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„Das sind die Regeln: Ich muss täglich schreiben, habe also nur begrenzt die Möglichkeit, mir auszusuchen, worüber. Schreibe aber meistens mit vierundzwanzig Stunden Abstand (am Morgen über den vorigen Tag). Dieser Filter ist wichtig. Vielleicht ist seine jahrzehntelange Kalibrierung das Wichtigste, was ich in der Zeit des nicht wirklichen Schreibens gelernt habe. Und dann nochmal vierundzwanzig Stunden bis zur Veröffentlichung. Das gibt mir die Möglichkeit, mir selber ein letztes Mal ins Wort zu fallen und wenigstens die schlimmsten Unglücke zu verhüten – wenn auch nur sehr begrenzt, denn aus dem, was da von gestern steht, muss jetzt der Eintrag werden. Es wird nichts neues geschrieben. Es ist genau dieses Zusammenspiel aus Freiheit und Regeln, die mich vor mir selber schützen, nach dem ich so lange gesucht habe.“ Schreibt André Spiegel am 04. Dezember letzten Jahres in seinem Blog „fortlaufend“.

Braucht das Schreiben Regeln? Vorsichtsmaßnahmen vor dem Veröffentlichen? Wäre das nicht vernünftiger, sinnvoller, als die Kommentarfunktion zu schließen? Überhaupt diese Verschlossenheit, die wachsende Unlust zu reden, und auf der anderen Seite die unstillbare Sehnsucht nach echten Gesprächen, solchen, die weiterführen, etwas ändern, oder zumindest bewegen. Viel zu früh schleicht sich wieder Verständnis ein, oder weniger Verständnis als Rücksicht. Vermeintliches Verständnis für die andern, die ich nicht verletzen will, nicht überfordern mit mir. Selbstkontrolle und Zensur statt radikaler Selbstliebe, wie sie Mary am Meer empfiehlt.

„Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht.“ (Heinrich von Kleist).

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18 Gedanken zu “(4)

  1. Ich denke, es gibt solche und solche Posts; d.h. jene, die ohne Probleme frisch von der Tastatur ins Leben springen dürfen, aber eben auch die anderen, denen ein längeres Verweilen vor dem Veröffentlichen gut tut. Und das durchaus auch den Gründen, die Herr Spiegel angeführt hat.

    Ausloten wird man das in sich selbst müssen. Und wenn ein Unwohl existiert, ob nun in die eine oder die andere Richtung, dann darf man ruhig ein wenig spielen und sehen, wie weit man denn gehen müßte, auf daß das Unwohl doch bitte verschwände.

    Solte die erste Freiheit denn nicht beim Autoren liegen?

  2. Für mich ist die Sehnsucht nach echten Gesprächen nicht unstillbar.
    Für mich ist das „Vertonen“ von Leben wichtig, Regeln dazu mag ich nicht.Obwohl, es flirren mir welche im Kopf herum- wie man zitiert beispielsweise, oder Satzzeichen setzt, noch mehr die Rechtschreibung, doch das sind Sowiesosachen. Ich nehme mir Freiheiten als „Senderin“- und die Empfänger rennen nicht scharenweise entsetzt davon…
    Deinen Eintrag habe ich gern gelesen!

  3. Heute einfach nur danke!
    Ich mag deine Texte, weil ich deine Suche und dieses „Getriebensein“ auch in mir trage. Ich mag deine neuen Texte hier, weil ich dieses Dich-Öffnen so schätze, diesen Mut zur radikalen Suche & Findung & Liebe.
    Ich denke grad spontan: Habe ich mir eigentlich schon mal einen (aufrichtig gemeinten) Liebesbrief geschrieben?

  4. Egal wie: Wenn wir uns weder ein- noch ab- noch die Welt ausgrenzen wollen, wenn wir also nach innen wie nach außen offen und aufrichtig sein wollen, bleibt es ein Spannungsfeld, in dem wir ständig hin- und hergerissen sind und das wir mal als Inspiration, mal als Zerreißprobe empfinden.
    Obwohl wir uns im Kreis bewegen, kommen wir weiter. Und solange wir da sind, können wir alles ausprobieren. Wer wollte uns hindern? In der Vorläufigkeit liegt eine große Freiheit. Die auch eine Last sein kann. Die wieder- und wiederkehrenden Zweifel … Ach … Und das nicht Ankommen. Das immer wieder Herauswachsen aus den Häuten, deren Zahl kein Ende zu nehmen scheint. Die wechselnden Befindlichkeiten. Die Freude darüber, gefunden zu haben und im nächsten Augenblick schon wieder die verzweifelte Gewissheit, dass immer noch etwas fehlt, etwas Entscheidendes …

    Ich mag dein Nachdenken hier, ob mit oder ohne Kommentarfunktion, ob mit oder ohne Antworten auf Kommentare.

