen. Das, was uns selbst peinlich ist, wenn wir es wieder lesen, oder wovor wir erschrecken, diese Seiten, von denen wir zwar wissen, sie sind vorhanden, die aber eigentlich niemand sehen soll. Also keine Trennung von dem, was uns wichtig zu sein scheint, von dem anderen, sondern die Trennung von dem, was wir anderen zeigen wollen und dem, wofür wir uns schämen.

      3. Man kann sich möglicherweise darauf einigen, dass es bei der Ehrlichkeit, wenn es nicht allein um nackte Fakten geht, immer um die Absicht geht und nicht um irgendwelche Ergebnisse.

        Bei allem, was wir glauben, über uns herausgefunden zu haben, dürfen wir nicht vergessen, dass wir mehr sind als die Summe unserer Erkenntnisse (und der Worte, die wir auf Papier gebracht haben).

      4. Ja, und die Frage ist, ob wir dieses Mehr anderen zumuten wollen, oder lieber für uns behalten sollten. (wobei mir bewusst ist, dass ich das Ganze schon wieder auf das Schriftliche verkürze, aber eben darum ging es mir ja bei meiner Frage).

      5. Ich traue durchaus den Nachgekommenen zu, das, was wir ihnen zukommen lassen, mit derselben lebensnahen Ehrlichkeit beurteilen zu können, mit der wir es -hoffentlich- einmal festgehalten haben.

        Doch ist damit nicht irgendeine Verpflichtung verbunden.

  1. Ich wäre heute oft froh, es gäbe einen Weg – Tagebücher z. B. – um meine Mutter zumindest posthum ein bisschen besser zu vestehen. Wobei – es ist heute eine andere Zeit. Mütter kommunizieren in der Regel heute ganz anders als damals mit ihren Kindern. Dennoch: Mag sein, dass deine Söhne sich dereinst darüber freuen, mehr von dir zu erfahren.
    Endliche Fragen stelle ich mir auch: Wir je jemand meine Tagebücher lesen (wollen) – zumal ich selbst die alten handgeschriebenen kaum noch lesen kann?
    Tja …

    1. Ja, genau, das steckt durchaus auch hinter meinen Fragen und Überlegungen, das Bedürfnis, mehr über meine Mutter, erst Recht über meinen Vater (an den ich mich ja aktiv so gut wie gar nicht erinnern kann) zu erfahren. Andererseits ist es vielleicht eine gnädige Sache des Schicksals, das uns nicht alles, nicht zu viel erfahren lässt?

      1. Gnädiges Schicksal vs. gnadenlose Offenheit. Vage Gefühle und Ahnungen vs. Wissen, wie es wirklich war damals. Ich persönlich wäre froh um eine Bestätigung oder Dementierung meiner Alpträume, die ich von meiner Mutter hatte (Missbrauch). Ob sie solches wohl einem Tagebuch anvertraut hätte? Fragen kann ich längst niemanden mehr. So bleibt sie Ungewissheit. Aber letztendlich ist es, ebenso wie mein Leben und alle meine Worte, in 100 Jahren vergessen. So gesehen bleibt uns einfach immer nur der Moment. (Ich habe grad so meine fatalistischen Fünfminuten … 🙂 )

  2. Was sie erzähle, sei „erfundene Wahrheit“, schrieb Herta Müller in ihrem letzten Buch…
    Das ist m. E. eine wunderbare Bezeichnung für autobiographisches Schreiben.

    Deine autobiographischen Texte sind m. E. ein Liebesgeschenk an Dich, an Deine Kinder und an uns! Sie sind eine kreative Form der Mit-Teilung, Hin-Gabe und Verarbeitung. Und wenn die Zeit reif dafür ist, werden Deine (erwachsenen) Kinder dieses Geschenk annehmen und verkraften können.
    Aus meiner Sicht quälst und blockierst Dich bezüglich Deiner autobiographischen Texte viel zu sehr und zu oft mit Skrupeln. Oder sind es innere, moralisierende Stimmen, Relikte einer restriktiven Erziehung (das kenne ich auch bei mir…)?

    Dein „Für uns Behaltenes“ bliebe im Dunklen wie Schimmel im schlecht gelüfteten Raum.

    Mach einfach weiter!

