(6)

Etwas fühlen, das Gefühl haben, lebendig zu sein, diese voraussetzungsloseste Sache des Lebens, wird immer schwieriger, weil da immer mehr Sedimente sind, immer mehr Ablagerungen, Erinnerungen, eigene und angelesene Erlebnisse. Alles scheint schon tausend Mal geschehen, gesagt und geschrieben worden zu sein. Eine schwer zum Schweigen zu bringende Instanz behauptet nachdrücklich, damit seien die Blicke, Gedanken und Zeilen überflüssig, langweilig, unbedeutende Wiederholungen. Wenn man sich äußern wolle, wenn man behaupten wolle, lebendig zu sein, müsse man sich stärker anstrengen, klüger, beharrlicher und aufregender sein.

Das Kind, das immerzu auf meinem Arm getragen werden wollte, spielt inzwischen Schach. Ich habe vielleicht nicht an Bedeutung verloren, aber wir sind gänzlich andere, unser Leben, unsere Beziehung zueinander ist eine gänzlich andere geworden. Er überfordert mich nicht mehr, wir können reden, verhandeln, streiten und versöhnen.

Advertisements

4 Gedanken zu “(6)

  1. Alle diese Vorbehalte gegen Schreiben kenne ich so gut.
    Ich bin froh um den Satz: „das Gefühl haben, lebendig zu sein“, denn das ist es, was Schreiben mir auch vermittelt. Und wodurch es entgegen mancher Behauptungen eine Berechtigung hat, unabhängig von Quantität und Qualität. Eine Gabe darstellt, die uns geschenkt ist. Für uns selbst. Aber auch, um andere teilhaben zu lassen, anzuregen, zu bestätigen, zu erfreuen, zu Widerstand herauszukitzeln. Auch die Leser dann: lebendig.

    In den „Sedimenten“ auch bei mir das besonders umsorgte Kind, das schwächliche vielleicht, das ins Leben getragen werden muss; jetzt ernährt es eine Familie. Die Erinnerung aber begleitet mich weiter und läuft parallel im Fühlen, das Kleine und das Große.

    In Bali ist es Brauch, dass ein Kind im ersten Lebensjahr von Arm zu Arm, Schoß zu Schoß weitergereicht wird. Nie erlebt man einen weinenden Säugling. Nie darf das Kind den Boden berühren. Denn im ersten Jahr seien die Kinder dem Himmel noch näher als der Erde.

    1. Oh ganz herzlichen Dank für das Mitteilen dieses wundervollen Brauchs aus Bali. Wie weise und wie schön. Aber auch für Dein Erzählen immer wieder, für das Mitteilen, für diese Art von Dialog zwischen Lesen und Schreiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s