    (Diesen Kommentar schreibe ich jetzt gegen meinen ersten Impuls, stumm zu bleiben. Weil es mir irgendwie wie ein Überfall vorkam, dich – kaum ist die Kommentarfunktion wieder geöffnet – mit meinen Gedanken zu deinen zu „bombardieren“. Und weil ich das Bedürfnis, sich gegen Einwürfe von außen zu verschließen, sehr gut verstehen kann. Überhaupt dein Hin- und Hergerissensein. Wegen des o.g. Spannungsfeldes. Aber das ist ja schon wieder eine Anmaßung: zu behaupten, ich könnte verstehen. Das geht ja doch, wenn überhaupt, nur annähernd. Entschuldige diesen „Roman“. Du siehst, was du mit deinen Gedanken an Weiterdenken (nicht Fertigdenken!) auslöst. 🙂 Und man kann virtuell so schlecht eine stumme Geste der Selbstrücknahme und gleichzeitigen Zuneigung übermitteln, wie z.B. ein Lächeln, ein Nicken oder eine kurze Berührung.)

    PS: Ich mag den Kommentar von Sonja (Wildgans).

    1. Ich freue mich, dass Du Dich gegen Deinen ersten Impuls durchgesetzt und diesen Kommentar geschrieben hast, ich freue mich auch, dass ich mich heute spontan entschieden habe, dieses Mal Kommentare zuzulassen. Ich glaube, und um das jetzt so formulieren zu können hat sicher Sonjas Kommentar eine Rolle gespielt, es geht nicht zuletzt um die Freiheit, mir nicht nur die Freiheit zu nehmen, aufzuschreiben, was ich will, den Lesern zuzumuten, was bei mir gerade eine Rolle spielt, sondern eben auch die Freiheit, mich zu entscheiden, wann ich Impulse, Antworten, Gedanken von außen zulassen will und wann ich abgeschlossen für mich bleiben möchte.
      Es geht vielleicht wirklich nicht um Verstehen, wie Du schreibst, aber um ein Nachvollziehen können, um ein Wahrnehmen und Weiterdenken (nicht Fertigdenken) wie Du so schön schreibst.
      Und ja, die stummen Gesten fehlen mir auch häufig.

  5. Diese Regeln von André Spiegel (wie überhaupt seine Worte) gefallen mir, auch wenn ich eine Tendenz habe, Regeln und Strukturen abzustoßen, nehme ich mir vor, es zu probieren. Gerade dieser 24 Stunden Schutz scheint mir sehr sinnvoll (meine jetzige ungeschriebene Vorsichtsmaßnahme ist: Veröffentliche niemals etwas, das du abends übermüdet geschrieben hast).

    Aber ob das Schreiben Regeln braucht, weiß ich nicht, es scheint in sich selbst ein Lernprozess zu sein, der durch Regeln eventuell nicht stattfindet.

    „Überhaupt diese Verschlossenheit, die wachsende Unlust zu reden, und auf der anderen Seite die unstillbare Sehnsucht nach echten Gesprächen, solchen, die weiterführen, etwas ändern, oder zumindest bewegen.“

    Irgendwie habe ich den Glauben an die Möglichkeit solcher Art von Gesprächen fast verloren, wir befinden uns doch immer im Kreis des zu Erwartenden, sind (höchstens) dankbar für Erinnerungen an Vergessenes, so als hätten wir alle Möglichkeiten schon durchgespielt.

    Oder anders ausgedrückt: Vielleicht ist der Austausch, den wir suchen nur in der Ganzheit des anderen (dem Menschen, der Außenwelt) zu finden, nicht nur im Wort, erwarten wir zu viel von der Möglichkeit der Sprache.

    Andererseits passieren wundersame Dinge, Übertragungen von Gedanken, Synchronitäten, die von unsichtbarer Verbundenheit zeugen, wo Worte als eine Art Zeugen auftreten und nicht als Mittel zu Zweck missbraucht werden.

    Meine Schwester (die im Ausland wohnt) schrieb mir heute morgen von genau diesem Problem die Balance zwischen dem Wunsch nach Nähe/Öffnung und dem Gefühl der Nacktheit und Einsamkeit zu finden.

    (Das Verständnis, das sich zu früh einstellt ist übrigens auch ein aktuelles Thema, das Wut in mir weckt, zwar willkommene, doch fremd, befremdliche Wut.)