    1. Danke Elisabeth, für Deine Ermunterung. Ich werde weitermachen, solange ich das Bedürfnis dazu habe, und momentan sehe ich da kein Ende ab. Aber es gibt ja durchaus einen Unterschied zwischen den Dingen, die ich hier veröffentliche, die vielleicht auch so etwas wie „erfundene (aber auch empfundene) Wahrheit“ sind, und den Dingen, die ich in mein ganz privates Tagebuch schreibe. Ich glaube es gibt das Anrecht der Kinder, möglichst viel zu erfahren, um vielleicht manche Dinge im Nachhinein besser zu verstehen, aber es gibt auch die Notwendigkeit gewisser Leerräume, bestimmter Geheimnisse vielleicht. Es ist wie überall im Leben eine Frage der Balance, und die ist immer individuell und immer wieder neu auszuloten und leicht ist das vermutlich nie.

      1. Das ist sicher richtig. Leerräume sind Teil der inneren „Wahrheit“. Und Balancieren gehört zum kreativen Akt. Das Tagebuch kann als eine Art Werkzeug auch mal ausgedient haben und entsorgt werden. Man muss nicht alles aufbewahren.

  3. Dies noch: Ich inszeniere in meinem Tagebuch nichts. Wem sollte das nützen!? Im Gegenteil: Das Tagebuch muss der Ort schonungsloser Offenheit mit mir sein. Wenn nicht hier, wo dann? (Das zur obigen Diskussion mit Herr Ä.)

      1. (Kein Problem…..) Von Nutzen kann nicht die Rede sein, dennoch bleibt für mich ein (gesunder) Restzweifel, ob man sich selbst immer über den Weg trauen kann.

      2. Und das zu recht. Im sich-selbst-Sachen-vormachen, sind wir ja gut. Ich meine einfach, dass das Tagebuch der Ort ist, wo wir am ehrlichstmöglichsten sind. Oder so. Und hinterher sehen wir natürlich schon da und dort beim Lesen, wie sehr wir uns in etwas verrannt haben. Was ich aber meine: Ich bin mir bei Schreiben der Selbstverarschung nicht bewusst. Ich bin von meiner Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber überzeugt. Und das habe ich gemeint. Selbstverarschung ist uns ja in der Regel nicht bewusst. Mir jedenfalls nicht.
        Und so gesehen stimmt es und stimmt es nicht, was du sagst: Sich selbst trauen ist ebenso herausfordernd wie jemandem sonst, und doch: wenn nicht uns, wem dann?
        *grübel*

      3. Meine ich ja, es ist uns nicht bewußt. Vor allem bin ich nicht so gescheit und muss mich allzu oft bei einer Beurteilung meiner selbst auf Mutmaßungen und Interpretationen verlassen, die im Grunde immer situationsabhängig sind.
        Und nicht ich bin es, dem ich dabei mißtraue, sondern der Möglichkeit, beim Schreiben immer auch schon verstanden zu haben, worüber ich schreibe. Und dass es in den Text rein einfließt.

  4. das ist die Frage, liebe Mützenfalterin, die mich auch schon länger umtreibt, ich habe irgendwann einmal verfügt, dass alle meine Tagebücher mit mir zusammen verbrannt werden sollen, mein Sohn wünscht es sich anders, seitdem lebe ich mit diesem Konflikt, einerseits will ich es ihm gönnen seine Mutter auch von anderen Seiten kennenzulernen, andererseits stellt sich eine Scham in den Weg, die Scham mich nicht mit allem anderen zumuten zu wollen … noch immer weiss ich es nicht-

    herzliche Grüsse Ulli

    1. Ja Scham ist ein wichtiges Stichwort. Und es ist vielleicht gar nicht möglich für uns selbst zu entscheiden, wo es Scham ist, wenn wir etwas vernichten wollen, nicht zeigen wollen und wo es wirklich aus Rücksicht auf die Kinder geschieht.

      1. die Kinder, sie werden ja Erwachsene, meine sind es schon und ich weiss, dass ich mich ihnen oft in einer Art zugemutet habe für die ich mich heute auch schäme, aber es stimmt, es wäre wahrscheinlich eine weitere Zumutung und auch streckenweise mehr als banal und profan … ich brauche noch, bis ich mich wirklich entscheide-

  5. Meine Tagebücher sind weg. Alle. Entsorgt. Sie waren, wie Elisabeth schrieb, eine Art Werkzeug für mich. Bange Frage, die ich mir stellte, ob ich es bereuen würde. Nein. Doch, und zwar nur, weil mir die drei ausführlichen Geburtsberichte fehlen. Bei Bedarf kann ich mich zwar erinnern, doch nicht an diese oder jene Einzelheiten.
    Irgendwelche dunklen Geheimnisse wabern immer in Familienlüften. Manchmal wirken gerade die wie laut funkende Sender, können sogar Krankheiten oder Wiederholungen auslösen, wo keiner erst mal weiß, was Sache ist. Das ist nicht mein Gebiet, weil ich es für mich abgeackert habe. Das muss, wer Willens ist, wieder tun. Meine Werkzeuge haben ausgedient.-