    Und zum Schluss:
    Müssen sich Selbstkontrolle&Zensur und radikale Selbstliebe sich denn überhaupt im Wege stehen?

    Ich hoffe, der zusammenhangslose Kommentar erschlägt dich nicht und lässt dich die Tore der Kommentarfunktion auf ewig schließen :D.

    1. Erwartungen sind ein ganz wichtiges Stichwort, solche Gespräche, wie ich sie suche und tatsächlich (sehr selten, aber immerhin) erlebe, gelingen nur, wenn keine Erwartungen im Raum stehen, wenn stattdessen Neugier und Offenheit da ist. Vielleicht erwarten wir zu viel von der Sprache, nämlich wortwörtlich und damit selbstverständlich zu sein, so als bräuchte es nicht immer diese zwei Seiten, die aktiv an einem Weiterdenken mitwirken.
      Dein Kommentar erschlägt mich ganz und gar nicht, ist mir vielmehr sehr willkommen.
      Und mit Deinem Einwand hast Du Recht, Selbstkontrolle und Zensur muss der radikalen Selbstliebe nicht im Weg stehen, es geht vielmehr, wie wohl immer und überall im Leben, darum, die richtige Balance zu finden, so auch mit den Regeln und der Freiheit, wenn es um Schreiben und Veröffentlichen geht.
      Was mich jetzt zum Schluss noch interessieren würde, ist, was Du meinst, mit der Wut, die das sich zu früh einstellende Verständnis bei Dir weckt.

      1. Ich meinte wohl ein anderes Verständnis als du, das ja eher Rücksicht ist. Die macht mich auch -wenn auch weniger- wütend, wenn sie so stark ist, dass man sich zurückzieht, sobald man den leisesten Verdacht hat, jemanden zu überfordern oder sich unbeliebt zu machen mit seiner Art/Worten. Früher war ich sehr viel lauter, vorlaut sagten einige. Das hab ich mir abgewöhnt, um nur niemanden zu verletzen, nur keinen Streit zu provozieren.

        Das Verständnis, das ich meinte, ist diese Neigung, alles Nachvollziehen, verstehen zu wollen, für andere mitzudenken, so als wäre das Allheilmittel verstanden zu werden.

        Und auch wenn das sicher ein Bedürfnis ist, neigen wir doch dazu, die Dinge zu schnell mit Verständnis vom Tisch zu wischen.
        Zum einen verhindern wir dadurch ein tieferes Verstehen des anderen, der Dialog wird flacher, zum anderen helfen wir dem anderen auch nicht, wenn wir alles verstehen, wartet der andere vielleicht sogar auf Einspruch.

        Und wütend wurde ich letztens als ich eine Freundin mal wieder wegen des gleichen beziehungsunfähigen Mannes leiden sah und ich bemühte mich, sie zu verstehen. Aber ich konnte nicht mehr, meine Empathie war weg. Ich wollte sie rütteln und anschreien, dass es jetzt reicht, warum sie sich so klein macht und dass sie endlich einsehen muss, dass es nicht funktionieren wird. Aber es hat sich nicht gut angefühlt. Ich schämte mich für meine Wut und mein Unverständnis und schwieg.

      2. Danke für Deine Erläuterung, jetzt kann ich besser verstehen, was du meinst, obwohl ich glaube, dass es kein Unverständnis war, was du gespürt hast, sondern Ohnmacht. Und Deine Wut, das war sehr aufrichtige Empathie.

  6. ich mag regeln, zumindest beim schreiben. sie erinnern daran, dass schreiben – auch – ein spiel ist und dass ich darf, was ich will: regeln brechen zum beispiel. regeln zeigen mir, wie es geht. regeln zu umgehen bedarf taktischer raffinesse, geduld und wie immer bei der sprache: gute ohren. natürlich habe ich gut reden. ich schreibe längst nicht so persönlich, privat. da wäre meine regel tatsächlich auch distanz. kalibrieren ist ein sehr gutes wort dafür. und vielleicht genau das, was einen großen teil des schreibens ausmacht.