  6. Ob man sich auf sich selbst verlassen kann oder nicht (persönlich tendiere ich auch zur letzteren Annahme): ich denke, wir dürfen auch für nahe Menschen oder solche, die sich Auskunft bei uns ausbitten, immer „Geheimnisse“, opake Stellen behalten. Nichts ist für den Respekt tödlicher als der Versuch, sich transparent zu machen. Im Japanischen sagt man (sinngemäß): Ein zu klarer Bach ist auch nix. Meine Mutter ist an Alzheimer erkrankt. Je länger diese Krankheit nun schon dauert, desto mehr bin ich auf meine eigenen Vermutungen, Beobachtungen, Gesten, Zufälle angewiesen. Zur Zeit würde ich sagen, ich „verstehe“ meine Mutter mehr denn je. Und das nun nicht, weil sie reduzierter ist.

    1. Ja, ich glaube auch, dass die opaken Stellen, wie Du es nennst, wichtig sind, nicht nur ihre Berechtigung, sondern ihre Notwendigkeit haben.
      Sehr berührt hat mich Deine Aussage bezüglich Deiner Mutter, vielleicht ist es dumm von mir, aber ich verbinde damit die Zeit mit meinen Kindern, als sie noch so klein waren, dass unsere Verständigung auf Gesten, Beobachtung, Ausprobieren beschränkt war, weil sie ja nicht sagen konnten, was sie wollen und brauchen und trotzdem auf mich angewiesen waren, um zu bekommen, was sie brauchten.

  7. Mir ist es manchmal langweilig alte Äußerungen nochmals zu lesen. Wieviel Zeit müsste man haben? Wieviel Zeit würden spätere Leser investieren? Ich habe schon viel gelöscht, verbrannt, zerrissen. Trotzdem schaue ich auch manchmal einen kleinen Kalender an, in dem meine Mutter geschrieben hatte, was sie gemacht hat: Konzert besucht oder Besuch empfangen, aber sonst keinen weiteren Kommentar. Sie hatte ihre Geheimnisse und ich habe das akzeptiert.

  8. Liebe Leute,
    ich fürchte, ich werde mich jetzt sehr unbeliebt machen, aber mir ist diese Diskussion deutlich zu philosophisch gequirlt.
    Tagebücher können so ganz unterschiedliche Intentionen haben und natürlich stimmt alles, was Ihr so schreibt und auch das Gegenteil. Am sinnreichsten scheint mir am Ende das Herta Müller-Zitat zu sein, das biographisches als erfundene Wahrheit benennt. Das trifft es wohl und nicht erst, seitdem der Grossdichter sein selbstverständlich beschönigendes Werk so richtig Dichtung und Wahrheit betitelte.

    Was mich stört ist diese angebliche Scham selbst über den Tod hinaus. Hat da echt noch jemand was zu verlieren? Müssen wir uns solo wichtig nehmen. Oder kann es vielleicht für die Nachgeborenen ein Trost sein oder von mir aus auch ein Ärgernis, aber jedenfalls ein Teil des eigenen Lebens aus einer scheinbar so bekannten aber dann vielleicht doch ganz anderen Perspektive betrachtet? Ich gäbe jedenfalls was drum, hätte ich von meinen Eltern, die mir im Leben so weit über Ihre Gefühle und innersten Gedanken erzählt haben wenigstens im Nachhinein noch ein wenig kennenlernen könnte.
    Nix für ungut und liebe Grüsse
    Kai

    1. Ich finde Deinen Kommentar sehr interessant, denn mir ging bzw. geht es nicht in erster Linie um Scham, sondern, so denke ich jedenfalls, um meine Kinder, darum, dass es vielleicht auch ein berechtigter! Schutz sein kann, wenn sie eben nicht alles wissen. Natürlich schütze ich damit auch mich, insofern ist die Sache mit der Scham nicht ganz von der Hand zu weisen, aber es steht ja schon in der Edda: Der Mensch wisse nicht zu viel.
      „Der Mann muß mäßig weise sein,
      Doch nicht allzuweise.
      Des Weisen Herz erheitert sich selten
      Wenn er zu weise wird.“

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