    1. Vermutlich ist mein Problem, den Begriff „Regeln“ zu definieren, vieles, was hier als „Regel“ angeführt wird, nehme ich nicht als solche wahr, wenn Tinius z.B. schreibt, eine bestimmte Menge an Texten zu produzieren, sei eine der Regeln, die er sich selbst auferlegt. Das Schreiben, das tägliche Schreiben ist für mich Notwendigkeit und Ritual, ebenso die Kalibrierung, das Suchen nach einer Form. Das Aussortieren, die Entscheidung, was ich veröffentliche und was ich für mich behalte ist schließlich genau das, meine Entscheidung, auch das keine Regel.
      Andererseits stelle ich es mir reizvoll vor, einmal wirklich strenge Regeln aufzustellen, um dann zu sehen, ob ich Möglichkeiten finde, damit umzugehen.
      Und übrigens, das persönliche Schreiben, das ich derzeit verfolge hat absolut nichts Schweres, es ist einfach nur das, was mir gerade notwendig erscheint.

  7. Ich habe mir wenige Regeln auferlegt. Im wesentlichen die, jeden Monat mindestens 5 Texte zu schreiben und zu veröffentlichen, damit sich das Schreiben übt, damit ich nicht unversehens verstumme. Daß ein Blog eine einigermaßen regelmäßige Befüllung verlangt, empfinde ich dabei als relativ hilfreich. Die zweite Regel : ich stelle – wenn möglich – nur Ergebnisse ins Blog (was eilige Korrekturen ab und an nicht ausschließt), etwas also, das ich loslassen kann und will. Die dritte Regel : ich will besser werden. Dies ist ein relativ irrational ablaufender Prozeß, dessen Gelingen ich allerdings nur in der Rückschau feststellen kann – immerhin aber bin ich von meinem Gestümper aus den Anfängen weit entfernt. Mag sein, es ist jetzt nur besseres Gestümper, aber … 😉 – Erwartungen anderer gibt es. Mein mir eigenes Schreiben hat bestimmte Erwartungen geweckt, die allerdings gerade deswegen auch oft erfüllt werden. Aber es gilt auch : das Thema bestimmt die Form und den Stil, und so kam es vor, daß Leser irritiert waren, und es mag sein, mein Schreiben verändert sich im Laufe der Zeit dauerhaft. Form und Stil sind m.E. eine Form der Selbstkontrolle, gerade die Lyrik bedingt sie im hohen Maße. Sie hat zudem den Vorteil, daß in ihr Verdichtung notwendig ist – was sich nicht in prägnanten, stimmigen Bildern fassen läßt, sortiert sich relativ schnell aus. Gerade Iris und Dich finde ich auch in der Prosa oft stark verdichtet. Das mag durchaus eine immanente Selbstzensur sein, aber sie erscheint naturgemäß. Von Politik halte ich mich meist fern, auch weil ich bislang nirgends – auch bei Brecht oder Fried nicht – taugliche Beispiele fand. – Ich habe als eine meiner Veröffentlichungsformen das Blog gewählt. Dort ist eine Kommentarfunktion ein definierendes Merkmal, das ich achte. Nicht immer sind alle Kommentare sachgerecht, etwa wenn man den Unterschied zwischen Lyrischem Ich und der Person des Schreibers nicht beachten mag. Dennoch mag ich gerne Rückmeldungen, die über ein Sternchen hinausgehen. 😉 LG tinius

    1. Klar, besser werden wollen wir alle, oder? Ist das eine Regel? Ich weiß nicht. Deine zweite Regel kann ich voll und ganz als meine eigene annehmen und auch wieder nicht. Auf der einen Seite sind es naturgemäß Ergebnisse, die ich loslassen kann und will, die ich hier einstelle, andererseits ist dieser Blog ein Freiraum für mich, d.h. eben auch, dass die Dinge, die hier erscheinen nicht perfekt sein müssen, dass u.U. gerade dieses Unfertige, nicht zu Ende polierte den Reiz ausmacht. Aber natürlich ist das nicht wirklich vergleichbar, Du veröffentlichst Gedichte und ich lose Notizen, das ist ein großer Unterschied.
      Ja, Form und Stil sind Selbstkontrolle und zusätzlich eine Art und Weise, die wunderbar selbstverständlich sortiert und verwirft, während die Gedanken auf dem Papier gezwungen werden, Form anzunehmen, ordnen sie sich, eine der schönsten Nebenwirkungen beim Schreiben.
      Was politische Gedichte angeht, teile ich größtenteils Deine Meinung, es gab ja vor einiger Zeit diese Reihe mit politischen Gedichten in der Zeit, kaum eines davon hat mich überzeugt. Es gibt sehr wenige politische Gedichte, die funktionieren, die treffen, die überzeugen, das sind dann die, die aus einer tiefen Notwendigkeit heraus geschrieben sind, wo sich persönliche Not und Ausdruck decken.
      Danke für Deine Rückmeldung, die über ein Sternchen hinausging 😉

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